„normal“

Als ich ein Kind war, war meine Mutter voll berufstätig. Das war aber nicht unbedingt die Norm. Es war meine Normalität aber oft war ich neidisch auf die Kinder deren Mütter Zuhause waren, die nicht in den Hort mussten oder früher noch im Kindergarten nicht gezwungen waren Mittagsschlaf zu machen oder Widerlichkeiten wie Milchreis zu essen sondern Zuhause ein liebevoll gekochtes Essen bekamen.

Im Vergleich zu meinen eigenen Kindern war ich sehr gut dran. Nicht nur, dass die beiden bereits mit einem Jahr in die Krippe kamen, so müssen sie in diversen Betreuungseinrichtungen bis fünf Uhr nachmittags ausharren und kommen dann heim in ein Zuhause wo der gesamte Haushalt noch nicht erledigt ist, so dass sie oft noch mit einkaufen müssen, geduldig auf das Abendessen warten müssen und sich am Wochenende selbst beschäftigen müssen bis der Hausputz der Woche erledigt ist. Sie beschweren sich darüber nicht. Für die beiden ist das die Normalität und sie wissen genau, dass es vielen ihrer Freunde ähnlich geht.

Jetzt hatte ich zwischen zwei Kitaschließtagen einen extra Tag frei. Es hätte sich nicht gelohnt bei fünf freien Tagen einen zwischendurch in die Arbeit zu gehen. Die Kinder waren also in Schule und Kindergarten. Ich habe eingekauft, mich um den Balkon und ein bisserl um den Haushalt gekümmert. Ich habe mit den Kindern Einladungen für einen Kindergeburtstag gebastelt und überhaupt eine Menge geschafft. Ich hatte sogar ein wenig Zeit für mich selbst. Und dann ist das seltsame passiert. Da war er der Gedanke in meinem Kopf: „Schön, endlich auch mal einen Tag eine „normale“ Mama zu sein.“ Ja es war ein schöner Tag. Aber warum meine ich, dass es „normal“ ist? Weder in meiner Kindheit noch jetzt ist das auch nur irgendwie die Norm. In meiner Kindheit war das die Norm der anderen. Warum habe ich und vermutlich haben wir immer noch dieses Bild im Kopf, dass eine Mama zuhause sein muss?

Ich glaube, das liegt daran, weil wir dies bereits als Kinder als Norm vermittelt bekommen haben. Weil das auch jetzt von so vielen noch als die bessere Norm vermittelt wird. Eine „gute“ Mutter ist daheim und kümmert sich um alles zu einer Zeit, dass es die Familie weder mitbekommt noch mithelfen muss.

Ich bin sicher niemand, der dieses Bild propagiert oder lebt. Und trotzdem ist es immer noch in meinem eigenen Kopf. Und vermutlich auch in den Köpfen der meisten anderen. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen eingepflanzt und es ist ganz einfach, weil wir die falschen Normen in unseren Köpfen haben. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Die goldene Frage ist: Wie verändert man die Norm in den Köpfen. Kann das bei einem selbst gelingen oder vielleicht erst bei der nächsten Generation? Sind wir verdammt unglücklich in unserer Normalität zu leben, weil sie nicht zu den Normen in unseren Köpfen passen?

Wir entscheiden uns selbst dazu glücklich zu sein! Und sich der eigenen Normen bewusst zu werden ist vielleicht der erste Schritt um sie in den Köpfen zu verändern und aufzulösen.

Ich werde mich noch gezielter auf die Suche nach meinen falschen Normen und Leitsätzen machen und hoffentlich gute Wege finden sie gerade zu rücken oder sogar zu bekämpfen.

Die Welt soll Kopf stehen

Ich war generell nie sehr erfolgreich im Sport.
Sei es, weil mir immer eingeredet wurde(auch von mir selbst), ich sei eben unsportlich; sei es, weil ich tatsächlich ziemlich unsportlich bin.
An Bewegung an sich hatte ich eigentlich immer Spaß (auch, wenn meine Mutter das nie unterschreiben würde).
Ich war halt nur nie so gut darin wie andere. Und das verdirbt einem schnell den Spaß. Mit zwei deutlich älteren Geschwistern, die immer alles besser konnten erst recht.

