Experiment (Teil I)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Seit über zehn Jahren treibe ich mich in diversen sozialen und beruflich-sozialen Netzwerken herum. Als “man” noch in StudiVZ, bei den Lokalisten oder in MySpace umherwanderte, fing es auch in Deutschlnad an, dass man sich bei Facebook anmeldete. Während das am Anfang noch exotisch war, verwandelte das sich schnell zur erstaunten Frage: “Was?! Du bist nicht bei Facebook?”
Facebook hat mittlerweile übernommen. Facebook ist der Ort an dem “alle” zu finden sind. Dazu kann man sich dort seine Nachrichten zusammenstellen. In meiner “Timeline” erscheinen Meldungen von der Süddeutschen, der Zeit, von pinkstinks, den Rebel Girls, der girls on web society, einem Volksbegehren, zwei Fernsehserien, netzpolitik.org, mimikama und verschiednenen anderen Seiten, die für mich so selbstverständlich sind, dass sie mir gar nicht mehr einfallen. Ich habe mir also längst meine persönliche Filterblase gestrickt.

Dadurch, dass am Anfang nur so wenige bekannte Gesichter bei Facebook zu finden waren, kam hinzu, dass ich zunächst jedes bekannte Gesicht als “Freund” akzeptierte, ob das nun jemand war den ich auch im echten Leben als Freund bezeichnen würde oder nicht.
Sind wir mal ehrlich: Es hat ja auch ein bisschen was von Sammelbildchen – man will sein Album voll bekommen. Die Freunde aus der Schulzeit, bei denen ich besonders gerne wüßte, was aus ihnen geworden ist, habe ich übrigens zum Teil bis heute nicht gefunden.
Aber es gibt ja auch Sammelbildchen, die man irgendwie NIE kriegt.

Da ich sehr selten etwas poste, Bilder hochlade oder meinen Status ändere, tauche ich vermutlich in den Filterblasen sehr weniger “Freunde” auf. Diejenigen, die bei mir zu sehen sind, sind auch nicht unbedingt die, mit denen ich im echten Leben einen besonders engen Kontakt habe. Bei denen, die mir in der Vergangenheit etwas näher standen, war sogar einer dabei, der so wenig in meiner timeline auftauchte, dass ich monatelang nicht bemerkte, dass er sich längst abgemeldet hatte.

Es gibt aber auch einige Entdeckungen: Der Schulkamerad mit dem ich nie besonders viel gesprochen hatte als wir in einem Jahrgang waren, dessen Posts ich aber neugierig verfolge, weil der Ausschnitt seines Lebens, den er teilt, wirklich interessant ist. Der schräge Exfreund einer Freundin, der immer noch irgendwie schräg ist, aber sein Ding macht: dezidierte, gut formulierte Meinungen teilt und interessante Veranstaltungen entdeckt. Die sympathische Aktivistin, die mir im echten Leben sehr nah ist, weshalb wir eher persönliche Gespräche führen als darüber zu sprechen, was ihr politisch am Herzen liegt. Der ehemalige Theaterkumpel, der die witzigsten Entdeckungen im Intenet macht und sie dankenswerterweise teilt.
Und dann gibt es noch die, die man irgendwann sehr mochte, aber aus den Augen verloren hat. Man hat das trügerische Gefühl trotzdem noch mitzukriegen was bei ihnen im Leben passiert, weil sie Reisefotos, Hochzeitsfotos oder Kinderbilder posten. Trifft man sich dann allerdings mal zufällig auf der Straße, merkt man schnell, dass man einige wesentliche Dinge, Erlebnisse oder sogar einschneidende Veränderungen verpasst hat.
Und nicht zu vergessen mein Lieblingscousinchen, die mir immer sehr am Herzen liegt, deren Leben ich mittlerweile aber tatsächlich überwiegend über Facebook und FB-Nachrichten verfolge.

Vor einigen Jahren war dann ein Punkt erreicht, an dem ich mich so über mich selbst geärgert habe, dass ich lauter Leute in meiner “Freundesliste” hatte, mit denen ich mich im echten Leben gar nicht so recht verstanden habe, dass ich radikal “ausgemistet” habe.
Meine Liste ist damals von gut 400 auf etwa 200 geschrumpft ist.

Trotzdem hat sich wenig verändert. Nur Facebook hat sich verändert. Die Algorythmen haben sich immer mal wieder verändert. Es sind ein paar neue Freunde dazu gekommen, die Skandale häuften sich und die Nachrichtenfunktion wurde für alle Nicht-Messenger-Nutzer abgeschafft.

Ich habe mich verändert.

Dies alles ist die Ausgangsbasis für mein Experiment:
Ich habe mir vorgenommen, mein Facebookprofil zu löschen.

Warum, wie und was danach passiert, gibt es im zweiten Teil.

Schreibe einen Kommentar