„normal“

Als ich ein Kind war, war meine Mutter voll berufstätig. Das war aber nicht unbedingt die Norm. Es war meine Normalität aber oft war ich neidisch auf die Kinder deren Mütter Zuhause waren, die nicht in den Hort mussten oder früher noch im Kindergarten nicht gezwungen waren Mittagsschlaf zu machen oder Widerlichkeiten wie Milchreis zu essen sondern Zuhause ein liebevoll gekochtes Essen bekamen.

Im Vergleich zu meinen eigenen Kindern war ich sehr gut dran. Nicht nur, dass die beiden bereits mit einem Jahr in die Krippe kamen, so müssen sie in diversen Betreuungseinrichtungen bis fünf Uhr nachmittags ausharren und kommen dann heim in ein Zuhause wo der gesamte Haushalt noch nicht erledigt ist, so dass sie oft noch mit einkaufen müssen, geduldig auf das Abendessen warten müssen und sich am Wochenende selbst beschäftigen müssen bis der Hausputz der Woche erledigt ist. Sie beschweren sich darüber nicht. Für die beiden ist das die Normalität und sie wissen genau, dass es vielen ihrer Freunde ähnlich geht.

Jetzt hatte ich zwischen zwei Kitaschließtagen einen extra Tag frei. Es hätte sich nicht gelohnt bei fünf freien Tagen einen zwischendurch in die Arbeit zu gehen. Die Kinder waren also in Schule und Kindergarten. Ich habe eingekauft, mich um den Balkon und ein bisserl um den Haushalt gekümmert. Ich habe mit den Kindern Einladungen für einen Kindergeburtstag gebastelt und überhaupt eine Menge geschafft. Ich hatte sogar ein wenig Zeit für mich selbst. Und dann ist das seltsame passiert. Da war er der Gedanke in meinem Kopf: „Schön, endlich auch mal einen Tag eine „normale“ Mama zu sein.“ Ja es war ein schöner Tag. Aber warum meine ich, dass es „normal“ ist? Weder in meiner Kindheit noch jetzt ist das auch nur irgendwie die Norm. In meiner Kindheit war das die Norm der anderen. Warum habe ich und vermutlich haben wir immer noch dieses Bild im Kopf, dass eine Mama zuhause sein muss?

Ich glaube, das liegt daran, weil wir dies bereits als Kinder als Norm vermittelt bekommen haben. Weil das auch jetzt von so vielen noch als die bessere Norm vermittelt wird. Eine „gute“ Mutter ist daheim und kümmert sich um alles zu einer Zeit, dass es die Familie weder mitbekommt noch mithelfen muss.

Ich bin sicher niemand, der dieses Bild propagiert oder lebt. Und trotzdem ist es immer noch in meinem eigenen Kopf. Und vermutlich auch in den Köpfen der meisten anderen. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen eingepflanzt und es ist ganz einfach, weil wir die falschen Normen in unseren Köpfen haben. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Die goldene Frage ist: Wie verändert man die Norm in den Köpfen. Kann das bei einem selbst gelingen oder vielleicht erst bei der nächsten Generation? Sind wir verdammt unglücklich in unserer Normalität zu leben, weil sie nicht zu den Normen in unseren Köpfen passen?

Wir entscheiden uns selbst dazu glücklich zu sein! Und sich der eigenen Normen bewusst zu werden ist vielleicht der erste Schritt um sie in den Köpfen zu verändern und aufzulösen.

Ich werde mich noch gezielter auf die Suche nach meinen falschen Normen und Leitsätzen machen und hoffentlich gute Wege finden sie gerade zu rücken oder sogar zu bekämpfen.

Schrumpfen

Als Kind meint man, man würde größer, je älter man wird. Man meint, man hätte mehr Möglichkeiten. In Wirklichkeit sieht es nur so aus, als würde man größer. In Wirklichkeit wird man immer kleiner und unbedeutender. Zumindest die meisten von uns.

Unlängst hatte ich ein interessantes Gespräch mit meiner Großen.
Kind: „Erwachsene müssen ganz schön viel“
Ich: „Naja eigentlich meinen wir nur, dass wir viel müssen, manches müssen wir gar nicht“
Kind: „Doch klar musst Du. Du musst z.B. in die Arbeit, damit wir unsere Miete bezahlen können und etwas zum Essen kaufen.“
Irgendwie war ich ganz froh, dass wir an diesem Punkt unser Ziel erreicht hatten und das Gespräch unterbrochen wurde.

