Menscheln

In unserer ersten gemeinsamen Wohnung haben wir im Erdgeschoss gewohnt. Die Postbotin hat einfach ans Fenster geklopft, wenn sie etwas sperrigeres für uns hatte oder manchmal auch einfach nur so um einen kurzen Moment zu ratschen. Ich habe unsere Postbotin mit ihrem sonnigen Gemüt sehr gemocht. Unsere Müllmänner haben selbstverständlich zu Weihnachten eine Tüte mit Plätzchen in die Hand gedrückt bekommen.

In unserer nächsten Wohnung wohnten wir im zweiten Stock. Die Postbotin kannte ich trotzdem. Man traf sich auf dem Weg, blieb für zwei oder drei Sätze stehen. Diese trug fast immer Blumen im Haar und irgendwie hatte man den Eindruck auch oft in der Seele. Die Paketboten kannten wir nach einer Weile ebenfalls. Durch die Elternzeiten war bei uns meistens jemand da, der für das Haus die Pakete entgegen nahm und ab und zu fingen wir an, das eine oder andere zu bestellen statt in kleinen Geschäften einzukaufen. Die Müllmänner grüßten wir immerhin noch im Vorbeigehen.

In unserer nächsten Wohnung wohnten wir im vierten Stock ohne Aufzug. Und in einem Bundesland mit deutlich reglementierten Ladenöffnungszeiten. Bestellen war für uns quasi lebenswichtig um nicht jedes Buch, jedes Trum hinauf schleppen zu müssen. Und um trotz Vollzeitstellen noch das eine oder andere zu erwerben.  Und Wir bestellten alles Mögliche, besonders wenn wir krank waren und einfach vor lauter Erkältung oder sonst etwas die Kraft nicht hatten, die Stufen zu bewältigen. Die Rechnung ging nur nicht auf. Die Paketboten klingelten nicht bei uns. Selbst wenn wir den ganzen Tag zu Hause waren –weil krank- gab es gerne eine Paketbenachrichtigung im Briefkasten. Oft stiegen die Paketboten nicht einmal aus, sondern schickten die Paketbenachrichtigung gleich per Post.

Unseren Briefträger habe ich nie gesehen. Die Müllmänner nur gehört.

Aber einmal, als ich ein dringendes Paket erwartete, passte ich den Paketboten unten ab, um ihm den Weg zu sparen und sicher zu stellen, dass wir nicht wieder viel später eine Benachrichtigung per Post bekommen würden. Im Gespräch mit ihm erfuhr ich dann, was ich schon lange geahnt hatte. „Wissen sie, bei Ihrem Namen, da wissen wir schon, dass das im vierten Stock ist, da klingle ich gar nicht erst.“ Ich bin dankbar, für jeden Boten, der es auf sich nimmt bei uns zu klingeln! Und ich würde unseren Postboten gerne mal kennenlernen. Die Nähe zum Boden und damit zu den kleinen Läden, zum persönlichen Kontakt mit den Menschen, die uns das Leben leichter machen fehlt mir ungemein. Und ja, es steckt auch viel Faulheit dahinter aber vor allem das Bedürfnis die Menschen zu kennen, die wir alle brauchen und die Blumen auf ihren Seelen zu sehen.

Ausmisten

Wir haben unsere gemeinsamen Familienferien unter anderem dazu genutzt, das Kinderzimmer auszumisten, umzuräumen und umzugestalten.

Ich habe dabei versucht meine Finger aus dem ausmisten der Kinder zu lassen, da ich die Fähigkeit loszulassen – besonders von Dingen- für eine sehr wichtige und erstrebenswerte Fähigkeit halte, die ich selbst leider so gar nicht habe.

