Glotzen und bescheissen

Ich bin leider schon seit sehr langer Zeit ein Fernsehjunkie. Ich sehe unglaublich gerne Fern. In dieser Zeit lasse ich die Figuren auf dem Bildschirm leben und schalte mich selbstständig auf Standby. Ich muss in dieser Zeit nicht denken oder funktionieren. Trotzdem sehe ich besonders gerne Serien, weil man da eine gewisse Bindung zu den Figuren aufbaut. Man fiebert also mit, leidet mit und weint vielleicht sogar ein bisschen um sie, wenn sie sterben. Und trotzdem ist es eben nicht das eigene Leben, mit dem man sich in dieser Zeit beschäftigen muss. Man kann das ausblenden.

Ich gestehe, noch lieber habe ich es aber, wenn mein eigenes Leben in Form meiner Familie friedlich an dieser Pause teilnimmt. Kuschelnd mit den Kindern oder dem Objekt meiner Begierde im Flimmern des Fernsehers versinken finde ich unglaublich schön. Wäre da nicht… ja wäre da nicht das schlechte Gewissen. Denn ich weiß ja, dass Fernsehen, keinem von uns vieren gut tut.

Wir haben also ein Chipsystem entwickelt, mit dem wir alle vier unseren Fernsehkonsum etwas mehr kontrollieren können. Das funktioniert auch ganz gut bisher. Nur, wenn eine Serie zu Ende geht, dann ist es am Schluss vielleicht über das Chipsystem hinaus spannend. Zudem ist es ein bisschen, wie wenn man sich von alten Freunden verabschieden muss. Es gilt also kreative Lösungen zu finden. Und die finden dann natürlich in ähnlich gelagerten Fällen auch die anderen drei. Vielleicht ist das aber gerade gut. Schließlich fördert das dann wieder das kreative, problemlösende Denken?

Kommunikation


Ich glaube ja seit einiger Zeit eine neue Beobachtung gemacht zu haben, die mir, je länger ich darüber nachdenke, immer einleuchtender erscheint. Die Art wie Familien miteinander sprechen, bedingt auch, wie oft sie sich bestimmte Dinge erzählen. Damit meine ich nicht den ersten Greisenblödsinn, durch den man ohnehin alles ein wenig öfter erzählt, sondern in jeder Altersstufe. Und ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass man sich dem Gesprächsstil der einen umgibt bis zu einem gewissen Grad anpasst.

Ich habe als Kind immer beobachtet, dass meine Mutter in größeren Gruppen verstummt ist. Das hatte unterschiedliche Gründe. Vor allem aber, hat es den Kommunikationsstil in unserer Familie geprägt. Ich erinnere mich nur an wenig Gespräche in der engeren Familie, wo nicht zumeist nur einer nach dem anderen erzählt hat. Diese langsamen vor sich hin plätschernden Erzählungen, bei denen man jederzeit einsteigen konnte aber auch einfach nur entspannt zuhören, wurden nur dann in mehrere Gespräche aufgeteilt, wenn die Gruppe entsprechend größer wurde. Ich habe Stunden meines Lebens damit zugebracht Familiengeschichten zu lauschen und nach und nach an Diskussionen teilzunehmen. Unangenehme Themen wurden dabei selbstverständlich meistens ausgespart. Es ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit „geordnet“ zu streiten und entspannt über unangenehme Themen zu sprechen.

In anderen Familien durfte ich ein völlig anderes Gesprächsverhalten beobachten.

Das andere Extrem ist dabei wohl dieses: Jeder erzählt gleichzeitig. Jeder spricht laut, um zu Wort zu kommen und macht sprachliche Umwege, so dass es nur dann möglich ist, am Gespräch teilzunehmen, wenn man schnell und laut ist und unterbricht.

In diesem Kommunikationsstil ist es nötig, Dinge oft zu erzählen, da man nie sicher sein kann, ob das Gegenüber bei den ersten Malen überhaupt zugehört hat.

