Diäten

In meiner Schulzeit habe ich in einem “Rollstudio” ausgeholfen. Dort gab es Maschinen mit gedrechselten Stäben an großen Scheiben, die sich über einen Motor drehten. Auf diesen Dingern konnte man sich nach genauer Anleitung quasi durchmassieren lassen. Nach einer kurzen Pause mit einem Getränk aus Wasser, pulverisierter Molke und irgendwelchen netten Geschmäckern, ging es dann weiter an Rüttelbändern wie aus einem Jerry Lewis Film.
Ziel der Aktion, war es auf halbwegs angenehme, einfache Art das Gewebe zu straffen und den eigenen Umfang zu reduzieren.
Meine Aufgabe war es, die Molketränkchen anzurühren, Termine zu koordinieren und den erforderlichen Smalltalk zu betreiben. Dann und wann war das eine oder andere Nahrungsergänzungsmittel mit im Programm, dass dann natürlich noch vorgestellt und angepriesen werden sollte.
Bei den meisten Kundinnen (Männer habe ich dort nie gesehen), hat das Prinzip recht gut funktioniert. Ein Großteil der Kundinnen begleitete diese Anwendungen mit irgendeiner Form von Diät.
Jeder war dabei von einer anderen Diät absolut überzeugt und alles andere war sowieso nur Schwachsinn.
Ich kann sagen: Ich kenne sie aus dieser Zeit alle!
Blutgruppendiät, Trennkost, Glyx, Shakes von der einen oder anderen Marke, Ayurvedisch, Schlank über Nacht, Astro-Fasten, Aura-Abnehmen, Heilsteine, Heilerde usw. usw.
Und noch etwas kann ich sagen: Bei jedem funktioniert etwas anderes gut. Das Richtige finden, davon überzeugt sein und es dauerhaft durchziehen, war meiner Beobachtung nach, meist das Geheimnis. Interessant war nur, dass es für viele nach den ersten Erfolgen zu einer Art Religion wurde. Und zu dieser galt es alle um einen herum zu bekehren. Auch ich kann mich davon nicht frei machen. Auch ich hatte diese Momente.

Heute weiß ich, dass es darauf ankommt, etwas zu finden, dass einen in einer gewissen Weise begeistert, damit man es schafft durchzuhalten. Wenn es dazu auch Erfolge gibt, prima. Wenn es nur dazu führt, dass man sich selbst wohl fühlt, möglicherweise einfach so wie man ist, fabelhaft.

Denn letztendlich geht es doch auch darum, sich selbst zu mögen egal wie man gebaut ist.

Ernährung

Als ziemlich übergewichtiger Mensch und Vegetarierin bin ich im Lauf meines Lebens in den Genuss zahlreicher Informationen zum Thema Ernährung gekommen. Das eine oder andere habe ich in der einen oder anderen Lebensphase manchmal mehr und manchmal weniger erfolgreich ausprobiert.
Manchmal ging es ums abnehmen, manchmal ums entschlacken und manchmal einfach darum meine Neugier zu befriedigen.

Und irgendwann habe ich mich mit mir selbst angefreundet. Das einzige, was dann noch blieb, war die Neugier. Ich weiß in der Regel ganz gut, welche Nährstoffe ich brauche und wie ich sie bekomme. Solange ich mich also ausreichend bewege, überwiegend gesund ernähre und mich gut fühle, bin ich zufrieden.

Weniger selbstbewusst bin ich bei der Ernährung meiner Kinder. Hier habe ich andauernd Sorge, dass sie nicht bekommen, was sie brauchen. Der Entschluss der Großen ebenfalls Vegetarierin zu sein, an dem sie mit erstaunlicher Beharrlichkeit festhält, und die standhafte Verweigerung der kleinen 90% des Obst und Gemüses, dass auf unseren Tisch bzw. ihre Brotzeitbox kommt, auch wirklich (zeitnah) zu essen, macht es nicht gerade leichter.
Es gilt also, sich – dieses Mal kindgerecht – erneut damit auseinanderzusetzen, was der Körper braucht, warum man was kombinieren sollte und wo zum Teufel man bloß alles herkriegen soll, was man so braucht.
Denn überzeugen kann man meine Kinder nur mit handfesten, verständlichen Argumenten. Es genügt also nicht, zu sagen, dein Körper braucht Eisen, das kriegst du zum Beispiel wenn du Hülsenfrüchte isst und die musst du mit Kohlenhydraten kombinieren, damit dein Körper das Eisen aufnehmen kann. Sondern man muss weiter ausholen und erklären, dass der Körper damit Blut herstellen kann und dass durch das Eisen der Sauerstoff besser durch den Körper transportiert werden kann. Und dass das wichtig ist, weil man dann hupfen und rennen und spielen kann. Zumindest die Große hat man damit dann überzeugt und sie erfindet dann die Argumente, die auch bei der Kleinen ziehen. Wir hören manchmal einfach weg und waschen unsere Hände in Unschuld, wenn es heißt, dass das Eisen maßgeblich wichtig für schnelles Haarwachstum sein soll.

Zum Glück muss ich mich aber für meine beiden nicht auch noch mit diversen Diätvarianten auseinandersetzen. Die Ideen und Modelle sind zahlreich und letztendlich funktioniert ja doch irgendwie bei jedem wieder etwas anderes (oder auch nicht).  
Interessant hierbei finde ich den Trend, das Essen in irgendwelchen Apps zu erfassen. Das ist sicher der Alptraum jedes datenschutzbewussten Menschen, aus verhaltenstherapeutischer Sicht entbehrt es aber durchaus nicht seiner Berechtigung.
Sich bewusst zu machen, was man eigentlich isst, fällt dadurch ziemlich leicht und irgendwann einfach eine „Bremse reinzuhauen“ ist ebenso leichter, wenn man eine sofortige Visualisierung vor sich hat.
Allerdings haben viele dieser Apps einen eingebauten Barcodescanner.
Und hier ist möglicherweise auch aus verhaltenstherapeutischer Sicht ein kleines Problem zu erkennen. Denn es ist sicher allgemeiner Konsens, dass wenig verarbeitetes Essen deutlich gesünder ist, als stark verarbeitetes Essen. Mein selbstgemachter Salat hat allerdings keinen Barcode mit dem ich, mit nur einem Klick erfassen kann, was ich da eigentlich esse. Den muss ich in virtuelle Einzelteile zerlegt, grammweise eingeben. Die Tiefkühlpizza hat den Barcode schon….