Ich habe ein Elefantengedächtnis. Deswegen weiß ich bei jeder Sache noch genau, wer sie geschenkt hat zu welchem Anlass usw. Das erschwert es etwas. Bei den Entscheidungen für den Müll bin ich nicht wehmütig geworden. Die fand ich richtig. Bei zwei Entscheidungen der Kinder für den Flohmarkt bin ich ins Straucheln gekommen. Beides betrifft Stofftiere, die deutlich älter sind als meine Kinder und schon viele Kindliche Ausmistaktionen überstanden haben, weil ein Kinderherz genug daran hing. Einmal einer meiner alten Teddys in den ich viele Tränen geweint habe und einmal Stofftiere, die ein Freund, den Kindern vererbt hat.

Von letzterem habe ich ein Foto gemacht und ihn gefragt ob er es wieder haben möchte. Die Entscheidung, was mit den Tieren passiert, die jemand anderem sehr wichtig waren, wollte ich weder den Kindern ganz überlassen, noch selbst treffen. Er wollte. Bei dem Teddy habe ich beschlossen, die Entscheidung meiner Kinder zu akzeptieren. Ich habe das Stofftier an sie weiter gegeben und sie haben ihn aussortiert. Und wenn ich meinen Kindern beibringen will loszulassen, dann muss ich das auch tun.

Das also meine heutige Theorie zum Thema Erziehung.

Nur brauche ich jetzt bald einen Flohmarkt, damit ich es mir nicht anders überlege.

Experiment (Teil III)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Was bisher geschah: Ich habe auf Facebook gepostet, dass ich das Netzwerk verlassen würde. Einige fragten nach, wie ich weiter erreichbar sein würde, andere warum und wieder andere beglückwünschten mich. Die, die nach der Erreichbarkeit fragten, waren überwiegend die, mit denen ich ohnehin auch außerhalb Kontakt habe. Interessant war für mich, dass ich mit quasi neuen Leuten auf einmal eine Verbindung hatte. Ein ehemaliger Mitschüler beglückwünschte mich. Und das erste Mal tauschten wir uns ein wenig aus. Das hatten wir weder in der Schule noch über Facebook vorher wirklich gemacht. Nicht viel, aber mehr.
Mit anderen fing allein durch das Testen der jeweiligen E-Mailadressen, die ja plötzlich wieder wichtig war, ein neuer Dialog an. Eine liebe Freundin z.B. aus Griechenland-Zeiten meldete sich auf einmal wieder und wir hatten uns etwas zu sagen, als wäre keine Zeit verstrichen. Auch wenn der Kontakt davor – dank Facebook – auf die jährliche Weihnachtskarte beschränkt war.

Ich fühle mich gerade endlich wieder wirklich vernetzt. Mit deutlich weniger Menschen und vermutlich weniger exotisch. Und ja, der eine oder andere Kontakt wird wieder einschlafen und womöglich ohne Facebook endgültig und trotzdem kommt es mir vor, als sei ich aus einem Dornröschenschlaf erwacht.

Eine weitere Maßnahme war es, dass ich diverse Newsletter abonierte (das gibt es wirklich noch), denn die Nachrichtenseiten wie die Süddeutsche, pinkstinks, usw. interessieren mich ja nach wie vor. Und siehe da, die Newsletter zeigen mir nicht nur hinweise auf die gleichen Artikel sondern bieten bisher allesamt ein gewisses mehr an Information.

Was die Rituale betrifft: Nun ja, das war tatsächlich die größte Umstellung. Die Langeweile wird einem sehr bewusst, wenn sie da ist. Aber man nutzt sie anders. Schon am ersten morgen habe ich mir mehrere interessante TED Vorträge angesehen, statt auf Facebook im Newsstream herumzuscrollen. Ich habe mich also weiter gebildet. Ich habe die Zeit genutzt um Nachrichten zu schreiben, um zu stricken um mich zu unterhalten um mich zu bewegen. Trotzdem ist der Reflex zu gucken noch da. Das Fenster ist geschlossen überall und ich finde Alternativen. Ich langweile mich weniger, denn Facebook hat für mich die Langeweile nicht wirklich bekämpft sondern eher überdeckt, da war sie noch immer.