Trotzdem ist dieser Stil vermutlich sehr gesund. Denn so werden Konflikte angesprochen. Unangenehme Themen werden von der Seele geredet.Wie viel vom ersten glühenden Sturm gehört wird, ist mir dabei nicht klar. Auf jeden Fall, wird offen kommuniziert. Die Menschen, die ich kenne, die eher in einer solchen Kommunikationslandschaft groß geworden sind, neigen meiner Beobachtung nach dazu, Dinge öfter zu erzählen, aber auch schneller zuvergeben, da sie einfach schneller vergessen können. Als würde die sprachlicheVerdauung einfach besser funktionieren.

Ich selber würde trotzdem nicht ganz auf diesen Kommunikationsstil umstellen wollen. Wahrscheinlich habe ich meinen einfach zugut antrainiert bekommen. Ich denke aber, dass es sinnvoll ist, davon zu lernen und einen guten Mittelweg zu finden.

Wie wohl dann ein idealer Kommunikationsstil aussieht? Und ob der eine oder andere einen vor dem frühen Greisenblödsinn bewahren kann?   

Von Affen und Menschen

Bei der kleinen Feier zur Habilitation der Frau (damals Mitte vierzig) meines Cousins (ebenso Mitte vierzig) waren unter den geladenen Gästen ihre und seine Eltern (damals jeweils Ende siebzig), seine Tante (damals Endes echzig) eine Freundin der Familie mit Partner (Ende fünfzig) und die Tochter der frischaufgestiegenen Wissenschaftlerin (damals vielleicht vier).

Um die Tochter entsprechend beaufsichtigt zu wissen, und das Gespräch unter den „Alten“ nicht abreißen zu lassen, verlegte sich diese illustere Runde nach dem Schmausen alsbald auf einen Spielplatz. Dort auf aufgerichteten unterschiedlich hohen Holzstämmen sitzend, in kleineren Grüppchen von zwei oder drei saßen „die Silberrücken“ in einem weiten Kreis die Anverwandten und Freunde um das einzelne im Sand spielende Kind.

Ich musste dabei tatsächlich an eine Affenherde denken, die sich friedlich laust. Abgesehen davon, dass diese Gruppe sicher nicht der schlechteste Spiegel der Gesellschaft ist, bringt mich das Bild zu einer meiner liebsten Fremdtheorien. Das Lausen der Affen ist nicht nur in meinem Bild sondern in besagter Lieblingstheorie durch Kommunikation ersetzt. Eigentlich ist die Theorie um die es geht zwei Theorien, denn die Form der Kommunikation, die das Lausen ersetzt, wird nicht einheitlich gesehen. Einerseits wird eine Parallele zum Small Talk gezogen: „Small Talk entspricht eher dem, was wir bei unseren engsten genetischen Verwandten, den Affen, als Fellpflege beobachten […] DieseFellpflege […] erfüllt nur zum Teil eine reinigende Aufgabe. Sie dient vielmehr der Pflege der gegenseitigen Beziehung. Sowohl derjenige, der den anderen an sein Fell lässt, als auch derjenige, der die pflegerische Tätigkeit ausführt, signalisiert damit so etwas wie eine geduldete Nähe. Die Fellpflege dient also eigentlich der Pflege sozialer Bindungen.“ (vgl. http://www.news.de/gesundheit/855042844/machen-wir-s-den-affen-nach/1/)

Andererseits gibt es Parallelen zum Lästern: “Das Lausen garantiert den Gruppenfrieden, weil dadurch Freundschaften gefördert werden und Feindschaften beendet werden können, wobei auch Stress abgebaut [wird]. Je größer die Gruppe ist, desto mehr Zeit wird in Lausen investiert. In einer menschlichen Gesellschaft ist Lausen ineffizient. Die Sprache ist effektiver als der Physische Kontakt. […] Durch das Lästern haben die Menschen die Fähigkeit entwickelt Informationen über dritte auszutauschen. Außerdem findet in den Gesprächen Austausch von sozialen Erfahrungen und Normen, die die Bildung von Allianzen und Kooperationen fördern könnten. […] Wer aus der Kommunikationsgemeinschaft ausgeschlossen ist, hat Probleme Kooperations- und Sexualpartner zu finden.  (Aus Pancheva, Bistra: Die „social brainhypothesis“.)