In mir drin ist aber immer noch ein Teil, der von bestimmten Bewegungen träumt. Die Zeit in meinem Leben, in der ich einen Handstand konnte, war bisher sehr, sehr kurz. Irgendwann Ende zwanzig, Anfang dreißig war das. Und auch zu dieser Zeit war das alles sehr wackelig und sehr kurz.
Aber manchmal habe ich Lust, einfach so einen Handstand zu machen.
Ich stelle mir das dann vor. In meiner Vorstellung ist es ganz leicht.
Es drückt nicht an den Händen.
Ist fast so, als würde ich schweben nur eben Kopfüber.
Das können die absurdesten Momente sein, in denen diese Handstandgedanken kommen.
Wenn sie vorbei sind, und ich natürlich keinen Handstand gemacht habe, weil ich es gerade eben gar nicht kann und es außerdem sehr peinlich wäre, dann denke ich: „Eigentlich müsste ich den Handstand wieder üben – einfach so, um für den nächsten solchen Moment gewappnet zu sein.
Aber auch das geht vorbei und ich lande wieder im Alltag, mit den Aufgaben und den Terminen und den Kilos und der Schwerkraft und der Realität.
Und das Schweben ist wieder vorbei und die Welt steht nicht Kopf.
Wie schade eigentlich.

Schrumpfen

Als Kind meint man, man würde größer, je älter man wird. Man meint, man hätte mehr Möglichkeiten. In Wirklichkeit sieht es nur so aus, als würde man größer. In Wirklichkeit wird man immer kleiner und unbedeutender. Zumindest die meisten von uns.

Unlängst hatte ich ein interessantes Gespräch mit meiner Großen.
Kind: „Erwachsene müssen ganz schön viel“
Ich: „Naja eigentlich meinen wir nur, dass wir viel müssen, manches müssen wir gar nicht“
Kind: „Doch klar musst Du. Du musst z.B. in die Arbeit, damit wir unsere Miete bezahlen können und etwas zum Essen kaufen.“
Irgendwie war ich ganz froh, dass wir an diesem Punkt unser Ziel erreicht hatten und das Gespräch unterbrochen wurde.

Erstens, weil man ja durchaus erklären könnte, dass es noch einige andere Möglichkeiten gäbe, dann aber in die Verlegenheit käme zu erklären warum man sich eben genau für dieses Müssen und nicht für anderes Müssen entschieden hat.
Zweitens, weil es traurig ist, wie sehr das eigene Kind die Begrenztheit der Mutter bereits wahrnimmt.
Als Kind hat man noch so viele Abzweigungen vor sich. Man hat noch die Chance, der Welt etwas Positives zu hinterlassen.
Als Erwachsener hat man immer weniger Abzweigungen vor sich, immer mehr „Müssen“.

Und ich persönlich hinterlasse der Welt nicht so wahnsinnig viel.
Ich arbeite als Edeltippse, da macht man die Welt nicht zu einem besseren Ort. Und außer ein paar ordentlich sortierten, abgehefteten Papierbergen bleibt nicht viel.
Ich habe keinen Garten, in den ich wenigstens einen Baum pflanzen könnte. Für ein Buch fehlt mir der Atem, die Schreibe, die Ideen.

Das Beste, was ich der Welt gegeben habe, sind diese beiden wunderbaren Kinder.

Und wenn ich als Mutter keinen Mist baue, bleiben sie womöglich so wunderbar wie sie sind.

Müde

Manchmal bin ich einfach müde. Ob das an der Zeitumstellung liegt oder Frühjahrsmüdigkeit ist oder einfach eine Alltagsmüdigkeit weiß ich nicht. Es ist eine bleierne Müdigkeit, die sich über alles legt. Mein Bett zieht mich an wie ein riesiger starker Magnet, der in der Lage ist Fleisch und Knochen anzuziehen. Aber das Bett hält nicht, was es mir heimlich versprochen hat. Es lässt mich nicht aus einem erfrischenden kurzen Mittagsschlaf erwachen sondern spuckt mich aus, frierend, knatschig und müder als zuvor.
Das Bett ist so ein Lügner, wenn es um den seltenen, wunderbaren, luxuriösen Mittagsschlaf geht.

Einzig im Hochsommer, wenn man über jede Erfrischung dankbar ist, und die Mittagshitze zäh über die Stadt fließt, wenn man das Haus nur Nachts verlassen möchte, um nicht zu einer breiigen Masse zu werden, unfähig zu denken, unfähig sich groß zu bewegen, dann – ja dann – lässt einen das Bett nicht mehr frieren. Dann schläft man gar nicht erst ein vor Hitze. Man liegt dann da, schwitzt, ist erschöpft und müde, so müde.

