Gute Wünsche

Früher, als ich ein Kind war, habe ich meine Großmutter immer ein wenig belächelt, wenn sie mit viel Brimbamborium Wert darauf legte, dass sie einem vor allem Gesundheit wünschen wollte, egal zu welchem Anlass.
Später musste ich immer noch ein wenig schmunzeln als meine Tante und irgendwann auch meine Mutter dem Wunsch Gesundheit, der immer schon bei ihnen auf den diversen Geburtstagskarten zu finden war, immer mehr Gewicht gaben.
Mei, dachte ich, die werden halt allmählich alt. Wirklich verstanden, habe ich den Wunsch erst später. Und ich glaube, der Wunsch hat mehrere Bestandteile.

Für den ersten Teil muss ich etwas ausholen:

Als meine Eltern schon eine Weile geschieden waren und mir längst klar war, dass mein Erzeuger nicht unbedingt den Hafen bot, in dem man Schutz und Geborgenheit finden kann, fing in mir irgendwann die Angst an zu wachsen, meiner Mutter, der einzigen, die für mich da war, meinem Hafen, könnte etwas zustoßen.
Besondere Angst hatte ich irgendwie davor, dass sie morgens einfach nicht mehr aufwachen würde. Vielleicht weil sie mir das mal als eine erstrebenswerte Art zu sterben genannt hatte, wie auch immer.
Ich fing daher an, jeden Abend meinem „Gute Nacht“ ein „Bis morgen früh“ anzufügen. Wie eine Zauberformel, eine Bitte. Sobald ein bestätigendes „Ja, bis morgen früh“ zurück kam, konnte ich ruhig schlafen.

Das zwanghafte ist mit der Zeit etwas verloren gegangen, aber die Angst, dass einem meiner Lieben etwas zustoßen könne, ist geblieben. Und dies ist, denke ich, in dem Wunsch nach Gesundheit tief verankert. Ganz egoistisch, weil ich es selbst kaum ertragen könnte, wenn irgendjemandem der mir halbwegs oder sogar richtig am Herzen liegt etwas zustoßen könnte.

Der zweite Bestandteil ist wohl tatsächlich eine Alterserscheinung.
Der gesunde junge Kinderkörper verwandelt sich nach und nach in einen Bürogeherkörper, mit wenig Zeit zum Dehnen und Strecken. Die ersten Sehnenverkürzungen machen sich bemerkbar, die ersten Verschleißerscheinungen und man fängt an zu ahnen, wie wichtig Gesundheit für jeden von uns ist.

Der dritte Bestandteil beruht dann auf Erfahrung. Wenn man das erste Mal wirklich um jemanden gebangt hat, um das Leben eines kranken Menschen gebetet hat, noch mal Zeit zusammen geschenkt bekommen hat, Gott allein weiß wieviel oder wie wenig, dann ist man an dem Punkt, wo man begreift: „ Die Großmutter hatte recht, die ‚Alten‘ hatten alle recht.“ Das einzige was wirklich, tatsächlich richtig wichtig ist, ist die Gesundheit.
Gesund bleiben. Gesund werden. Nahe dran sein am gesund sein, solange es geht.

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