Experiment (Teil II)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Ich hatte also den Plan gefasst mich von Facebook abzumelden. Aber warum?

In letzter Zeit beschlich mich zunehmend ein gewisses Unwohlsein, ein Widerwillen. Zunächst war das gar nicht so richtig greifbar für mich. Aber allmählich kam ich dem ganzen auf die Spur. Facebook machte mich nicht glücklich. Und ich merkte erste Anzeichen einer gewissen Sucht insofern, als dass ich die Seite auf meinen diversen Endgeräten immer offen hatte und automatisch meist als erstes wenn ich danach griff auch prüfte ob es etwas neues gäbe. Mir war langweilig, facebook. Dadurch war mir zwar, wenn ich ehrlich bin nicht weniger langweilig aber ich hatte das GEFÜHL etwas zu tun. Wie viel Zeit ich dafür letztendlich aufwendete konnte ich zwar an meinem wöchentlichen Bildschirmzeitbericht ablesen, aber so richtig spürbar, greifbar, war es erst hinterher. Und dann war da noch ein gewisser Widerwillen gegen die Unehrlichkeit, die Facebook verkörpert. Die Welt ist anders, aber Facebook gaukelt uns eine bestimmte unseren Denkmustern genehme Welt vor. Das kann angenehm sein, wenn man gerade keine Lust hat es zu hinterfragen macht ab er die Welt an sich auch kleiner und ärmer. Facebook präsentiert nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Der Rest wird unter den Teppich gekehrt. Man kann die Wahrheit meisterhaft verschleiern, wenn man einige Fakten weg lässt. Ist das dann schon eine Lüge? Ich weiß es nicht, vermutlich eher nicht. Es ist legitim und nachvollziehbar. Wer möchte schon die langweiligen, peinlichen oder unangenehmen Erlebnisse seines Lebens teilen? Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich mit meiner Lieblingscousine Briefe austauschte. Ich wusste nicht so sehr viel von ihrem Leben. Auch da nur die Dinge, die sie mit mir teilen wollte. Wofür sie brannte und ihre Macken und Schrullen kannte ich kaum. Und sie wusste von mir womöglich noch weniger, weil ich eine furchtbare Sauklaue habe und daher meine Briefe wohl kaum leserlich waren. Trotzdem war da eine Verbundenheit. Wir teilten ganz bewusst bestimmte Bereiche aus unserem Leben miteinander und manches davon vermutlich nicht unbedingt mit jedem anderen. Heute weiß ich dank Facebook, dass sie einen echten Minions-Tick hat, nicht nur auf gutes Essen steht und toll kochen kann (das wusste ich vorher auch schon) sonder auch, dass sie ein Talent hat in allen möglichen Teilen des Erdballs gute Futterstellen zu finden. Ich hatte mitbekommen, dass sie mit ihrem Jahr 2018 nicht glücklich war. Die Hintergründe verschwieg mir Facebook aber.

Und das war nicht bei ihr so. Nur hat der Alltag einen so im Griff, dass es nicht möglich ist bei allen 200 “Freunden” regelmäßig nachzuhaken.

Man gibt sich der bequemen Täuschung hin, dass man schon alles wichtige über Facebook mitbekommt.

Aber was teilt man selbst denn wirklich?

Hinzu kommt das permanente Vergleichen mit den anderen. Man will es nicht, man weiß rational, dass das auch totaler Quatsch ist, weil man ja weiß, dass Facebook maximal die halbe Wahrheit ist, aber man macht es trotzdem. Geniert sich, eine schlechte Mutter zu sein, wenn man die Hochglanzbilder der anderen Mütter sieht, die mit ihren Kindern andauernd tolle Ausflüge machen, interessante Reisen, fördernde Kurse während man selbst tot von der Arbeit und dem Leben an sich auf der Couch liegt und mal wieder dem Lieferdienst das Kochen überlässt. Man vergisst, dass man selbst ja auch Ausflüge macht und bastelt. Ist es nicht fotografiert und auf Facebook dokumentiert, existiert es nicht.

Dieses Phänomen ist inzwischen bekannt und erforscht. Artikel dazu findet man z.B. in Psychology Today https://www.psychologytoday.com/intl/blog/the-defining-decade/201203/just-say-no-facebook-social-comparisons .Es geht sogar noch über das Unwohlsein, dass ich verspürte hinaus. Facebook fördert Depressionen (wohlgemerkt, Facebook macht nicht depressiv per se, aber es hilft dabei depressiv zu werden): https://www.eurekalert.org/pub_releases/2015-04/uoh-usl040615.php

Abgesehen von der ganzen ungewollten Vergleicherei fehlte mir auch einfach die Verbundenheit. Klar hat man sich vor Facebook leichter aus den Augen verloren. Und das war oft mit echtem Verlust verbunden. Aber auch mit echten Überraschungen, wenn man sich dann doch auf dem einen oder anderen Weg wieder gefunden hat. UND die Verbindungen, die bestehen blieben, waren irgendwie realer.

