Vergessen

Als ich klein war, lief im Kino die unendliche Geschichte. Meine Wahlschwester war unglaublich vernarrt in Atréju. Beide haben wir geheult, als sein Pferd versank. Beide haben wir uns geärgert, dass der Film nicht an das Buch heranreicht. Beide haben wir uns nicht gewundert oder geärgert, dass die kindliche Kaiserin nur völlig passiv in ihrem Elfenbeinturm hockt, während der Junge Bastian die Welt rettet. Außer Fuchur ist sonst vom Film wenig bei mir hängen geblieben. Vielleicht noch die netten Steinbeißer. Bei Büchern hat man ja seinen eigenen Bilder im Kopf, das ist aktiver und bleibt daher besser hängen.

Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist die Darstellung des Nichts als alles fressender Nebel im Film. Sich das Nichts vorzustellen, fiel mir schwer im Buch. Im Film dagegen wird es vorstellbar, da nicht einfach nur das Nichts dargestellt wird sondern dem nichts vorangehend ist eben ein wabernder Nebel, der mal verdeckt und mal die Dinge wieder für kurz oder lang zum Vorschein kommen lässt, bevor das Nichts sie letztendlich ganz auffrisst und verschwinden lässt.

In den vergangenen Monaten habe ich mich etwas näher mit dem Vergessen in meiner Umgebung beschäftigt. Um genauer zu sein mit pathogenem Vergessen. Alzheimer.
Ich glaube, dass genau jenes Nichts aus dem Film ein gutes Bild für dieses Vergessen ist. Es schleicht sich verborgen in einer Nebelsuppe an die Erinnerungen heran. Manchmal sind die Dinge nur verdeckt vom Nebel aber nach und nach breitet sich das Nichts aus. Und je mehr Erinnerungen schon verschwunden sind, desto schneller breitet sich das Nichts aus. Und nach und nach verschwindet alles, nicht nur die Erinnerungen sondern auch die Persönlichkeit, die Fähigkeiten bis irgendwann eben nichts mehr da ist. Nur bleibt kein Sandkorn übrig aus dem alles neu erschaffen werden kann. Es kommt kein Bastian Balthasar Bux der die Erinnerungen rettet. Es bleiben irgendwann nur die Erinnerungen von anderen. Und der Mensch, der einem am Herzen liegt, geht Stück für Stück verloren.

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