Dornröschen hatte wohl ein zuverlässigeres Bett. Allerdings wäre es wenig alltagstauglich, wenn man gleich 100 Jahre schlafen würde.
Eine viertel Stunde, eine Stunde, was weiß ich.
Vielleicht meint es mein Bett also doch gut mit mir. Vielleicht ist es eher ein „Genug gefaulenzt, Dein Alltag bleibt nicht wie bei Dornröschen stehen, der geht immerzu weiter, und weiter und weiter.

Braves Bett!
Nur das mit dem Frieren …

Rad fahren

Ich bin kein Radfahrertyp. Nach oben buckeln und nach unten treten war noch nie mein Ding.

Ich finde Radfahren hat per se etwas würdeloses. Egal wie schön das Fahrrad ist, der Radler oben drauf sieht nicht schön aus für mich. Noch bemitleidenswerter sehen dicke Menschen auf dem Fahrrad aus. Noch lächerlicher sehe ich auf einem Fahrrad aus. Untrainiert, fett und mit hochrotem Kopf, das monströse Hinterteil wabert in langsamen fast schon meditativen Wellenbewegungen schwerfällig von links nach rechts. An einem kalten Morgen streicht der Dampf meines Schnaufens einer alten Dampflok gleich um mein hochrotes Gesicht. Selbst schnelle Fußgänger überholen mich, ganz zu schweigen von den gefühlt drei Millionen Radfahrern die mich morgens auf dem Weg zur Arbeit (überwiegend rechts) überholen.

Ich habe sie ALLE von hinten gesehen und niemand sieht elegant aus. Egal wie trainiert und fit. Ihre Würde und Eleganz und Schönheit gewinnen sie in dem Moment zurück, in dem die Ampel auf Rot schaltet und sie absteigen.

Denn das muss man festhalten. Sobald Radfahrer ihr würdeloses Fortbewegungsmittel verlassen, geben sie sehr häufig einen sehr ästhetischen Anblick ab (nun gut, ich vermutlich nicht, ich habe wie gesagt einen hochroten Kopf und von Fitness kann bei mir keine Rede sein).

Warum ich trotzdem auf einmal mit dem Rad fahre? Weil ich Bewegung brauche. Ich habe keine Zeit für Sport bzw. ich nehme sie mir nicht, weil ich meine wenige freie Zeit lieber mit meinen Kindern verbringe. Um aber noch genug Lebenszeit zu haben, die ich mit den Kindern verbringen kann, ist es an der Zeit mehr Bewegung in mein Leben zu bringen.

Meine Mutter fährt so ziemlich alles mit dem Rad. Sie ist immer mit dem Fahrrad unterwegs. Und neben meiner Schwester, ist sie einer der körperlich fittesten Menschen, die ich kenne. Sie fährt aber auch sehr gerne Rad.

Ich habe großen Respekt für Menschen, die sich auf diesen zwei Rädern durch das Leben bewegen. Nicht aus ästhetischer Sicht, aber was die Dressur des inneren Schweinehundes, die körperliche Fitness und die Zähigkeit betrifft, auf jeden Fall.

Trotzdem gibt es einige Dinge, die ich nicht ganz verstehe. Warum nur überholen Radfahrer in München grundsätzlich rechts? Ich bin langsam und habe jedes Verständnis für andere Radfahrer, Jogger, Hunde, Marienkäfer und Schnecken, die mich überholen wollen. Während die Schnecken einfach Gas geben müssen, können Radfahrer aber auch einfach klingeln. Um Platz zu machen reicht selbst meine Geschwindigkeit. Und warum bin ich das einzige Mal, wo ich überholt habe (es ging bergab, da habe ich mehr Schwung als andere) angespuckt worden? Vielleicht weil ich links überholt habe? Und warum begreifen so viele den Radweg (wie auch den Gehweg) in der angeblichen Radlstadt München als Parkstreifen? Und warum kratzt das außer mir niemanden? Die Fragen werden jeden Tag mit jeder Fahrt mehr. Da sehne ich mich doch allein deswegen zurück zu den Tramfahrten, bei denen ich einfach meinen Gedanken nachhängen konnte, ohne dauernd von meinen Fragen unterbrochen zu werden.

Mal sehen, wie lange ich den Schweinehund im Griff behalte….

