Zeit

Die Zeit steht still. Der Start in den Tag war durchwachsen, vieles ist nicht gelaufen, wie geplant. Es war hektisch und die Zeit ist zu schnell vergangen, wie immer, wenn ich mit den Kindern zusammen bin. Sie lassen die Zeit tanzen und rennen.
Jetzt sind die Kinder in der Kita und die Zeit steht still. Der Weg zur Arbeit zieht sich. Der Arbeitstag nimmt kein Ende. Der Weg nach Hause scheint nicht statt zu finden. Wie in Michael Endes „Momo“, in der Gasse, die zu Meister Hora führt, scheint die Zeit fast rückwärts zu laufen. Es gibt kein Vorwärtskommen zu den wurrligen, wunderbaren Kindern, die so schnell wachsen und groß werden.
Diese großartigen Menschen, die mit ihrer Neugier und ihrem Überschwang die Zeit anstupsen, bis sie einem aus den Fingern flutscht und man ihre Vergänglichkeit kaum noch begreifen kann.

Aber die Zeit dazwischen, besonders an Tagen wie diesen, gleicht es wieder aus. Sie läuft so langsam, dass man locker auf dem Heimweg ein paar Zeilen schreiben kann (wenn man nicht auf dem Fahrrad sitzt, sondern faul ist, wie ich heute). Sie läuft so langsam, dass man sich selbst beim Denken zusieht.
Und an was denke ich? An meine Kinder, die die Zeit wieder in Form stupsen und stupsen und stupsen bis sie wieder rennt.
Dabei ist doch gerade die Zeit mit ihnen so kostbar. Diese Zeit sollte langsam laufen, diese Zeit sollte nicht aufhören. Das Kuscheln, die Fragen, die Ideen, die Gedanken, die Kreativität.
Ich frage mich, wie den beiden die Zeit vorkommt. Ich haben den Eindruck, sie begegnen ihr voller Ungeduld. Es geht ihnen nicht schnell genug groß zu werden, den nächsten Geburtstag zu haben.
Nur morgens, da geht es ihnen auch zu schnell, das Aufstehen-müssen, das Fertig-machen.

Was ist die Zeit doch für ein eigenartiger, wandelbarer Begleiter.

Zeit

Zeit verläuft glaube ich nicht wirklich gleichmäßig, zumindest nicht bei mir.

In der Literatur ist es ganz normal, dass es Zeitdehnungen und Zeitstraffungen gibt.

Und jeder kennt bestimmt das Phänomen im Leben, dass Stunden verfliegen oder sich ein Tag zieht wie Strudelteig.

Trotzdem möchten uns Uhren und manche Mitmenschen suggerieren, das die Zeit völlig gleichmäßig in eine Richtung verläuft.

Wie soll denn das stimmen? Ist es nicht vielmehr so, dass die Zeit manchmal einen kleinen Rülpser tut und dadurch vorwärts stolpert oder inne hält? Ist es nicht vielleicht so, dass die eigenen Zeit auf einmal beschließt ein kleines Wettrennen mit der Zeit des Gegenübers zu veranstalten? Oder im Gegenzug beschließt vor Langeweile oder Furcht das Weite zu suchen und einen für eine Weile im Leben allein zu lassen.

Ich glaube, jeder hat seine eigene Zeit in engem Zusammenhang mit der eigenen Wahrnehmung. Ein Tag mag 24 Stunden haben aber diese 24 Stunden können völlig unterschiedlich lang sein.

Interessanterweise verhält sich Zeit manchmal sogar ein wenig widersprüchlich. Erfahrungsgemäß ist es so, dass Zeit in der man viel schafft oder erlebt eher kürzer vorkommt. Genauso ist vergnüglich verbrachte Zeit kürzer. Trotzdem kann es in seltenen Fällen sein, dass sich diese Wahrnehmung verkehrt.

Besonders paradox wird Zeit wenn auch noch Entfernung auf sie einwirkt. Es kann z.B. sein, dass man alte Freunde Jahre nicht trifft und wenig mit ihnen spricht, sei es wegen realer Entfernung oder der Entfernung, die die beiden Leben eben zwischendurch haben.

Rechnet man die Entfernung aus dem System heraus, trifft man sich und hat einen gegenseitigen Kurzabriss des inzwischen Erlebten hinter sich, so scheint die vergangene Zeit zu verschwinden, als folge sie der Entfernung wie einem lange vermissten Liebhaber. Es ist, als wäre keine Zeit verstrichen. Kaum fühlt man sich verhaftet in diesem kleinen Schnitt zwischen Zukunft und Vergangenheit und fängt an das Gefühl zu haben die Gegenwart spüren zu können, kehrt die Zeit zurück.

Und als ob die Zeit diesen flüchtigen Moment der Nichtexistenz aufholen wolle, beschleunigt sie sich selbst in genau diesemMoment und zieht mit Kraft die Entfernung zurück in das System.

Einen interessanten Verlauf nimmt die Zeit auch, wenn sich die Erfahrungen und Fortentwicklungen im Leben aufspalten. Wie als würde die Zeit zu einer multiplen Persönlichkeit werden, wechselt die Wahrnehmung der Zeit ständig und die Zeit selbst kann einem gleichzeitig kurz und lang vorkommen. Z.B. kurz gemessen am enormen Weitergang der Entwicklungen aber ewig lang gemessen an der Neugier auf die Zukunft.

Und genau da setzt der Fehler wieder ein. Die Zeit ist so flüchtig und wenig greifbar, dass wir versuchen, sie zu messen. Auch wenn wir erkannt haben, dass eine Uhr nicht das alleinige Mittel der Wahl sein kann.