Ich Troll, ich

Vor gar nicht langer Zeit bin ich über eines der sozialen Netzwerke auf einen Kommentar aus einer großen Tageszeitung gestoßen, in dem eine Mutter die Ungerechtigkeit schildert, dass sie Teilzeit arbeiten muss, während ihr Mann Vollzeit arbeitet. Dass sie dabei selbstverständlich den Haushalt schmeißt und das Kind zum Reitunterricht fährt. Sie habe es satt Frau und Mutter zu sein, wäre lieber Mann und Vater. Eine andere Verteilung von Arbeitszeit sei für die Familie aus ökonomischer Sicht schwierig. Dass die Gesellschaft endlich umdenken müsste. Und berechtigter Weise weist sie darauf hin, dass es nicht einfacher wird, durch die „anderen Mütter“ (bei ihr die, die daheim bleiben, ganz und freiwillig) aber im Grunde doch auch durch Mütter wie mich (die Rabenmütter, die Vollzeit arbeiten).
Sie fordert die Abschaffung des Ehegattensplittings und der Mitversicherung des Partners in der Krankenkasse so lange sich dieser nicht um Kinder oder Angehörige kümmert.
Sie fordert Frauen, die sich gegenseitig fördern, Männer die sich in die Familienarbeit einbringen, Frauen, die das von ihren Männern fordern.
Sie hält es für wichtig, dass beide beides können.
Sie hat es satt, gegen den selbstgemachten Druck und den Druck von außen zu kämpfen. Die Väter sollen den Kuchen für das Schulfest backen und die Mütter die Finanzen übernehmen.
Und obwohl ich es generell unglaublich wichtig und gut finde, dass man die bestehenden Strukturen hinterfragt und die bestehenden Probleme anspricht, hat mich dieser spezielle Artikel unglaublich wütend gemacht. So wütend, dass ich kurz davor war einen trolligen Kommentar zu hinterlassen.
Glücklicherweise, bin ich dafür nicht der Typ. Stattdessen habe ich den Artikel sacken lassen und werde jetzt ohne den Artikel direkt zu kommentieren zu dem einen oder anderen Punkt, der mir dort aufgestoßen ist bzw. den ich gut fand, ein paar Zeilen schreiben.

Also: Achtung hier kommt MEINE Perspektive. Und mir ist bewusst, dass sich dadurch vermutlich wieder hundert andere auf die Füße getreten fühlen. Aber es ist eben MEINE Perspektive und nicht zwingend DEINE liebe*r Leser*in. Deswegen ist es ok, die Meinung total doof zu finden, oder den Artikel einseitig. Es ist sogar in Ordnung sich zu ärgern.

Ja, natürlich ist das Ehegattensplitting quatsch. Ein Familiensplitting, bei dem es auf die Kinder ankommt wäre fairer. Für Alleinerziehende, wie für Zu-Zweit-Erziehende. Auch wenn das vielleicht das eine oder andere Dinki-Paar anders bewertet. Das Ehegattensplitting fördert Einverdienerhaushalte. Und es fördert Abhängigkeiten. Und es fördert nicht nur die, die spätere Rentenzahler heran ziehen, sondern eben die, die sich an die gesellschaftliche Norm halten, in einer Ehe zu leben.

Es ist wunderschön, wenn man an die ewige Liebe glaubt. Realistischer ist es aber, dass eine Ehe geschieden wird (egal ob mit oder ohne Kinder). Es ist also nicht ganz unrealistisch, dass nach aktuellem Scheidungsrecht irgendwann wieder jeder auf sich allein gestellt ist. Und sich selbst und möglicherweise eins plus X Kinder versorgen muss. Altersarmut also mal völlig (zu Unrecht!) ignoriert, ist es ziemlich leichtsinnig, darauf zu bauen, dass man zu den Auserwählten gehört, denen ein Happy End beschert ist. Und nebenbei bemerkt, gibt es auch noch so etwas wie Schicksal.
Wenn es nur den einen Versorger oder „ganz modern“ die eine Versorgerin gibt und dieser Person stößt etwas zu: Unfall, Krankheit oder sonst etwas, hat man nicht nur die Sorge um den geliebten Menschen an der Backe, sondern zusätzlich handfeste finanzielle Sorgen. Insofern bin ich von Anfang an ein klarer Vertreter von:
„JEDES Elternteil sollte in der Lage sein, die Familie spätestens im Notfall sofort allein versorgen zu können.“

Das hat einige ziemlich weitreichende Konsequenzen: Sehr häufig verdient keiner der beiden gut genug, um das in Teilzeit zu verwirklichen. Das heißt, meistens müssen also oft beide Vollzeit arbeiten.
(Auch wenn man bei diesem Modell als Rabenmutter schon gesagt bekommt, man solle sich doch mal überlegen, ob es für das Kind nicht besser wäre, wenn man sich Unterstützung vom Staat holt. Das kann jeder handhaben wie er will, ich möchte das für meine Kinder nicht als Vorbild leben.)

