Weichenstellungen

Vergangenen Sommer kam ich in den wunderbaren Genuss einer Mutter-Kind-Kur.
Einen Kurplatz zu bekommen, relativ kurzfristig noch vor Schulbeginn, stellte eine gewisse Herausforderung dar. Organisiert war das für meine Verhältnisse gar nicht. Zu lange hatte ich gezögert, zu lange ausgehalten. Aber es sollte sein: während ich noch am Telefon hing, um herauszufinden bei welchem Kurhaus ich mich wenigstens auf die Warteliste setzen lassen könnte, sagte just in dem Moment die richtige Familie ab und ich griff zu.
Bei weiterer Recherche stellte sich heraus, dass die Ausrichtung für uns speziell gut passen würde. Ich wurde zuversichtlich auch wenn ich mit einem Teil meiner Selbst nicht der Meinung war eine Kur wirklich verdient und nötig zu haben.
Zudem las ich vorweg einen Artikel in der TAZ wie schrecklich und furchtbar Mutter-Kind-Kuren doch seien. Und trotzdem!

“Dringend nötig!” sagten meine Freunde, “Total verdient!!” sagte mein Mann, “Sicher sinnvoll.” sagte mein Hausarzt, “Wenn es sein muss…” sagte mein Chef.

Kurz nach dem wir die Geburtstagsfeier meines Gatten hinter uns gebracht hatten (vgl. I survived the Kindergeburtstag, und ja es gab Tränen), machte ich mich Sack und Pack, mit Säckchen und Päckchen und vor allem mit meinen beiden wunderbaren Mädchen auf den Weg nach Franken, wo die Kur stattfand.
Ich war endlich der Meinung, dass eine Kur mir gut tun würde.
Wer vor dem Packen und der Anreise zur Kur noch nicht völlig kurreif ist, ist es sicher danach.

Ich hatte vor an mir zu arbeiten. Mich zu optimieren und alltagstauglicher zu werden. Geduldiger mit den Kindern, dickfelliger gegenüber meinem Chef und zuversichtlicher im allgemeinen.

Und endlich, endlich wieder voller Energie sein für alle Herausforderungen des Lebens, denen man ja ohnehin nicht aus dem Weg gehen kann. Ich wollte fleißig sein und endlich die perfekte Mama. Nebenbei wollte ich endlich wieder schreiben (abends), mit den Kindern basteln und vorlesen.

Ich selbst sah mich zwar etwas erschöpft, klar, hatte das eine oder andere Zipperlein, der Schlaf war etwas rar.
Aber letztendlich hat doch jeder sein Päckchen zu tragen und meines erscheint mir meist nicht ungewöhnlich groß.
Nun ja. Immerhin würde es bedeuten, dass ich ENDLICH mehr Zeit für meine zauberhaften, wissbegierigen Kinder hätte.

Allein das ist mir so manches wert.

Voller Tatendrang kam ich also an: 
Und dann… …passierte erst einmal gar nichts!
Wir warteten darauf anzukommen. Wir hatten ein Aufnahmegespräch. Wir bezogen unser Zimmer. Wir gingen auf den Spielplatz. Die Kinder knüpften Kontakte. Ich ließ mein Hirn baumeln. Am Abend nach dem Abendessen, fielen wir alle drei ins Bett.

In der Eröffnungsrunde war ich die erste die greinte. Aber definitiv nicht die letzte. Ich hatte meinen Stundenplan und der war voll. Gut so, ich wollte fleißig sein und an mir arbeiten. Ich hatte Zeit mit den Kindern, aber weniger als gedacht.

Ich fing an neben meinen geplanten Gesprächen und Massagen und Gruppen und Sportangeboten und was weiß ich, auch mit anderen Müttern ins Gespräch zu kommen.

In der zweiten Woche hatte ich zwei einschneidende Erlebnisse.
Ich begriff, dass ich doch etwas mehr am Limit war als ich dachte und dass es sehr wohl noch eine mächtige Stellschraube gab an der ich mit etwas Mut drehen konnte. Ich war die ganze Zeit der Meinung, den Job zu wechseln käme nicht in Frage. Eine Probezeit zu riskieren in meiner Gesamtsituation wäre außer Diskussion. Aber ich erkannte, dass ein Chefwechsel die einzige verbliebene Stellschraube war. Und dass nichts zu ändern und einfach so weiter zu machen wie zuvor das größere Risiko darstellte.

Außerdem unterhielt ich mich mit einer der anderen Mütter und stellte fest, dass sie in einer ähnlichen Konstellation eben nicht einfach gekämpft hatte, sondern aufgegeben und anders weiter gemacht hat.
Das erste Mal, nahm ich mich und mein Durchbeißen nicht für selbstverständlich, sondern sprach mir selbst Anerkennung zu.

Beide Erkenntnisse haben mein Leben bereichert. Ich habe viel Kraft getankt, habe einiges gelernt und über mich erfahren, fühlte mich gut aufgehoben.

In der dritten Woche verletze ich mir den Fuß. Tagelang konnte ich nicht auftreten ohne, dass mir schwarz vor Augen wurde. Ich musste mein Programm auf das Notwendigste herunter streichen. Ich musste mich mit dem Nichtstun beschäftigen. Mit mir selbst. Ich hatte vergessen wie das war. Und auch hier gewann ich neue alte Einsichten. Und ich merkte, wie sehr ich einem beständigen Grundrauschen ausgesetzt war. Die ganze Zeit.

Vor allem aber habe ich neue Freunde gewonnen. Denn wenn man sich unter Müttern zuhört und Verständnis für einander aufbringt, wenn man sich, wie in einer Kur, bewusst macht, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat und aufhört sich blenden zu lassen von den perfekten Müttern.
(Die Mütter, die man überall zu sehen scheint, die alles spielend hinbekommen, die immer geduldig sind, die immer Zeit haben für Arbeit und Kinder und Haushalt und Hobbies und Freunde und Familie und Basteln und Backen für irgendwelche Anlässe und und und)
Dann merkt man, dass man nicht allein ist. Dass da eine unglaubliche Wertschätzung sein kann. Dass man sich GEGENSEITIG gut tun kann. Genauso wie es eigentlich immer sein sollte.

Heute sitze ich hier und es geht mir gut. Ich habe inzwischen in einer neuen Firma angefangen.
Ich schreibe wieder. Ich liebe meine Familie und meistens habe ich auch Geduld.

Ich bin immer noch genauso weit entfernt von der Mutter, die ich gerne sein würde, aber ich habe gelernt, dass es den meisten Müttern nicht so viel anders geht. Ich weiß mich selbst wieder mehr wertzuschätzen. Ich bin gelassener, habe nettere Chefs und mehr Zeit.

Meine Theorie: Jeder kann von einer Kur profitieren. Wer die Chance hat, sollte sie nutzen. Es ist kein Zeichen von Schwäche diese Möglichkeit zu nutzen, es ist ein Zeichen davon, dass man sich selbst gut behandelt und die richtigen Weichen zu setzen bereit ist.