Ernährung

Als ziemlich übergewichtiger Mensch und Vegetarierin bin ich im Lauf meines Lebens in den Genuss zahlreicher Informationen zum Thema Ernährung gekommen. Das eine oder andere habe ich in der einen oder anderen Lebensphase manchmal mehr und manchmal weniger erfolgreich ausprobiert.
Manchmal ging es ums abnehmen, manchmal ums entschlacken und manchmal einfach darum meine Neugier zu befriedigen.

Und irgendwann habe ich mich mit mir selbst angefreundet. Das einzige, was dann noch blieb, war die Neugier. Ich weiß in der Regel ganz gut, welche Nährstoffe ich brauche und wie ich sie bekomme. Solange ich mich also ausreichend bewege, überwiegend gesund ernähre und mich gut fühle, bin ich zufrieden.

Weniger selbstbewusst bin ich bei der Ernährung meiner Kinder. Hier habe ich andauernd Sorge, dass sie nicht bekommen, was sie brauchen. Der Entschluss der Großen ebenfalls Vegetarierin zu sein, an dem sie mit erstaunlicher Beharrlichkeit festhält, und die standhafte Verweigerung der kleinen 90% des Obst und Gemüses, dass auf unseren Tisch bzw. ihre Brotzeitbox kommt, auch wirklich (zeitnah) zu essen, macht es nicht gerade leichter.
Es gilt also, sich – dieses Mal kindgerecht – erneut damit auseinanderzusetzen, was der Körper braucht, warum man was kombinieren sollte und wo zum Teufel man bloß alles herkriegen soll, was man so braucht.
Denn überzeugen kann man meine Kinder nur mit handfesten, verständlichen Argumenten. Es genügt also nicht, zu sagen, dein Körper braucht Eisen, das kriegst du zum Beispiel wenn du Hülsenfrüchte isst und die musst du mit Kohlenhydraten kombinieren, damit dein Körper das Eisen aufnehmen kann. Sondern man muss weiter ausholen und erklären, dass der Körper damit Blut herstellen kann und dass durch das Eisen der Sauerstoff besser durch den Körper transportiert werden kann. Und dass das wichtig ist, weil man dann hupfen und rennen und spielen kann. Zumindest die Große hat man damit dann überzeugt und sie erfindet dann die Argumente, die auch bei der Kleinen ziehen. Wir hören manchmal einfach weg und waschen unsere Hände in Unschuld, wenn es heißt, dass das Eisen maßgeblich wichtig für schnelles Haarwachstum sein soll.

Zum Glück muss ich mich aber für meine beiden nicht auch noch mit diversen Diätvarianten auseinandersetzen. Die Ideen und Modelle sind zahlreich und letztendlich funktioniert ja doch irgendwie bei jedem wieder etwas anderes (oder auch nicht).  
Interessant hierbei finde ich den Trend, das Essen in irgendwelchen Apps zu erfassen. Das ist sicher der Alptraum jedes datenschutzbewussten Menschen, aus verhaltenstherapeutischer Sicht entbehrt es aber durchaus nicht seiner Berechtigung.
Sich bewusst zu machen, was man eigentlich isst, fällt dadurch ziemlich leicht und irgendwann einfach eine „Bremse reinzuhauen“ ist ebenso leichter, wenn man eine sofortige Visualisierung vor sich hat.
Allerdings haben viele dieser Apps einen eingebauten Barcodescanner.
Und hier ist möglicherweise auch aus verhaltenstherapeutischer Sicht ein kleines Problem zu erkennen. Denn es ist sicher allgemeiner Konsens, dass wenig verarbeitetes Essen deutlich gesünder ist, als stark verarbeitetes Essen. Mein selbstgemachter Salat hat allerdings keinen Barcode mit dem ich, mit nur einem Klick erfassen kann, was ich da eigentlich esse. Den muss ich in virtuelle Einzelteile zerlegt, grammweise eingeben. Die Tiefkühlpizza hat den Barcode schon….

Faul sein

Als Kind und Jugendliche, war einer der Standardsprüche meiner Mutter, wenn ich mit einer schlechten Leistung aus der Schule kam: „Du bist nicht dumm, nur vielleicht etwas faul.“ Ich versuchte mich also noch mehr ins Zeug zu legen und noch fleißiger zu sein. Niemand will schließlich als faul gelten. Heute weiß ich dass die schlechten Leistungen meist ganz andere Gründe hatte. Die Einschätzung meiner Mutter jedoch verfolgt mich nach wie vor. Es ist für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit mal einen Tag nichts zu tun. Mein Mann macht sich manchmal deswegen ein bisschen über mich lustig. Manchmal ermutigt er mich zum Faul-Sein (meist bekommt er dann eine Antwort, was ich davor noch schnell erledigen will, und kapituliert).