Jetzt kommt der Frühling. Ein neuer Aufbruch, neues Wachsen. Ich bin gespannt, was das altmodische Facebook-lose Leben für mich bereit hält. Und ich freue mich auf die echten Menschen, mit denen ich mein Leben verbringe und teile. Einiges werde ich verpassen, manches und mancher wird mir fehlen und trotzdem glaube ich fest, dass es für mich persönlich die richtige Entscheidung war. Ein Gewinn.

Experiment (Teil II)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Ich hatte also den Plan gefasst mich von Facebook abzumelden. Aber warum?

In letzter Zeit beschlich mich zunehmend ein gewisses Unwohlsein, ein Widerwillen. Zunächst war das gar nicht so richtig greifbar für mich. Aber allmählich kam ich dem ganzen auf die Spur. Facebook machte mich nicht glücklich. Und ich merkte erste Anzeichen einer gewissen Sucht insofern, als dass ich die Seite auf meinen diversen Endgeräten immer offen hatte und automatisch meist als erstes wenn ich danach griff auch prüfte ob es etwas neues gäbe. Mir war langweilig, facebook. Dadurch war mir zwar, wenn ich ehrlich bin nicht weniger langweilig aber ich hatte das GEFÜHL etwas zu tun. Wie viel Zeit ich dafür letztendlich aufwendete konnte ich zwar an meinem wöchentlichen Bildschirmzeitbericht ablesen, aber so richtig spürbar, greifbar, war es erst hinterher. Und dann war da noch ein gewisser Widerwillen gegen die Unehrlichkeit, die Facebook verkörpert. Die Welt ist anders, aber Facebook gaukelt uns eine bestimmte unseren Denkmustern genehme Welt vor. Das kann angenehm sein, wenn man gerade keine Lust hat es zu hinterfragen macht ab er die Welt an sich auch kleiner und ärmer. Facebook präsentiert nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Der Rest wird unter den Teppich gekehrt. Man kann die Wahrheit meisterhaft verschleiern, wenn man einige Fakten weg lässt. Ist das dann schon eine Lüge? Ich weiß es nicht, vermutlich eher nicht. Es ist legitim und nachvollziehbar. Wer möchte schon die langweiligen, peinlichen oder unangenehmen Erlebnisse seines Lebens teilen? Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich mit meiner Lieblingscousine Briefe austauschte. Ich wusste nicht so sehr viel von ihrem Leben. Auch da nur die Dinge, die sie mit mir teilen wollte. Wofür sie brannte und ihre Macken und Schrullen kannte ich kaum. Und sie wusste von mir womöglich noch weniger, weil ich eine furchtbare Sauklaue habe und daher meine Briefe wohl kaum leserlich waren. Trotzdem war da eine Verbundenheit. Wir teilten ganz bewusst bestimmte Bereiche aus unserem Leben miteinander und manches davon vermutlich nicht unbedingt mit jedem anderen. Heute weiß ich dank Facebook, dass sie einen echten Minions-Tick hat, nicht nur auf gutes Essen steht und toll kochen kann (das wusste ich vorher auch schon) sonder auch, dass sie ein Talent hat in allen möglichen Teilen des Erdballs gute Futterstellen zu finden. Ich hatte mitbekommen, dass sie mit ihrem Jahr 2018 nicht glücklich war. Die Hintergründe verschwieg mir Facebook aber.

Und das war nicht bei ihr so. Nur hat der Alltag einen so im Griff, dass es nicht möglich ist bei allen 200 “Freunden” regelmäßig nachzuhaken.

Man gibt sich der bequemen Täuschung hin, dass man schon alles wichtige über Facebook mitbekommt.

Aber was teilt man selbst denn wirklich?

Hinzu kommt das permanente Vergleichen mit den anderen. Man will es nicht, man weiß rational, dass das auch totaler Quatsch ist, weil man ja weiß, dass Facebook maximal die halbe Wahrheit ist, aber man macht es trotzdem. Geniert sich, eine schlechte Mutter zu sein, wenn man die Hochglanzbilder der anderen Mütter sieht, die mit ihren Kindern andauernd tolle Ausflüge machen, interessante Reisen, fördernde Kurse während man selbst tot von der Arbeit und dem Leben an sich auf der Couch liegt und mal wieder dem Lieferdienst das Kochen überlässt. Man vergisst, dass man selbst ja auch Ausflüge macht und bastelt. Ist es nicht fotografiert und auf Facebook dokumentiert, existiert es nicht.

