Rituale oder das große Fressen

In meiner Jugend habe ich jedes Jahr beim ersten Schnee genau eine Zigarette geraucht. Davor und danach war das viele Jahre kein Thema, aber beim ersten richtigen Schneetreiben gehörte das für einige Jahre für mich dazu. Ein langer Spaziergang, eine einzige Zigarette und danach mit einem heißen Tee aufwärmen.

Es ist verrückt welche Rituale man für sich entwickelt. Meistens finden sich solche Rituale oder selbstgestrickten Traditionen ja besonders um Feiertage herum.

Vielleicht mag ich gerade deswegen die Vorweihnachtszeit so sehr. Nicht nur weil im Dezember doch meist wenigstens an einem Tag mein heiß geliebter Schnee sich die Ehre gibt, sondern weil diese Zeit vollgestopft ist mit Ritualen, Traditionen und damit übersichtlichen Rahmenbedingungen.

Gerade zu Weihnachten hat jede Familie und oft sogar jeder selbst ziemlich konkrete Vorstellungen was zu beachten ist. Manche dieser Dinge sind kulturell bedingt. Es wird zum Beispiel in Deutschland nur wenige Kinder geben, denen das Konzept eines Adventskalenders völlig fremd ist. Das bekannte und vorfreudige Türchen öffnen wird inzwischen von vielen Firmen als Marketingwerkzeug verwendet, von karitativen Einrichtungen als Adventskalender verkehrt genutzt und von vielen Eltern in liebevoller Eigenarbeit selbst vorbereitet.

Aber schon bei der Verköstigung an Heilig Abend gehen die Meinungen kilometerweit auseinander. Ist die Gegend sehr katholisch geprägt, gibt es möglicherweise an diesem Fastentag noch Fisch, wie das bei der (schon seit Jahrzehnten konvertierten) Familie meiner Mutter war. Karpfen in Aspik mit selbstgemachter Mayonnaise. Was für ein fürchterlicher Alptraum, der sich in unserer Familie zum Glück nie durchgesetzt hat. Trotzdem gab es für meine Mutter bis vor ein paar Jahren immer zu Weihnachten eine Portion dieses Essens von ihrer Schwester für sie um den Heiligen Abend für sie „rund“ zu machen. Ich war nur scharf auf eine Karpfenschuppe für den Geldbeutel. Ein bisschen Aberglauben muss schließlich sein.

In anderen Familien geht es, sagen wir mal moderner zu. Dort wird am Heiligen Abend geschlemmt. Mit mehreren Gängen, Wein und anderen Spirituosen und zum Schluss noch ein Dessert. Ist ja schließlich ein Fest. Happy Birthday Jesus! (Auch wenn der dann doch eher im Frühjahr geboren wurde, aber wer nimmt das schon so genau, wenn es der Kirche hilft). Wieder andere haben für sich erkannt, dass es schwierig ist, alle Geschmäcker unter einen Hut zu bringen, je größer die Familie desto wahrscheinlicher. Da wird dann oft auf die Kompromisslösungen der Familienfestverpflegung zurück gegriffen. Fondue oder Raclette. Da kommt da schließlich jeder auf seine Kosten, keiner muss ewig in der Küche stehen (außer dem, der schnippelt, Soßen bereitet, vorbereitet und anrichtet, aber wer nimmt das schon so genau). Wieder andere sehen das etwas pragmatischer und greifen auf die Klassiker zurück. Kartoffelsalat mir Würstchen oder Linseneintopf.
In meiner Familie ging es meist abwechslungsreich zu. Je nachdem wer mitfeierte gab es mal das eine oder mal das andere. Irgendwann wuchs die Familie. Meine Geschwister verpartnerten sich und bekamen Kinder. Und Schwiegerfamilien. Es wurde also naturgemäß komplizierter. Dazu kam, dass ich als Vegetarier und meine Schwester als Karnivore mit unseren Essensvorstellungen diametral entgegengesetzt lebten. Der eine vertrug dies nicht, der anderes sollte oder wollte das nicht essen. Irgendwann beschloss ich, zumindest den Vegetarier aus der Gleichung zu nehmen und allein zu feiern. Nicht aus Antipathie sondern aus Pragmatismus.
Allein war ich eigentlich trotzdem nie. Meist feierte ich mit meiner Wahlschwester und im Laufe des Abends wurden wir immer mehr. Wir gestalteten uns den Abend so, wie wir das wollten. Als ich dann den ersten Heiligen Abend mit dem Objekt meiner Begierde verbrachte, hielten wir uns nicht an Traditionen, meinten wir. Aber ganz völlig ohne Baum hielten wir es doch nicht aus.

Es gab Lasagne und Feldsalat mit Austernpilzen. Und natürlich sollte daraus keine Tradition werden. Heute, nach vielen Jahren mit diesem Weihnachtsessen fällt es mir schwer, mir etwas anderes zu Heilig Abend vorzustellen.
In diesem Jahr werden wir das erste Mal seit langem in Großfamilie feiern. Ohne unsere eigenen Traditionen. Unser Weihnachten wird mir fehlen. Nicht wegen der Lasagne sondern wegen der Vertrautheit und der Geborgenheit, die Traditionen mit sich bringen.

Plätzchen

Meine Theorie zur Vorweihnachtszeit handelt vom Plätzchen backen und die geht so:

Plätzchen backen ist indirekt proportional zum Plätzchen essen.

Ich habe immer schon ganz gerne gebacken aber nie richtig viele Sorten, obwohl das durchaus einer der Lebensbereiche ist, in dem ich einen gewissen Ehrgeiz an den Tag lege.

Meine familieninternen Vorlagen sind da auch recht hoch. Der Plätzchenrekord meiner Lieblingstante steht z.B. bei über zwanzig Sorten in nur einem Jahr.

Trotzdem habe ich viele Jahre die Zehnermarke nicht überschritten. Bis ich aufgehört habe Plätzchen zu essen. Seitdem ergreift mich der Backwahn. Ich gehöre der seltsamen, saisonal begrenzten Sekte der Powerbäcker an. Im ersten Jahr des Plätzchenzölibats habe ich es auf sage und schreibe 16 Sorten gebracht. Im zweiten Jahr bereits auf 17 Sorten. Vor zwei Jahren habe ich neben einem fünfsortigen Vanillekipfertestlauf noch weitere 16 Sorten fabriziert.

Zunächst nahm ich an ich sei ein Einzelfall. Allerdings begegnen mir zunehmend Powerbäcker die ebenfalls den Plätzchenkonsum verweigern.

Dieses Jahr habe ich das erste Mal seit Jahren keine Lust zum backen.

Ob das bedeutet dass ich wieder Plätzchen essen werde? (Ich hoffe nicht!)