Neue Wege

Ich bin in meinem Leben bisher 15 Mal umgezogen. Manchmal nur ganz kurz irgendwo “Zwischengezogen”, manchmal sogar zurück.
Ich war in zwei verschiedenen Kindergärten, drei Schulen und zweieinhalb Universitäten (mein Sommerstipendium an der Uni Athen zählt maximal halb). Ich habe in meinem Leben schon viele neue Jobs angefangen (allein neun verschiedene als Schülerin und Studentin). Dabei habe ich gemerkt, das das Einschlagen neuer Wege ganz unterschiedlich sein kann. Und besonders, was mit den Weggefährten passiert, wenn sich die Wege wieder trennen.

Was macht genau den Unterschied aus, wenn man von etwas Altem weg geht, im Vergleich zu wenn man auf etwas Neues zugeht?
Natürlich ist es immer irgendwie beides. Trotzdem gibt es meist eine klare Tendenz, was davon überwiegt. Ich glaube, dass es in vielerlei Hinsicht ein gravierender Unterschied ist ob man flüchtet oder sich auf zu neuen Ufern macht.

Manchmal, ist einem gar nicht so ganz klar, was überwiegt. Aber spätestens wenn man zurück blickt, ist es meist ganz klar.

Geht man von etwas weg, hat man dafür einen guten Grund. Meist hat man einen gewissen Leidensweg am Ende dieses Wegstücks hinter sich. Oft schien es einem gegen Ende, dass man Leidensgefährten hatte, die nur ganz kurz danach ihren eigenen Ausweg finden müssen. Und man hat andere Weggefährten, mit denen man das Leid nicht so geteilt hat. Sie haben dort noch ein Stück Weg geplant und sind zufrieden. Diese Weggefährten lässt man alle zurück. Und sie waren einem doch so ans Herz gewachsen. Man hatte das Gefühl viel gemeinsam zu haben.

Auf etwas neues zugehen ist völlig anders. Es ist aufregend. Man ist voller Vorfreude. Man ist auf diesem Weg aber auch sehr allein. Man geht ihn, weil es der richtige Weg für einen selbst ist. Kein Ausweg sondern neue Pfade, die entdeckt und erobert werden können. Neue Chancen, neue Erlebnisse, neue Menschen. Die alten Wegbegleiter lässt man auf dem letzten Stück Weg hinter sich. Sie winken einem vielleicht noch nach und freuen sich für einen.

Nun könnte man meinen, dass man wenn man seinen neuen Weg eine Weile beschritten hat, das Verhältnis zu den alten Weggefährten in etwa das gleiche bleibt. Man wird sich vielleicht etwas fremder, weil man den Alltag nicht mehr teilt, man kann nicht mehr über den Alltag gemeinsam Lachen ohne erst groß auszuholen und zu erzählen. Aber die, die einem ans Herz gewachsen sind, die, die unser Vertrauen genießen, sind einem doch noch nah. Die, die etwas entfernter sind, verliert man vielleicht ganz aus den Augen. Und lassen einen die Weggefährten ziehen, verliert man sich aus den Augen. Tatsächlich verhält es sich aber ganz anders. Vielschichtiger.

Am einfachsten sind die Leidensgefährten zu greifen. Diese teilen sich in zwei grobe Gruppen. Diejenigen, die den Weg weiter gehen und sich entweder in ihrem Leiden arrangieren oder das Gefühl haben, eine Durststrecke überstanden zu haben und in einer Aufwärtsbewegung sind. Die anderen, die kurz danach ihre eigene Abzweigung finden.
Die Leidensgefährten, die bleiben, werden einem selbst oft fremd. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Einerseits fällt es schwer, wenn man selbst, trotz Leiden, geblieben ist vor sich selbst zu rechtfertigen, dass einem die Courage für den Schritt gefehlt hat, dass man es sich anders überlegt hat. Dabei gibt es, wie hier http://www.meinetheorie.net/2010/07/21/entscheidungen/ schon beschrieben, keine falschen Entscheidungen. Solange man sich aktiv entscheidet, zu bleiben, kann es nur richtig für einen selbst sein. Daraus entsteht dann oft ein Gefühl sich vor dem, der gegangen ist, rechtfertigen zu müssen, was alles etwas unentspannt macht. Gleichzeitig kann es sein, dass die ganzen versteckten Rechtfertigungen, dem der geflüchtet ist, das Gefühl geben, versagt zu haben. Alles worüber man vorher gemeinsam geschimpft hat, ist auf einmal nicht mehr so schlimm. Als hätte man sich alles nur eingebildet, oder sei ein totaler Schwächling, weil man aufgegeben hat. Auch das sorgt für eine unentspannte Situation. Der Fahnenflüchtige ist zudem entweder auf einem Weg gelandet, wo es für ihn oder sie tatsächlich viel besser ist, dann fällt es schwer sich zu beherrschen und nicht permanent nur davon zu erzählen wieviel besser alles ist oder er oder sie ist vom Regen in die Traufe gekommen, dann ist es unangenehm zugeben zu müssen, dass die Entscheidung unangenehme Konsequenzen hatte und dass man nochmal eine neue Abzweigung nehmen muss. Hinzu kommt, dass man sicher nicht hören will, dass ohne einen selbst alles besser ist, was in dieser Kombination durchaus vorkommen kann, egal in welche Richtung.

Oft gehen diese Kotakte dann ziemlich schnell kaputt oder liegen solange auf Eis, bis diejenigen, die länger blieben, eben doch die eine oder andere Abzweigung genommen haben. Ich hatte z.B. eine Kollegin, die ich nach einer neuen Abzweigung fast gänzlich aus den Augen verloren hatte. Irgendwo, viel später kreuzten sich unsere Wege wieder. Jeder hatte in der Zwischenzeit viele andere neue Wege für sich entdeckt. Dadurch war der alte Job irgendwie kein Thema mehr und wir stellten fest, dass wir uns wieder richtig viel zu sagen hatten. Unser Kitt war nicht der gemeinsame Job, sondern echte Gemeinsamkeiten.

Mit denjenigen, die selbst kurze Zeit später ihre eigene Abzweigung genommen haben, ist es wesentlich entspannter. Man hat sich vielleicht weniger zu sagen. Ob außer dem gemeinsamen Leiden Gemeinsamkeiten existiert haben, merkt man erst dann. Und entweder man bleibt in Kontakt oder eben nicht. Und ohne unangenehme Gefühle schläft das ganze ein.

Am überraschensten aber sind diejenigen, die relativ neutral waren. Da bleibt einem nach der einen oder anderen Abzweigung jemand erhalten und man merkt, dass wenn die professionelle Neutralität nicht mehr notwendig ist, dass da plötzlich Gesprächsthemen da sind, die völlig unerwartet sind. Dass da Kontakte erst richtig wachsen, wo die Arbeit nicht mehr im Weg steht.

Letztendlich ist es völlig egal, wer einem erhalten bleibt. Ein paar wunderbare Menschen gewinnt man immer dazu, manche auf Zeit, manche dauerhaft und man weiß nie, wer es ist, dem man begegnen sollte und wer einem die entscheidenden Impulse geben wird.