Dieses Phänomen ist inzwischen bekannt und erforscht. Artikel dazu findet man z.B. in Psychology Today https://www.psychologytoday.com/intl/blog/the-defining-decade/201203/just-say-no-facebook-social-comparisons .Es geht sogar noch über das Unwohlsein, dass ich verspürte hinaus. Facebook fördert Depressionen (wohlgemerkt, Facebook macht nicht depressiv per se, aber es hilft dabei depressiv zu werden): https://www.eurekalert.org/pub_releases/2015-04/uoh-usl040615.php

Abgesehen von der ganzen ungewollten Vergleicherei fehlte mir auch einfach die Verbundenheit. Klar hat man sich vor Facebook leichter aus den Augen verloren. Und das war oft mit echtem Verlust verbunden. Aber auch mit echten Überraschungen, wenn man sich dann doch auf dem einen oder anderen Weg wieder gefunden hat. UND die Verbindungen, die bestehen blieben, waren irgendwie realer.

Also habe ich einen letzten Post geschrieben, dass ich in nächster Zeit nicht auf Facebook zu finden sei, mich aber freuen würde, wenn der eine oder andere auf altmodische Art Kontakt halten würde. Es gab ein paar Reaktionen, einige persönliche Nachrichten und dann … löschte ich mein Profil. Was danach geschah, kommt dann im dritten Teil.

Experiment (Teil I)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Seit über zehn Jahren treibe ich mich in diversen sozialen und beruflich-sozialen Netzwerken herum. Als “man” noch in StudiVZ, bei den Lokalisten oder in MySpace umherwanderte, fing es auch in Deutschlnad an, dass man sich bei Facebook anmeldete. Während das am Anfang noch exotisch war, verwandelte das sich schnell zur erstaunten Frage: “Was?! Du bist nicht bei Facebook?”
Facebook hat mittlerweile übernommen. Facebook ist der Ort an dem “alle” zu finden sind. Dazu kann man sich dort seine Nachrichten zusammenstellen. In meiner “Timeline” erscheinen Meldungen von der Süddeutschen, der Zeit, von pinkstinks, den Rebel Girls, der girls on web society, einem Volksbegehren, zwei Fernsehserien, netzpolitik.org, mimikama und verschiednenen anderen Seiten, die für mich so selbstverständlich sind, dass sie mir gar nicht mehr einfallen. Ich habe mir also längst meine persönliche Filterblase gestrickt.

Dadurch, dass am Anfang nur so wenige bekannte Gesichter bei Facebook zu finden waren, kam hinzu, dass ich zunächst jedes bekannte Gesicht als “Freund” akzeptierte, ob das nun jemand war den ich auch im echten Leben als Freund bezeichnen würde oder nicht.
Sind wir mal ehrlich: Es hat ja auch ein bisschen was von Sammelbildchen – man will sein Album voll bekommen. Die Freunde aus der Schulzeit, bei denen ich besonders gerne wüßte, was aus ihnen geworden ist, habe ich übrigens zum Teil bis heute nicht gefunden.
Aber es gibt ja auch Sammelbildchen, die man irgendwie NIE kriegt.

Da ich sehr selten etwas poste, Bilder hochlade oder meinen Status ändere, tauche ich vermutlich in den Filterblasen sehr weniger “Freunde” auf. Diejenigen, die bei mir zu sehen sind, sind auch nicht unbedingt die, mit denen ich im echten Leben einen besonders engen Kontakt habe. Bei denen, die mir in der Vergangenheit etwas näher standen, war sogar einer dabei, der so wenig in meiner timeline auftauchte, dass ich monatelang nicht bemerkte, dass er sich längst abgemeldet hatte.

