Krummes Gemüse

Als wir noch in Höchst lebten, war es unser persönliches Wochenendvergnügen, alle zusammen, Samstags auf den Wochenmarkt zu gehen. Manchmal haben wir uns dort mit Freunden auf einen Kaffee getroffen, manchmal haben wir zufällig Bekannte oder Freunde getroffen und immer haben wir unsere Lieblingsstände besucht.
Ein kurzer Schwatz mit der „Kräuterhexe“; Einer älteren Frau, die wirklich als eine der weisen Kräuterkundigen durchgehen konnte, die früher für Hexen gehalten wurden, die aber vor allem einfach starke Frauen mit großem Wissen waren. Durch und durch sympathisch und ihr Stand der Ort, wo die Kinder schnell gelernt haben wie unterschiedlich Salbei oder Thymian aussehen kann und doch klar zu identifizieren ist.

Inzwischen ist das Kräuterwissen meiner Kinder wahrscheinlich wieder etwas verschüttet, damals konnten beide die gängigsten Kräuter bestimmen. Das war eben eines unserer Spiele und mit einem großen Balkon auch zuhause fortsetzbar.

Die nächste Station war dann meist „der“ Gemüsestand. Dort gab es „lustige“ Erdbeeren, die nicht irgendwelchen Wuchsnormen entsprachen, eine große Auswahl an regionalem frischen Gemüse und die “Suppentüte” – Eine riesen Tüte, vollgepackt mit dem passenden Gemüse für eine Gemüsesuppe, die unsere Familie für mehrere Tage satt und zufrieden machen konnte.
Oft gab es dann noch einen Schlenker zu Käse oder Backwaren und auf dem Rückweg einen Einkehrschwung im Supermarkt und beim Bäcker um Simit zu kaufen.
Danach waren wir gerüstet für den Rest des Wochenendes, hatten einen schönen Spaziergang hinter uns und waren oft ziemlich gut gelaunt.

Was uns davon für die Wochenenden geblieben ist, außer einem Großeinkauf, ist die Liebe zu „krummen“ Gemüse. Lustige Erdbeeren schmecken einfach besser.

 In unserem neuen Viertel gibt es Samstags keinen Wochenmarkt. Gäbe es einen, würden wir kaum jemanden treffen den wir kennen, denn wir kennen nur wenige Menschen aus dem Viertel.

Die Freunde und Bekannten von damals waren Errungenschaften aus den Elternzeiten, waren wunderbare Nachbarn, mit denen man regelmäßig feierte oder etwas unternahm. Die Elternzeit um in Ruhe Eltern mit Kindern genau im gleichen Alter kennenzulernen, haben wir hier verpasst. Der Alltag hat, in dem Alter in dem unsere Kinder sind, die Familien voll im Griff.
Die Freunde, die man hat sind über die Stadt verstreut. Man hat ja auch einen etwas größeren Aktionsradius. Die Gemeinschaft im Haus besteht maximal aus Smalltalk im Treppenhaus und bei dem einen oder anderen ist man sogar froh darum.

Natürlich haben wir auch hier unsere Wochenendrituale. Auch hier haben wir unsere Anlaufstellen und sogar eine Quelle für lustige Erdbeeren. Auch hier treffen wir liebe Freunde zum Kaffee. Es ist eben nur anders. Auch irgendwie gut, nur eben anders. Und manchmal, nur manchmal, vermissen wir eben das eine oder andere Stückchen Vergangenheit, jeder sein eigenes.

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