Erstens, weil man ja durchaus erklären könnte, dass es noch einige andere Möglichkeiten gäbe, dann aber in die Verlegenheit käme zu erklären warum man sich eben genau für dieses Müssen und nicht für anderes Müssen entschieden hat.
Zweitens, weil es traurig ist, wie sehr das eigene Kind die Begrenztheit der Mutter bereits wahrnimmt.
Als Kind hat man noch so viele Abzweigungen vor sich. Man hat noch die Chance, der Welt etwas Positives zu hinterlassen.
Als Erwachsener hat man immer weniger Abzweigungen vor sich, immer mehr „Müssen“.

Und ich persönlich hinterlasse der Welt nicht so wahnsinnig viel.
Ich arbeite als Edeltippse, da macht man die Welt nicht zu einem besseren Ort. Und außer ein paar ordentlich sortierten, abgehefteten Papierbergen bleibt nicht viel.
Ich habe keinen Garten, in den ich wenigstens einen Baum pflanzen könnte. Für ein Buch fehlt mir der Atem, die Schreibe, die Ideen.

Das Beste, was ich der Welt gegeben habe, sind diese beiden wunderbaren Kinder.

Und wenn ich als Mutter keinen Mist baue, bleiben sie womöglich so wunderbar wie sie sind.

Wecker aus der Hölle

Es gibt ja sehr unterschiedliche Methoden morgens aufzuwachen.
Jeder hat da – genau wie beim Einschlafen – seine eigenen Mittel und Wege. Wenn man dann irgendwann den Alltag konsolidiert und zusammen zieht, müssen diese Methoden entweder in Einklang gebracht werden oder neue Wege gefunden und beschritten werden.

Mein Objekt der Begierde lies sich früher grundsätzlich vom Handywecker wecken – mit Snooze-Funktion.
Ich war den größten Teil meines Lebens ein Benutzer klassischer Wecker, und das Handy war für mich nur eine Notlösung.
Die Snooze-Funktion ist dabei eine schöne Sache, aber auch gefährlich. Abgesehen davon war ich durch den ungewohnten Handywecker zu Beginn unseres konsolidierten Alltags einfach früher wach, obwohl ich länger hätte schlafen können.


Irgendwann schenkte ich dem Objekt meiner Begierde zu irgendeinem günstigen Anlass, Weihnachten oder so einen sanften Tageslichtwecker.
Mit dieser Lösung waren wir beide sehr zufrieden, bis der Nachwuchs sein Bett in unseres verlegte und unsere Aufstehzeiten wieder stärker voneinander abwichen.
Muss ich früher aufstehen, werde ich also nun von Vibrationen am Handgelenk geweckt. Die stören außer mich niemanden.
Stehen wir gemeinsam auf, weckt uns der Tageslichtwecker.
So haben wir unsere Lösungen gefunden.
Alles wunderbar.
Meistens.
Denn wenn man gern mit offenem Fenster schläft, kann man auch von Geräuschen von draußen geweckt werden.
Wie z.B. heute durch ein lautes, aus der Tiefe kommendes Rotzen und ausspucken auf der Straße.

Ein Tag, der mit einem solchen Geräusch anfängt, kann nur sehr speziell werden.

Mama ex machina

Im klassischen Theater gibt es ein Stilmittel, das “Deus ex Machina” heißt. Wenn der Held nicht mehr weiter kommt und eine Lösung unmöglich scheint, schalten sich die Götter quasi aus dem Off ein und Lösen den Knoten, damit das Theaterstück weiter gehen kann.

Ich bin ja nun mal eine Vollzeit arbeitende Mama.
Manchmal bedauere ich das, manchmal finde ich es allein als Vorbild und der Gleichberechtigung wegen ganz richtig so.
Das führt allerdings dazu, dass manche Ferientage eben auch vom Vater der beiden wunderbarsten Geschöpfen der Erde abgedeckt werden müssen. Er hat darin Übung, letztendlich hat er mit den beiden wunderbarsten Geschöpfen der Erde wahrscheinlich sogar mehr Zeit im Wachzustand verbracht, als ich (rechnet man mal die Schwangerschaften an sich raus). Trotzdem kommt es beim „erziehen“ eben manchmal zu Konflikten. Da will der Papa doch tatsächlich nicht ausschließlich Süßigkeiten erlauben, sondern besteht auf ein Salatblatt zwischendurch. Das kann dann auch hochkochen.
Irgendwann nimmt dann die große den Telefonhörer zur Hand. Was folgt ist das Stilmittel „Mama ex Machina“: Aus der Arbeit heraus muss beschwichtigt und vermittelt werden. Zum Amüsement der Kollegen.
Es könnte ja auch etwas schlimmes passiert sein. Also gehe ich dran. Und für die beiden wunderbarsten Geschöpfen der Erde ist es in dem Moment auch schlimm. Geradezu furchtbar und ohne dieses extra Stilmittel unlösbar.