Es gibt aber auch einige Entdeckungen: Der Schulkamerad mit dem ich nie besonders viel gesprochen hatte als wir in einem Jahrgang waren, dessen Posts ich aber neugierig verfolge, weil der Ausschnitt seines Lebens, den er teilt, wirklich interessant ist. Der schräge Exfreund einer Freundin, der immer noch irgendwie schräg ist, aber sein Ding macht: dezidierte, gut formulierte Meinungen teilt und interessante Veranstaltungen entdeckt. Die sympathische Aktivistin, die mir im echten Leben sehr nah ist, weshalb wir eher persönliche Gespräche führen als darüber zu sprechen, was ihr politisch am Herzen liegt. Der ehemalige Theaterkumpel, der die witzigsten Entdeckungen im Intenet macht und sie dankenswerterweise teilt.
Und dann gibt es noch die, die man irgendwann sehr mochte, aber aus den Augen verloren hat. Man hat das trügerische Gefühl trotzdem noch mitzukriegen was bei ihnen im Leben passiert, weil sie Reisefotos, Hochzeitsfotos oder Kinderbilder posten. Trifft man sich dann allerdings mal zufällig auf der Straße, merkt man schnell, dass man einige wesentliche Dinge, Erlebnisse oder sogar einschneidende Veränderungen verpasst hat.
Und nicht zu vergessen mein Lieblingscousinchen, die mir immer sehr am Herzen liegt, deren Leben ich mittlerweile aber tatsächlich überwiegend über Facebook und FB-Nachrichten verfolge.

Vor einigen Jahren war dann ein Punkt erreicht, an dem ich mich so über mich selbst geärgert habe, dass ich lauter Leute in meiner “Freundesliste” hatte, mit denen ich mich im echten Leben gar nicht so recht verstanden habe, dass ich radikal “ausgemistet” habe.
Meine Liste ist damals von gut 400 auf etwa 200 geschrumpft ist.

Trotzdem hat sich wenig verändert. Nur Facebook hat sich verändert. Die Algorythmen haben sich immer mal wieder verändert. Es sind ein paar neue Freunde dazu gekommen, die Skandale häuften sich und die Nachrichtenfunktion wurde für alle Nicht-Messenger-Nutzer abgeschafft.

Ich habe mich verändert.

Dies alles ist die Ausgangsbasis für mein Experiment:
Ich habe mir vorgenommen, mein Facebookprofil zu löschen.

Warum, wie und was danach passiert, gibt es im zweiten Teil.

Krummes Gemüse

Als wir noch in Höchst lebten, war es unser persönliches Wochenendvergnügen, alle zusammen, Samstags auf den Wochenmarkt zu gehen. Manchmal haben wir uns dort mit Freunden auf einen Kaffee getroffen, manchmal haben wir zufällig Bekannte oder Freunde getroffen und immer haben wir unsere Lieblingsstände besucht.
Ein kurzer Schwatz mit der „Kräuterhexe“; Einer älteren Frau, die wirklich als eine der weisen Kräuterkundigen durchgehen konnte, die früher für Hexen gehalten wurden, die aber vor allem einfach starke Frauen mit großem Wissen waren. Durch und durch sympathisch und ihr Stand der Ort, wo die Kinder schnell gelernt haben wie unterschiedlich Salbei oder Thymian aussehen kann und doch klar zu identifizieren ist.

Inzwischen ist das Kräuterwissen meiner Kinder wahrscheinlich wieder etwas verschüttet, damals konnten beide die gängigsten Kräuter bestimmen. Das war eben eines unserer Spiele und mit einem großen Balkon auch zuhause fortsetzbar.

