Geschenke, Geschenke, Geschenkeeee

Es gibt ja ganz unterschiedliche Typen beim Öffnen von Geschenken. Da gibt es die Kinder oder Kind gebliebenen, die in überschwänglicher Gier und Ungeduld vor Freude alles sofort aufreißen.
Diejenigen, die zumindest einen kurzen Moment inne halten um sich das Geschenk als solches zu betrachten und zu rätseln was in der manchmal mehr manchmal weniger kunstvollen Verpackung versteckt sein könnte. Die Bänder werden pragmatisch mit einer Schere gelöst das Papier abgewickelt und gefaltet auf einem Stapel für das Altpapier gesammelt.
Und es gibt die Frickler. Das sind die, die ein Geschenk ausführlich vor dem öffnen prüfen und ertasten, selbst Spiralbänder noch mühevoll lösen. Jeden Streifen Klebeband ab piddeln um das Papier wieder verwenden zu können und dann gemächlich auspacken.

Ähnlich geht es weiter wenn das Geschenk ausgepackt ist. Die Aufreißer legen es schnell beiseite und wenden sich dem nächsten zu. Erst wenn alles Papier in Fetzen um sie herum verteilt ist, widmen sie sich dem Inhalt der Geschenke, sofern nicht etwas dazwischen kommt. Kuchen, Gäste, Plätzchenteller, je nach dem welcher Anlass zum beschenkt werden aktuell ist.
Die zweite Gruppe nimmt die Inhalte der Päckchen wahr und nimmt sich für das eine oder andere vielleicht ein bisschen Zeit.
Die Frickler widmen sich voll und ganz dem Geschenk, dass sie eben mühevoll mit großem Zeitaufwand befreit haben. Ist es ein Buch, blättern sie darin, lesen vielleicht die ersten Absätze unterhalten sich mit dem Schenker über den Hintergrund der Geschenkidee und lehnen sich dann entspannt zurück und genießen den Augenblick, bevor sie sich irgendwann dem nächsten Geschenk zuwenden.

Zu Weihnachten betrifft das ganze Procedere dann ja nicht nur einen Beschenkten sondern ganze Gruppen, zumeist Familien. In Familien von Aufreißern sind dann häufig alle gleichzeitig beschäftigt, während in Familien von Fricklern in der Regel nur einer an der Reihe ist und eine gewisse Reihenfolge eingehalten wird.

Ich bin aufgewachsen in einer Familie von Fricklern. Ich vermute, als Vertriebenenkinder, die auf der Flucht wirklich nichts hatten, legt man den Rest seines Lebens besonderen Wert darauf, das was man hat zu erhalten.
Wenn man heute sieht wie groß Recycling und Upcycling und Ressourcen bewahren geschrieben wird, ist diese Grundhaltung einfach nur richtig unabhängig davon woher sie kommt.
Bei uns lief das also wie folgt ab. Die Jüngste – ich – durfte beginnen. Meistens riss ich das Papier unter den tadelnden Blicken meiner Großmutter auf. Als nächstes kam der oder die nächst-jüngste. Da meine Geschwister deutlich älter und an Weihnachten meist schon anderweitig verplant waren, war das meist meine Mutter. Die erste Fricklerin des Abends. Immerhin nahm sie Rücksicht auf meine kindliche Ungeduld und blätterte in den Büchern nur kurz. Bei Tante, Onkel, Großmutter war das schon etwas anderes. Da hatte ich den Eindruck, sie hätten vor, die Bücher noch an diesem Abend komplett auswendig zu lernen. Es folgten lange Gespräche zwischen Schenker und Beschenkten über die Intention des Geschenks, die Hintergründe, die Entstehung, den Kaufprozess und ich wurde fast wahnsinnig dabei. Jede ungeduldige Regung von mir, wurde von den „jüngeren“ belächelt von meiner Großmutter extrem gerügt.
Ich mochte unsere Weihnachten die meiste Zeit an sich sehr, aber die Phase des Geschenkauspackens war eine Lektion in Geduld, die nur schwer zu ertragen war.
Im Lauf der Jahre bin ich selbst zur Fricklerin geworden. Für mich wurde das zur Selbstverständlichkeit. Und ich habe begriffen, dass es auch ein Zeichen von Wertschätzung ist sich einem Geschenk so zu widmen. Die Zeit und Gedanken des Schenkenden zu beachten.

Selbstverständlich dürfen unsere Kinder Geschenke aufreißen, auch wenn ich zunehmend häufig beobachte, wie sie erste Frickleransätze zeigen. Dass das Frickeln aber nicht Normalität für alle und jeden ist, erlebte ich, als ich Weihnachten in einer Fremdfamilie verbrachte. Da wurde aufgerissen und weggelegt, dass es für mich frickelsozialisierte ein Grauen war. Vierzehn Menschen gleichzeitig, keine Ruhe um die Geschenke zu betrachten, zu genießen und sich zu freuen – aus meiner Sicht. Aber trotzdem gab es eine kindliche Freude über das zerstören der Verpackungen. Glänzende Augen ob der immer schneller wachsenden Geschenkeberge. Alle waren trotzdem glücklich und zufrieden.

Ich glaube es ist entscheidend wie man sozialisiert wird, wie man mit Geschenken umgeht.
Aber das Wichtigste ist, dass die Freude nicht zu kurz kommt.

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