Also habe ich einen letzten Post geschrieben, dass ich in nächster Zeit nicht auf Facebook zu finden sei, mich aber freuen würde, wenn der eine oder andere auf altmodische Art Kontakt halten würde. Es gab ein paar Reaktionen, einige persönliche Nachrichten und dann … löschte ich mein Profil. Was danach geschah, kommt dann im dritten Teil.

Experiment (Teil I)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Seit über zehn Jahren treibe ich mich in diversen sozialen und beruflich-sozialen Netzwerken herum. Als “man” noch in StudiVZ, bei den Lokalisten oder in MySpace umherwanderte, fing es auch in Deutschlnad an, dass man sich bei Facebook anmeldete. Während das am Anfang noch exotisch war, verwandelte das sich schnell zur erstaunten Frage: “Was?! Du bist nicht bei Facebook?”
Facebook hat mittlerweile übernommen. Facebook ist der Ort an dem “alle” zu finden sind. Dazu kann man sich dort seine Nachrichten zusammenstellen. In meiner “Timeline” erscheinen Meldungen von der Süddeutschen, der Zeit, von pinkstinks, den Rebel Girls, der girls on web society, einem Volksbegehren, zwei Fernsehserien, netzpolitik.org, mimikama und verschiednenen anderen Seiten, die für mich so selbstverständlich sind, dass sie mir gar nicht mehr einfallen. Ich habe mir also längst meine persönliche Filterblase gestrickt.

Dadurch, dass am Anfang nur so wenige bekannte Gesichter bei Facebook zu finden waren, kam hinzu, dass ich zunächst jedes bekannte Gesicht als “Freund” akzeptierte, ob das nun jemand war den ich auch im echten Leben als Freund bezeichnen würde oder nicht.
Sind wir mal ehrlich: Es hat ja auch ein bisschen was von Sammelbildchen – man will sein Album voll bekommen. Die Freunde aus der Schulzeit, bei denen ich besonders gerne wüßte, was aus ihnen geworden ist, habe ich übrigens zum Teil bis heute nicht gefunden.
Aber es gibt ja auch Sammelbildchen, die man irgendwie NIE kriegt.

Da ich sehr selten etwas poste, Bilder hochlade oder meinen Status ändere, tauche ich vermutlich in den Filterblasen sehr weniger “Freunde” auf. Diejenigen, die bei mir zu sehen sind, sind auch nicht unbedingt die, mit denen ich im echten Leben einen besonders engen Kontakt habe. Bei denen, die mir in der Vergangenheit etwas näher standen, war sogar einer dabei, der so wenig in meiner timeline auftauchte, dass ich monatelang nicht bemerkte, dass er sich längst abgemeldet hatte.

Es gibt aber auch einige Entdeckungen: Der Schulkamerad mit dem ich nie besonders viel gesprochen hatte als wir in einem Jahrgang waren, dessen Posts ich aber neugierig verfolge, weil der Ausschnitt seines Lebens, den er teilt, wirklich interessant ist. Der schräge Exfreund einer Freundin, der immer noch irgendwie schräg ist, aber sein Ding macht: dezidierte, gut formulierte Meinungen teilt und interessante Veranstaltungen entdeckt. Die sympathische Aktivistin, die mir im echten Leben sehr nah ist, weshalb wir eher persönliche Gespräche führen als darüber zu sprechen, was ihr politisch am Herzen liegt. Der ehemalige Theaterkumpel, der die witzigsten Entdeckungen im Intenet macht und sie dankenswerterweise teilt.
Und dann gibt es noch die, die man irgendwann sehr mochte, aber aus den Augen verloren hat. Man hat das trügerische Gefühl trotzdem noch mitzukriegen was bei ihnen im Leben passiert, weil sie Reisefotos, Hochzeitsfotos oder Kinderbilder posten. Trifft man sich dann allerdings mal zufällig auf der Straße, merkt man schnell, dass man einige wesentliche Dinge, Erlebnisse oder sogar einschneidende Veränderungen verpasst hat.
Und nicht zu vergessen mein Lieblingscousinchen, die mir immer sehr am Herzen liegt, deren Leben ich mittlerweile aber tatsächlich überwiegend über Facebook und FB-Nachrichten verfolge.

Vor einigen Jahren war dann ein Punkt erreicht, an dem ich mich so über mich selbst geärgert habe, dass ich lauter Leute in meiner “Freundesliste” hatte, mit denen ich mich im echten Leben gar nicht so recht verstanden habe, dass ich radikal “ausgemistet” habe.
Meine Liste ist damals von gut 400 auf etwa 200 geschrumpft ist.

Trotzdem hat sich wenig verändert. Nur Facebook hat sich verändert. Die Algorythmen haben sich immer mal wieder verändert. Es sind ein paar neue Freunde dazu gekommen, die Skandale häuften sich und die Nachrichtenfunktion wurde für alle Nicht-Messenger-Nutzer abgeschafft.

Ich habe mich verändert.

Dies alles ist die Ausgangsbasis für mein Experiment:
Ich habe mir vorgenommen, mein Facebookprofil zu löschen.

Warum, wie und was danach passiert, gibt es im zweiten Teil.