Die nächste Station war dann meist „der“ Gemüsestand. Dort gab es „lustige“ Erdbeeren, die nicht irgendwelchen Wuchsnormen entsprachen, eine große Auswahl an regionalem frischen Gemüse und die “Suppentüte” – Eine riesen Tüte, vollgepackt mit dem passenden Gemüse für eine Gemüsesuppe, die unsere Familie für mehrere Tage satt und zufrieden machen konnte.
Oft gab es dann noch einen Schlenker zu Käse oder Backwaren und auf dem Rückweg einen Einkehrschwung im Supermarkt und beim Bäcker um Simit zu kaufen.
Danach waren wir gerüstet für den Rest des Wochenendes, hatten einen schönen Spaziergang hinter uns und waren oft ziemlich gut gelaunt.

Was uns davon für die Wochenenden geblieben ist, außer einem Großeinkauf, ist die Liebe zu „krummen“ Gemüse. Lustige Erdbeeren schmecken einfach besser.

 In unserem neuen Viertel gibt es Samstags keinen Wochenmarkt. Gäbe es einen, würden wir kaum jemanden treffen den wir kennen, denn wir kennen nur wenige Menschen aus dem Viertel.

Die Freunde und Bekannten von damals waren Errungenschaften aus den Elternzeiten, waren wunderbare Nachbarn, mit denen man regelmäßig feierte oder etwas unternahm. Die Elternzeit um in Ruhe Eltern mit Kindern genau im gleichen Alter kennenzulernen, haben wir hier verpasst. Der Alltag hat, in dem Alter in dem unsere Kinder sind, die Familien voll im Griff.
Die Freunde, die man hat sind über die Stadt verstreut. Man hat ja auch einen etwas größeren Aktionsradius. Die Gemeinschaft im Haus besteht maximal aus Smalltalk im Treppenhaus und bei dem einen oder anderen ist man sogar froh darum.

Natürlich haben wir auch hier unsere Wochenendrituale. Auch hier haben wir unsere Anlaufstellen und sogar eine Quelle für lustige Erdbeeren. Auch hier treffen wir liebe Freunde zum Kaffee. Es ist eben nur anders. Auch irgendwie gut, nur eben anders. Und manchmal, nur manchmal, vermissen wir eben das eine oder andere Stückchen Vergangenheit, jeder sein eigenes.

Sorgen

Ich mache mir eigentlich immer wegen irgendetwas Sorgen.
Sind die einen erfolgreich bekämpft, kommen schon die nächsten.

Manche würden sagen ich bin zu negativ oder mache mir zu viele Gedanken. Ich würde sagen, ich habe eben einfach genug Vorstellungskraft, dass ich Dinge weiter voraus denken kann und mir die möglichen dramatischen Konsequenzen eben ganz plastisch in allen Farben und Schattierungen vorstellen kann. Das kann ich auch nicht abstellen.
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, habe für die meisten Eventualitäten einen Plan B, C, D usw. (das Alphabet hat ja zum Glück viele Buchstaben) und freunde mich eben einfach mit den Sorgen an.

Denn im Grunde genommen sind sie meine treuen und zuverlässigen Verbündeten. Ohne sie hätte ich wohl nicht mal einen Plan B. Wenn dann etwas passierte, könnte ich nicht reagieren. Sie begleiten mich auf Schritt und Tritt und sorgen dafür, dass ich nie einsam bin, denn mindestens die Sorgen sind ja immer bei mir.
Sorgen mache ich mir in der Regel um andere. Je mehr Menschen ich liebe, desto zahlreicher und größer die Sorgen.

Nur manchmal, ganz selten, lassen einen selbst die zuverlässigsten Sorgen im Stich. Dann setzt das Frühwarnsystem aus und man wird von Dingen überrumpelt. Es gibt Dinge die sind so schrecklich, dass sie meinem Hirn zu abstrakt sind.
Natürlich weiß man, dass dieses oder jenes passieren könnte, aber die Konsequenzen sind so immens, das man sich mit der blühendsten Phantasie nicht vorstellen kann, wie die genau aussehen. Also bleiben diese Sorgen klein und abstrakt, bis sie plötzlich riesig, übermächtig, real und greifbar werden.
Das sind dann keine guten Freunde mehr sondern Schreckgespenster, die einen vor sich her jagen und nur noch funktionieren lassen. Die einen hetzen und kaum die Luft zum Atmen lassen. Die einen zwischendurch überrennen und auf einem herumtrampelt, mit einem ringen und einen niederstrecken, bis man sie bezwungen hat, dressiert oder besiegt hat. Sie handzahm mit sich herum schleppt. Dann sind sie wieder mehr oder weniger drollige Begleiter, die einen etwas verschroben werden lassen.
Die Narben von diesen Kämpfen trägt man (meist unsichtbar) mit sich. Sie verändern einen und man weiß plötzlich, welche Bestien in den kleinen Begleitern schlummern können.