Und das ist beschissen! Es macht keinen Spaß IMMER zu wenig Zeit für die Kinder zu haben. Es macht keinen Spaß, sich permanent zerreißen zu müssen.
Aber es ist meine Entscheidung. Und es ist die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit, die ich meinen Kindern vorleben möchte. Und ja, ich könnte deswegen jeden Tag heulen!
Oder aber mich darüber freuen zu was für starken selbstbewussten, wissbegierigen, schlauen, selbstständigen Menschen meine beiden Töchter jetzt schon herangewachsen sind.

Bei der Autorin des Artikels, der diesen Blogeintrag inspiriert hat, verhält es sich aber ohnehin nochmal anders. Man könnte jetzt behaupten, dass eine Familie, die sich für das Kind Reitunterricht leisten kann samt Ausrüstung und ein Auto um das Kind zu irgendwelchen Hobbies zu fahren (möglicherweise mit ein paar Einschränkungen) durchaus dazu in der Lage wäre, dass auch der Mann Teilzeit arbeiten könnte. Die Autorin schreibt von einer Großstadt, in der es eine (umweltfreundlichere) Alternative zum Auto geben dürfte.
Viele Familien haben den Luxus eines teuren Hobbies nicht. Sich den Luxus zu gönnen ist völlig in Ordnung. Vielleicht macht diese Familie an anderer Stelle Abstriche. So wie es sich liest eben zum Beispiel bei der in Vollzeit arbeitenden Mutter. Auch das sind eben Entscheidungen. Diese sind legitim, aber zu bejammern sind sie nicht.

Und ja die Autorin hat recht, wenn Sie bessere Bedingungen für Eltern, die sich Erziehungsarbeit und Geldverdienen gleichermaßen teilen möchten, fordert.

Und ja, eine hochwertige Kinderbetreuung ist dafür zwingend notwendig. Ohne Vollzeitkinderbetreuung ist man (wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen) völlig aufgeschmissen.

Ich glaube nicht, dass mein Mann noch einmal Vollzeit-Papa ohne jede Ausweichmöglichkeit für zwei mobile, wiedersprechende Kindergartenkinder sein möchte (und das völlig zurecht). Auch ich kann mir eine solche Rolle nur schwer vorstellen und bin froh, dass sich das allein durch die Schulpflicht erst einmal erledigt hat. Dass man nur die beste Betreuung für sein Kind haben möchte, ist dabei selbstverständlich.

Das sagt Sie aber alles uns als Leser*in. Sie sagt, wie satt sie das alles hat: Teilzeit-Mama sein. Dass ihr Mann die mentale Last nicht mitträgt.

Man möchte sie beiseite nehmen und sagen, sprich doch einfach mal mit deinem Mann darüber, statt mit uns. Lebe was Du predigst, schraube Deine Ansprüche zurück und: mach den Anfang.

Und was das Streichen der Mitversicherung betrifft: Ich kann aus Erfahrung sagen: es ist eine Entlastung, wenn der Partner mitversichert ist, egal warum gerade.

Es ist nicht so, dass man als Alleinverdiener einen völlig einfachen Job hat. Man ist stetig bemüht dem Partner die Anerkennung für seine Erziehungsarbeit zu geben, die er verdient. Gleichzeitig sorgt man sich, wie das alles zu schaffen ist. Wagt vielleicht nicht den Sprung in den besseren Job oder erst wenn es schon fast zu spät ist. Weil eine Probezeit ein zu großes Risiko darstellt. Man macht sich permanent Sorgen, ob das alles zu schaffen ist. Jongliert die Finanzen und Versicherungen. Versucht den Partner trotzdem noch nach Kräften zu entlasten und beneidet die Familie um die gemeinsame Zeit – wohlwissend, dass es der schwierigere, anstrengendere Job ist.

Ich kenne beides und beides hat seine Licht- und Schattenseiten.
Nur eines, das ist gewiss: Jammern hilft gar nichts!
Anpacken, Reden, Verhandeln, Ansprüche herunterschrauben, das sind Sachen, die helfen. Und den Kindern vorleben, dass es eben auch ganz anders geht.

Vielleicht mal so und mal so oder eben ganz anders. Damit die nächste Generation gleich beginnt zu verhandeln und ihren eigenen Weg zu finden. Ob in Vollzeit oder Teilzeit oder ganz anders. Es kommt darauf an eigene Entscheidung zu treffen – gemeinsam – und sich damit auseinanderzusetzen. Wenn man das tut, kann doch am Ende nur etwas richtiges dabei herauskommen. Egal welches Modell.

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