Ich bin froh, dass sie mir vertrauen und ich in solchen Situationen meist wirklich auflösend wirken kann.
Trotzdem hasse ich diese Anrufe. Friedlich wäre mir lieber.
– Haben die antiken Dramatiker mal die Götter gefragt was sie von dem Stilmittel halten?

Das ganze Leben ist ein Spiel

Jeder bekommt vom Leben einige oder mehrere Karten ausgeteilt mit denen es schwierig wird ein gutes Spiel zu spielen, mit denen man kaum gewinnen kann.
Manch einer glaubt sich selbst schon als Gewinner, da bekommt er direkt den schwarzen Peter des Lebens und kann zusehen, den wieder loszuwerden. Manche schaffen es, manche nicht. Manche haben auch einfach Mitspieler, die ungünstige Karten haben und schlecht reinbuttern können, wenn es mal nötig ist.
Und genauso wie hier in dem Bild unterschiedliche Kartenspiele vermengt sind, kann man sich vielleicht ein bisschen die Regeln dieses Spiels zurecht biegen. Einen gewissen Spielraum suchen.

Vielleicht spielt auch jeder irgendwie sein eigenes Spiel und die Kunst ist es herauszufinden, welche Regeln denn nun gelten, damit man selbst siegreich aus dem Spiel hervorgeht.
Vielleicht ist das auch das Geheimnis, wie man mit den Karten, die man ausgeteilt bekommt am besten umgeht. Der eine oder andere mag in einem Spiel mit kurzen Runden gelandet sein, aber genau diese Spiele sind oft am lustigsten. In großem Chaos und mit hoher Geschwindigkeit rauscht man lachend durch das Leben.
Andere Spielen vielleicht ein hochkomplexes Spiel mit verwirrenden Regeln, ausgefeilten Strategien über einen langen Zeitraum. Auch das kann Spaß machen, mitunter aber auch frustrieren, besonders wenn man kein Meister in diesem Spiel ist.

Egal welches Spiel man spielt, muss man doch aus den eigenen Karten das beste machen, darf nicht aufgeben und hinschmeißen, sondern man will weiter machen und versuchen zu gewinnen. Egal, was die anderen über die Erfolgsaussichten denken mögen.
Bevor das Spiel nicht beendet ist, steht der Gewinner nicht fest.
Und wenn ich mich an die zahlreichen Spieleabende meiner Kindheit zurück erinnere, erinnere ich mich nicht mehr, ob ich gewonnen habe oder verloren (außer bei Wissensspielen, aber das ist ein ganz anderes Thema), sondern ich erinnere mich, dass ich Spaß hatte.
Wir alle hatten gemeinsam Spaß.

Und das ist vermutlich das eigentliche gewinnen.

Diäten

In meiner Schulzeit habe ich in einem “Rollstudio” ausgeholfen. Dort gab es Maschinen mit gedrechselten Stäben an großen Scheiben, die sich über einen Motor drehten. Auf diesen Dingern konnte man sich nach genauer Anleitung quasi durchmassieren lassen. Nach einer kurzen Pause mit einem Getränk aus Wasser, pulverisierter Molke und irgendwelchen netten Geschmäckern, ging es dann weiter an Rüttelbändern wie aus einem Jerry Lewis Film.
Ziel der Aktion, war es auf halbwegs angenehme, einfache Art das Gewebe zu straffen und den eigenen Umfang zu reduzieren.
Meine Aufgabe war es, die Molketränkchen anzurühren, Termine zu koordinieren und den erforderlichen Smalltalk zu betreiben. Dann und wann war das eine oder andere Nahrungsergänzungsmittel mit im Programm, dass dann natürlich noch vorgestellt und angepriesen werden sollte.
Bei den meisten Kundinnen (Männer habe ich dort nie gesehen), hat das Prinzip recht gut funktioniert. Ein Großteil der Kundinnen begleitete diese Anwendungen mit irgendeiner Form von Diät.
Jeder war dabei von einer anderen Diät absolut überzeugt und alles andere war sowieso nur Schwachsinn.
Ich kann sagen: Ich kenne sie aus dieser Zeit alle!
Blutgruppendiät, Trennkost, Glyx, Shakes von der einen oder anderen Marke, Ayurvedisch, Schlank über Nacht, Astro-Fasten, Aura-Abnehmen, Heilsteine, Heilerde usw. usw.
Und noch etwas kann ich sagen: Bei jedem funktioniert etwas anderes gut. Das Richtige finden, davon überzeugt sein und es dauerhaft durchziehen, war meiner Beobachtung nach, meist das Geheimnis. Interessant war nur, dass es für viele nach den ersten Erfolgen zu einer Art Religion wurde. Und zu dieser galt es alle um einen herum zu bekehren. Auch ich kann mich davon nicht frei machen. Auch ich hatte diese Momente.