Und jetzt Platz und Ruhe ihr Sorgen.
Gut das ihr da seid, aber bleibt bloß brav!

Neue Wege

Ich bin in meinem Leben bisher 15 Mal umgezogen. Manchmal nur ganz kurz irgendwo “Zwischengezogen”, manchmal sogar zurück.
Ich war in zwei verschiedenen Kindergärten, drei Schulen und zweieinhalb Universitäten (mein Sommerstipendium an der Uni Athen zählt maximal halb). Ich habe in meinem Leben schon viele neue Jobs angefangen (allein neun verschiedene als Schülerin und Studentin). Dabei habe ich gemerkt, das das Einschlagen neuer Wege ganz unterschiedlich sein kann. Und besonders, was mit den Weggefährten passiert, wenn sich die Wege wieder trennen.

Was macht genau den Unterschied aus, wenn man von etwas Altem weg geht, im Vergleich zu wenn man auf etwas Neues zugeht?
Natürlich ist es immer irgendwie beides. Trotzdem gibt es meist eine klare Tendenz, was davon überwiegt. Ich glaube, dass es in vielerlei Hinsicht ein gravierender Unterschied ist ob man flüchtet oder sich auf zu neuen Ufern macht.

Manchmal, ist einem gar nicht so ganz klar, was überwiegt. Aber spätestens wenn man zurück blickt, ist es meist ganz klar.

Geht man von etwas weg, hat man dafür einen guten Grund. Meist hat man einen gewissen Leidensweg am Ende dieses Wegstücks hinter sich. Oft schien es einem gegen Ende, dass man Leidensgefährten hatte, die nur ganz kurz danach ihren eigenen Ausweg finden müssen. Und man hat andere Weggefährten, mit denen man das Leid nicht so geteilt hat. Sie haben dort noch ein Stück Weg geplant und sind zufrieden. Diese Weggefährten lässt man alle zurück. Und sie waren einem doch so ans Herz gewachsen. Man hatte das Gefühl viel gemeinsam zu haben.

Auf etwas neues zugehen ist völlig anders. Es ist aufregend. Man ist voller Vorfreude. Man ist auf diesem Weg aber auch sehr allein. Man geht ihn, weil es der richtige Weg für einen selbst ist. Kein Ausweg sondern neue Pfade, die entdeckt und erobert werden können. Neue Chancen, neue Erlebnisse, neue Menschen. Die alten Wegbegleiter lässt man auf dem letzten Stück Weg hinter sich. Sie winken einem vielleicht noch nach und freuen sich für einen.

Nun könnte man meinen, dass man wenn man seinen neuen Weg eine Weile beschritten hat, das Verhältnis zu den alten Weggefährten in etwa das gleiche bleibt. Man wird sich vielleicht etwas fremder, weil man den Alltag nicht mehr teilt, man kann nicht mehr über den Alltag gemeinsam Lachen ohne erst groß auszuholen und zu erzählen. Aber die, die einem ans Herz gewachsen sind, die, die unser Vertrauen genießen, sind einem doch noch nah. Die, die etwas entfernter sind, verliert man vielleicht ganz aus den Augen. Und lassen einen die Weggefährten ziehen, verliert man sich aus den Augen. Tatsächlich verhält es sich aber ganz anders. Vielschichtiger.