Tatsächlich habe ich aber vor ein paar Tagen erkannt, das sich zwar nicht die erhoffte Wirkung entfaltet hat, meine Mutter aber dennoch recht hatte mit ihrer Einschätzung. Ich bin tatsächlich ein ziemlich fauler Mensch. UND ich bin nicht dumm. Diese Kombination macht mich besonders effizient. Ich bringe lieber ein klein wenig mehr Zeit dafür auf einen bequemeren Weg zu finden, eine Sache zu erledigen als einen vorgegebenen Weg zu gehen. Faulheit macht unglaublich kreativ und wissbegierig. Denn nur wer sich halbwegs auskennt, findet die beste Abkürzung. Programme, die manch andere scheuen, liebe ich gerade zu. Warum? Weil man sich, wenn man einmal den Aufwand betrieben hat sich hinein zu wurschteln unglaublich viel Arbeit damit sparen kann. Ich bin dadurch gut im Vorausplanen. Denn bevor ich einen Weg zwei oder dreimal gehen muss, überlege ich lieber vorher, was ich alles dabei haben sollte. Meine Handtasche ist immer sehr voll und sehr schwer, denn wenn ich alles dabei habe, was ich brauchen könnte, habe ich keine Umstände, die mein Leben unbequem machen würden.

Ich habe also erkannt, meine Seele mag zwar faul sein, aber tatsächlich ist das gepaart mit dem „nicht dumm sein“ meine Geheimwaffe um ziemlich viel zu wuppen.
Daher habe ich mich endlich mit meiner Faulheit angefreundet.

Es lebe die Faulheit!

Bestattungen

Neulich empfahl mir ein Chef, nach Möglichkeit nicht im Ausland zu sterben, meiner Familie zuliebe. Der bürokratische Aufwand sei enorm.

Ich behaupte mal, dass es meiner Familie am liebsten wäre, wenn ich bis auf weiteres erst einmal gar nicht sterbe. Und irgendwie steht das auch so gar nicht auf dem Programm.
Wenn es denn dann doch einmal soweit sein sollte, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies im Ausland geschehen wird eher gering, da ich inzwischen sehr wenig unterwegs bin.
Was ich allerdings sagen kann, ist, dass zumindest schon ein paar Vorbereitungen und Vorüberlegungen getroffen sind. Mein Erbe ist geregelt auch wenn es nichts besonders viel zu erben gibt. Der Satz „ Mama, wenn Du mal tot bist, kriege ich dann dieses T-Shirt“ ist auch in der einen oder anderen Variation schon öfters gefallen.

Und eines sonnigen Frühlingstages brachte meine ältere Tochter auch auf dem Spielplatz das Thema Bestattung auf. Konkret fing es mit ihrer Sorge an, wie denn eines Tages wohl die Bestattung ihres Vaters vor sich gehen würde. In Ihrer Vorstellung kämen Männer, die seinen Leichnam in eine Ritterrüstung stecken würden und auf den Müll schmeißen.
Vermutlich hat sein Hang zum Histotainment da irgendeine Sorge bei ihr ausgelöst. Und auch wenn das zugegebenermaßen ein wunderbarer Beginn für einen Krimi abgeben könnte „Tod auf dem Mittelalterlager“ oder so, konnten wir sie doch beruhigen, dass mit allergrößter Wahrscheinlichkeit, seine Bestattung gewiss nicht auf diese Weise ablaufen würde. Wir fragten sie nach ihren Wünschen und ihn nach seinen Wünschen und fanden letztendlich eine Einigung mit der alle mehr oder weniger zufrieden sein konnten.

Mit meinen Wünschen war sie dagegen überhaupt nicht einverstanden.

Ich komme, was das betrifft nämlich eindeutig nach meiner Oma. Während meine Großmutter ein ganz klassisches Begräbnis hatte, mit Gottesdienst und vielen Tränen, hatte sich meine Oma eine Seebestattung gewünscht. Fast die komplette Nachkommenschaft kam also an die Ostsee angereist um ihre Urne zu versenken. Es war ein äußerst stürmischer Tag. Die Hälfte der Nachkommen kniff als sie den Kutter sahen, mit der wir und die Urne in See stechen würden. Der Wind und die Wellen waren wunderbar! Wir verbrachten die Fahrt damit und Geschichten über sie zu erzählen. Und auch wenn alle traurig waren, wurde auch viel gelacht.
Besonders, als wir umdrehen mussten, da die See zu stürmisch war. Es war für uns nicht möglich, weit genug auf See zu fahren um die Urne zu versenken.
Ein Quell schwärzestem Humors für uns alle.
Wir hatten also eine letzte, sehr stürmische, Spazierfahrt mit meiner Oma.
Wir hatten einen guten Tag.
Beim Leichenschmaus, waren dann auch wieder alle dabei. Es entstanden neue Kontakte, neue Ideen und gute Gespräche über alte Erinnerungen.

