Helden und der ganze Genderscheiß

In der Kindheit und Jugend hat wohl fast jeder seine persönlichen Helden und Vorbilder.
In den achtziger Jahren gab es in meinem Erfahrungshorizont leider nur wenige Frauen, die mir als Vorbild oder Heldin hätten dienen können aber dafür einige alte Männer.
Und warum sollte man sich als junges Mädchen nicht einfach diese alten Männer zum Vorbild nehmen? Ich wollte eine Kabarettistin sein wie Dieter Hildebrandt, scharfzüngig und gebildet, ich wollte eine Literatin sein wie Umberto Eco, reich an Wissen, Bildern und Worten. Ich wollte eine Schauspielerin sein, wandlungsfähig wie Alan Rickman.
Es hat für mich keine Rolle gespielt, dass diese Vorbilder Männer waren.

Trotzdem bin ich nichts davon geworden, habe nichts davon verfolgt und in Wahrheit habe ich mir nichts davon zugetraut. Wahrscheinlich durchaus zu recht.
Aber hätte ich als Junge diese Träume auch aufgegeben? So schnell, so ohne ernsthaften Versuch und ohne Kampf. An der Uni habe ich noch italienisch gelernt um Eco im Original lesen zu können. In meinen geheimen Träumen wollte ich nach Italien gehen und seine Vorlesungen hören. Stattdessen habe ich mein Italienisch irgendwann vergessen.
Bis zur Zwischenprüfung stand ich jedes Jahr mindestens einmal auf der Bühne, zum Teil sogar gegen eine gewisse Gage, danach waren andere Dinge wichtiger, für solche Hobbies war keine Zeit mehr. Es ging um ernsthafte Dinge. Studium schnell durchziehen, Geld verdienen.
In der Schule schrieb ich zusammen mit einem Freund ein komplettes Kabarettprogramm. Gemeinschaftlich und gemeinsam witzig. Es war ein voller Erfolg. Wenn ich später mit jemanden darüber sprach, waren die Leute, die es in Erinnerung hatten, erstaunt, dass ich überhaupt daran beteilig war, es waren seine Lorbeeren, auch wenn ich mit meiner Solokabarettnummer immerhin meine 15 Punkte im Rhetorikkurs halten konnte.

Heute sind die meisten meiner Helden von damals gestorben. Bei jedem einzelnen von ihnen war ich beim Lesen der Todesnachricht sehr traurig. Nicht nur weil die Helden meiner Kindheit und Jugend keine neuen wunderbaren Werke mehr abliefern können, sondern auch weil ich es nie geschafft hatte mich ihnen durch Talent und Ehrgeiz zu nähern. Statt ein nachahmenswertes Werk zu produzieren oder auch nur annähernd in meinem Fach zu arbeiten, bin ich letztendlich Edeltippse geworden.

Vielleicht, nur vielleicht, wäre es damals ein kleines bisschen anders gelaufen, wenn ich mit dem Buch [Achtung, jetzt kommt quasi sowas wie WERBUNG, einfach mal so, weil es gerade in den Text passt] Rebel Girls von Francesca Cavallo und Elena Favilli großgeworden wäre. Auf jeden Fall hoffe ich, dass meine Töchter den Mut haben, die Welt zu erobern, so wie sie das wollen.

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