Meine Theorie geht allerding noch weiter. Ich glaube so weit von den Affen sind wir noch nicht entfernt. Ich hatte schon damals bei der obenerwähnten Feier den Eindruck, dass Menschengruppen Affengruppen sehr ähnlich sind.

Vor kurzem, war ich dann wieder einmal erinnert an eine Affengruppe. Dieses Mal war es der Pavianfelsen im Hellabrunner Zoo.

Die Alten waren dieses Mal in der Minderheit. Vier Weibchen und nur eines davon über sechzig, ein Männchen, dass zwischendurch mit gelaust wurde aber meist den Weibchen beim Lausen zusah (vermutlich weil des Männchens Position in dieser Gruppe klarer definiert war als die der Weibchen untereinander) oder die Jungtiere, fünf an der Zahl, die um die ausgewachsenen Äffchen herumtollten, lauste. Ab und zu gesellte sich das eine oder andere Jungtier zu den ausgewachsenen Tieren, um kurz im Klammergriff Nähe zu suchen und gleich darauf wieder zu verschwinden. Ab und zu streckte eines der Weibchen einen Arm aus und griff sich eines der Jungtiere um in irgendeiner Form erzieherische Maßnahmen einzuleiten oder zu lausen. Alles in allem eine sehr entspannte und friedliche Szene. Genau so wie ich sie gerne auf den besagten Pavianfelsen beobachte.

Auch wenn sich die Alterspyramide eher zu der ersten Szene verschiebt, ist der Rest noch ganz „natürlich“.

Also lasst und Lausen, sei es durch Worte oder physische Nähe und genießen wir einfach ab und zu unser Affendasein.  


Familiengedöns

Ich denke, dass es eine Rolle spielt, ob man Geschwister hat oder nicht. Und an
welcher Stelle man in der Geschwisterfolge steht. Natürlich ist diese Idee
nicht neu. Es gibt sogar Untersuchungen darüber, welche Auswirkungen
Geschwister oder keine Geschwister haben, haben. Ich kenne diese Studien
nicht oder nur sehr ungenau. Aber ich glaube, der gesunde Menschenverstand und
eine genaue Beobachtung können einen da auch schon weiter bringen. Ich glaube
zum Beispiel, dass man als jüngstes Geschwister, besonders wenn der
Altersabstand besonders groß ist, irgendwie immer den Wunsch hat mit
irgendetwas als erstes dran zu sein. Irgendeinen Ort als erstes für sich
einzunehmen, etwas als erstes zu lernen, etwas als erstes zu erreichen, in
irgendetwas messbar besser zu sein,… Das ist zunächst mal unerreichbar.
Geschwister die soviel älter sind, können eben schon schreiben und lesen
bevor man selbst daran denkt. Irgendwie sind auch alle Spezialisierungen
schon vergeben. Wenn man dann älter wird, holt man vielleicht etwas auf oder
überholt mit etwas Glück sogar in dem einen oder anderen Gebiet, aber der
Ansporn lässt nie nach. Das Gefühl mehr Gas geben zu müssen, weil man zurück
ist oder langsam wird nicht sehr viel weniger. Das Streben nach der eigenen
Welt und den eigenen Erfolgen sind ein riesen Ansporn. Mich würde nun
interessieren, was die Essenz der anderen Geschwisternpositionen ist bzw. des
Einzelkinddaseins. Nicht das ich nicht längst meine Theorien dazu hätte, aber
es ist doch interessanter zunächst mal Meinungen einzuholen…