Bestattungen

Neulich empfahl mir ein Chef, nach Möglichkeit nicht im Ausland zu sterben, meiner Familie zuliebe. Der bürokratische Aufwand sei enorm.

Ich behaupte mal, dass es meiner Familie am liebsten wäre, wenn ich bis auf weiteres erst einmal gar nicht sterbe. Und irgendwie steht das auch so gar nicht auf dem Programm.
Wenn es denn dann doch einmal soweit sein sollte, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies im Ausland geschehen wird eher gering, da ich inzwischen sehr wenig unterwegs bin.
Was ich allerdings sagen kann, ist, dass zumindest schon ein paar Vorbereitungen und Vorüberlegungen getroffen sind. Mein Erbe ist geregelt auch wenn es nichts besonders viel zu erben gibt. Der Satz „ Mama, wenn Du mal tot bist, kriege ich dann dieses T-Shirt“ ist auch in der einen oder anderen Variation schon öfters gefallen.

Und eines sonnigen Frühlingstages brachte meine ältere Tochter auch auf dem Spielplatz das Thema Bestattung auf. Konkret fing es mit ihrer Sorge an, wie denn eines Tages wohl die Bestattung ihres Vaters vor sich gehen würde. In Ihrer Vorstellung kämen Männer, die seinen Leichnam in eine Ritterrüstung stecken würden und auf den Müll schmeißen.
Vermutlich hat sein Hang zum Histotainment da irgendeine Sorge bei ihr ausgelöst. Und auch wenn das zugegebenermaßen ein wunderbarer Beginn für einen Krimi abgeben könnte „Tod auf dem Mittelalterlager“ oder so, konnten wir sie doch beruhigen, dass mit allergrößter Wahrscheinlichkeit, seine Bestattung gewiss nicht auf diese Weise ablaufen würde. Wir fragten sie nach ihren Wünschen und ihn nach seinen Wünschen und fanden letztendlich eine Einigung mit der alle mehr oder weniger zufrieden sein konnten.

Mit meinen Wünschen war sie dagegen überhaupt nicht einverstanden.

Ich komme, was das betrifft nämlich eindeutig nach meiner Oma. Während meine Großmutter ein ganz klassisches Begräbnis hatte, mit Gottesdienst und vielen Tränen, hatte sich meine Oma eine Seebestattung gewünscht. Fast die komplette Nachkommenschaft kam also an die Ostsee angereist um ihre Urne zu versenken. Es war ein äußerst stürmischer Tag. Die Hälfte der Nachkommen kniff als sie den Kutter sahen, mit der wir und die Urne in See stechen würden. Der Wind und die Wellen waren wunderbar! Wir verbrachten die Fahrt damit und Geschichten über sie zu erzählen. Und auch wenn alle traurig waren, wurde auch viel gelacht.
Besonders, als wir umdrehen mussten, da die See zu stürmisch war. Es war für uns nicht möglich, weit genug auf See zu fahren um die Urne zu versenken.
Ein Quell schwärzestem Humors für uns alle.
Wir hatten also eine letzte, sehr stürmische, Spazierfahrt mit meiner Oma.
Wir hatten einen guten Tag.
Beim Leichenschmaus, waren dann auch wieder alle dabei. Es entstanden neue Kontakte, neue Ideen und gute Gespräche über alte Erinnerungen.

Seitdem denke ich am Meer auch immer ein bisschen an meine Oma.
Ich muss zu keinem Friedhof reisen um sie zu besuchen und an sie zu denken, ich muss nur ans Meer. Und das überall.
Und genau so etwas möchte ich auch. Lachen, Erinnerungen und keine Grabpflege sondern einfach Menschen die auch danach noch an mich denken.
Und das womöglich auch noch mit einem schönen Urlaub am Meer verbinden.
Es ist mir egal, wenn ich dann nach ein paar Anläufen irgendwann alleine versenkt werde.

Meine Mutter hat ihre Meinung zur Bestattungsform über die Jahre häufig geändert. Trotzdem kannte ich spätestens ab der Schule fast immer ihre aktuellen Wünsche. Mal ein Naturstein, mal ein Holzkreuz, mal Urnenbestattung, mal im Sarg, mal auf dem Friedhof, mal in einem dafür vorgesehenen Wald.
Viele Menschen machen sich sehr lange wenig Gedanken darüber wie sie einmal bestattet werden wollen.

Auch das Objekt meiner Begierde war sehr überrascht, als ich das Thema in unserer frisch verliebten Anfangszeit das erste Mal aufbrachte: beim Spazieren gehen mitten im Wald. Für mich ist es ganz normal.
Es gehört ja irgendwann zum Leben dazu. Wenn man jemanden wirklich kennen lernen möchte, sollte man auch seine Meinung zu diesem Thema kennen.
Und irgendwie nimmt es der eigenen Sterblichkeit ein wenig den Schrecken, wenn man zumindest in Ansätzen seine letzte Party organisiert. Auch wenn ich, wie die meisten Menschen natürlich hoffe, dass diese letzte Party für mich und noch mehr für meine Lieben möglichst lange auf sich warten lässt.