Seitdem denke ich am Meer auch immer ein bisschen an meine Oma.
Ich muss zu keinem Friedhof reisen um sie zu besuchen und an sie zu denken, ich muss nur ans Meer. Und das überall.
Und genau so etwas möchte ich auch. Lachen, Erinnerungen und keine Grabpflege sondern einfach Menschen die auch danach noch an mich denken.
Und das womöglich auch noch mit einem schönen Urlaub am Meer verbinden.
Es ist mir egal, wenn ich dann nach ein paar Anläufen irgendwann alleine versenkt werde.

Meine Mutter hat ihre Meinung zur Bestattungsform über die Jahre häufig geändert. Trotzdem kannte ich spätestens ab der Schule fast immer ihre aktuellen Wünsche. Mal ein Naturstein, mal ein Holzkreuz, mal Urnenbestattung, mal im Sarg, mal auf dem Friedhof, mal in einem dafür vorgesehenen Wald.
Viele Menschen machen sich sehr lange wenig Gedanken darüber wie sie einmal bestattet werden wollen.

Auch das Objekt meiner Begierde war sehr überrascht, als ich das Thema in unserer frisch verliebten Anfangszeit das erste Mal aufbrachte: beim Spazieren gehen mitten im Wald. Für mich ist es ganz normal.
Es gehört ja irgendwann zum Leben dazu. Wenn man jemanden wirklich kennen lernen möchte, sollte man auch seine Meinung zu diesem Thema kennen.
Und irgendwie nimmt es der eigenen Sterblichkeit ein wenig den Schrecken, wenn man zumindest in Ansätzen seine letzte Party organisiert. Auch wenn ich, wie die meisten Menschen natürlich hoffe, dass diese letzte Party für mich und noch mehr für meine Lieben möglichst lange auf sich warten lässt.

…doch noch die Nachtigall…

Wenn man sich an einen bestimmten Schlafrhythmus gewöhnt hat, fällt es schwer, ohne besonderes Training wieder davon abzuweichen. Manche behaupten, das sei erst so, seit sie keine zwanzig mehr sind, ich glaube aber, dass ihr Schlafrhythmus mit zwanzig einfach noch näher an einer durchzechten Nacht lag als vielleicht mit vierzig.

Bei mir jedenfalls, war nur in meiner „wilden Phase“ ein ähnlicher Schlafrhythmus vorhanden, weshalb es mir Anfang dreißig in jener Phase deutlich leichter fiel mir die Nächte um die Ohren zu schlagen als mit zwanzig. Damals war es quasi schon fast ein leichtes mit einer der ersten S-Bahnen morgens  nach Hause zu fahren und trotzdem an den folgenden Tagen mehr oder weniger voll funktionsfähig zu sein. Es war kein Problem, nach einer langen Nacht zum Frühstück irgendwo einzufallen und danach erstmal den Wochenendeinkauf zu erledigen. Heute ist das wieder anders.

Jetzt in der „staaden Zeit“, in der eine Weihnachtsfeier die nächste Verabredung zum Glühweintrinken jagt, wäre dieses Training sehr hilfreich. Bei mir allerdings ist es nicht existent.

So kommt es wie in jedem Jahr. Die Feier fängt gerade an in Gang zu kommen, und ich denke nur noch „eigentlich wäre ich seit zwei Stunden im Bett“.

Ich gebe mir wirklich jedes Jahr wieder Mühe, Ehrenwort. Aber es kommt, wie es kommen muss. Ich gehe tief in der Nacht nach Hause, so um elf oder zwölf und bin dann meist die erste die geht.

Die nächsten zwei Tage ist auf Grund des immensen Schlafdefizits mit mir dann nichts anzufangen. Zum Glück ist die Phase des Feiern „Müssens“ schnell vorbei und es ist ja trotzdem immer wieder ausgesprochen nett. Und ein kleines Training, um nicht völlig in den Schlafrhythmus eines Säuglings zu rutschen.