Am einfachsten sind die Leidensgefährten zu greifen. Diese teilen sich in zwei grobe Gruppen. Diejenigen, die den Weg weiter gehen und sich entweder in ihrem Leiden arrangieren oder das Gefühl haben, eine Durststrecke überstanden zu haben und in einer Aufwärtsbewegung sind. Die anderen, die kurz danach ihre eigene Abzweigung finden.
Die Leidensgefährten, die bleiben, werden einem selbst oft fremd. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Einerseits fällt es schwer, wenn man selbst, trotz Leiden, geblieben ist vor sich selbst zu rechtfertigen, dass einem die Courage für den Schritt gefehlt hat, dass man es sich anders überlegt hat. Dabei gibt es, wie hier http://www.meinetheorie.net/2010/07/21/entscheidungen/ schon beschrieben, keine falschen Entscheidungen. Solange man sich aktiv entscheidet, zu bleiben, kann es nur richtig für einen selbst sein. Daraus entsteht dann oft ein Gefühl sich vor dem, der gegangen ist, rechtfertigen zu müssen, was alles etwas unentspannt macht. Gleichzeitig kann es sein, dass die ganzen versteckten Rechtfertigungen, dem der geflüchtet ist, das Gefühl geben, versagt zu haben. Alles worüber man vorher gemeinsam geschimpft hat, ist auf einmal nicht mehr so schlimm. Als hätte man sich alles nur eingebildet, oder sei ein totaler Schwächling, weil man aufgegeben hat. Auch das sorgt für eine unentspannte Situation. Der Fahnenflüchtige ist zudem entweder auf einem Weg gelandet, wo es für ihn oder sie tatsächlich viel besser ist, dann fällt es schwer sich zu beherrschen und nicht permanent nur davon zu erzählen wieviel besser alles ist oder er oder sie ist vom Regen in die Traufe gekommen, dann ist es unangenehm zugeben zu müssen, dass die Entscheidung unangenehme Konsequenzen hatte und dass man nochmal eine neue Abzweigung nehmen muss. Hinzu kommt, dass man sicher nicht hören will, dass ohne einen selbst alles besser ist, was in dieser Kombination durchaus vorkommen kann, egal in welche Richtung.

Oft gehen diese Kotakte dann ziemlich schnell kaputt oder liegen solange auf Eis, bis diejenigen, die länger blieben, eben doch die eine oder andere Abzweigung genommen haben. Ich hatte z.B. eine Kollegin, die ich nach einer neuen Abzweigung fast gänzlich aus den Augen verloren hatte. Irgendwo, viel später kreuzten sich unsere Wege wieder. Jeder hatte in der Zwischenzeit viele andere neue Wege für sich entdeckt. Dadurch war der alte Job irgendwie kein Thema mehr und wir stellten fest, dass wir uns wieder richtig viel zu sagen hatten. Unser Kitt war nicht der gemeinsame Job, sondern echte Gemeinsamkeiten.

Mit denjenigen, die selbst kurze Zeit später ihre eigene Abzweigung genommen haben, ist es wesentlich entspannter. Man hat sich vielleicht weniger zu sagen. Ob außer dem gemeinsamen Leiden Gemeinsamkeiten existiert haben, merkt man erst dann. Und entweder man bleibt in Kontakt oder eben nicht. Und ohne unangenehme Gefühle schläft das ganze ein.

Am überraschensten aber sind diejenigen, die relativ neutral waren. Da bleibt einem nach der einen oder anderen Abzweigung jemand erhalten und man merkt, dass wenn die professionelle Neutralität nicht mehr notwendig ist, dass da plötzlich Gesprächsthemen da sind, die völlig unerwartet sind. Dass da Kontakte erst richtig wachsen, wo die Arbeit nicht mehr im Weg steht.

Letztendlich ist es völlig egal, wer einem erhalten bleibt. Ein paar wunderbare Menschen gewinnt man immer dazu, manche auf Zeit, manche dauerhaft und man weiß nie, wer es ist, dem man begegnen sollte und wer einem die entscheidenden Impulse geben wird.