Heute weiß ich, dass es darauf ankommt, etwas zu finden, dass einen in einer gewissen Weise begeistert, damit man es schafft durchzuhalten. Wenn es dazu auch Erfolge gibt, prima. Wenn es nur dazu führt, dass man sich selbst wohl fühlt, möglicherweise einfach so wie man ist, fabelhaft.

Denn letztendlich geht es doch auch darum, sich selbst zu mögen egal wie man gebaut ist.

Gute Freunde

Gute Freunde sind etwas wunderbares. Sie teilen deinen Humor und oft deine Interessen. Sie teilen Dein Leid und freuen sich aufrichtig über deine guten Stunden. Sobald das nicht mehr so ist, trennen sich die Wege dann aber leider manchmal.

Manchmal ist das vorübergehend und manchmal endgültig. Und manchmal fühlt es sich endgültig an und ist dann doch nicht von Dauer.

Auslöser für solche Brüche sind oft ganz unterschiedlich. Aber jeder kennt so etwas. Und immer gibt es mehrere Perspektiven.

Bei einigen, beschäftigt das einen kurz.
Bei anderen bleibt es immer ein wenig schmerzhaft, wie ein Stein im Schuh.

Ich habe das Glück, dass einige meiner Verluste im Lauf meines Lebens nicht endgültig waren. Ich betrachte diese Freunde als ein besonderes Geschenk. Auch wenn wir uns teilweise immer mal wieder ein paar Jahre aus den Augen verloren haben, haben wir uns trotzdem auch immer wieder gefunden. Bei denen, die man wirklich einfach nur aus den Augen verloren hat, weil die Lebensumstände oder Interessen sich irgendwann zu sehr unterschieden haben, war die Entfernung beim zweiten Mal gar nicht mehr so schlimm. Klar hat man die Freundschaft im Leben vermisst aber man wusste ja, die hält das aus und es kommen wieder Zeiten in denen man sich mehr zu sagen hat.

Bei denen, bei denen man diese Gewissheit nicht hat, weil es den Menschen, so wie man ihn kennt und liebt, irgendwie gar nicht mehr gibt, ist es immer wieder zwischendurch furchtbar. Man stolpert über ein Thema, dass den anderen früher begeistert hätte und würde es am liebsten erzählen, aber man weiß nicht einmal, ob es den neuen Menschen noch begeistern würde. In so einem Fall vermisst man mehr die eigene Vergangenheit als den Menschen.
Man hofft, dass die Dinge, die den Menschen verändert haben, irgendwann keinen Druck mehr ausüben und, dass der Mensch mehr oder weniger unbeschadet in die alte Form zurück schnalzt.

Bis dahin freut man sich über die Freunde, die einen gerade begleiten. Diese wunderbaren Menschen, mit denen man immer wieder reden kann, als sei keine Zeit vergangen egal ob zwei Tage, zwei Monate oder zwei Jahre dazwischen liegen.

Zeit

Die Zeit steht still. Der Start in den Tag war durchwachsen, vieles ist nicht gelaufen, wie geplant. Es war hektisch und die Zeit ist zu schnell vergangen, wie immer, wenn ich mit den Kindern zusammen bin. Sie lassen die Zeit tanzen und rennen.
Jetzt sind die Kinder in der Kita und die Zeit steht still. Der Weg zur Arbeit zieht sich. Der Arbeitstag nimmt kein Ende. Der Weg nach Hause scheint nicht statt zu finden. Wie in Michael Endes „Momo“, in der Gasse, die zu Meister Hora führt, scheint die Zeit fast rückwärts zu laufen. Es gibt kein Vorwärtskommen zu den wurrligen, wunderbaren Kindern, die so schnell wachsen und groß werden.
Diese großartigen Menschen, die mit ihrer Neugier und ihrem Überschwang die Zeit anstupsen, bis sie einem aus den Fingern flutscht und man ihre Vergänglichkeit kaum noch begreifen kann.

Aber die Zeit dazwischen, besonders an Tagen wie diesen, gleicht es wieder aus. Sie läuft so langsam, dass man locker auf dem Heimweg ein paar Zeilen schreiben kann (wenn man nicht auf dem Fahrrad sitzt, sondern faul ist, wie ich heute). Sie läuft so langsam, dass man sich selbst beim Denken zusieht.
Und an was denke ich? An meine Kinder, die die Zeit wieder in Form stupsen und stupsen und stupsen bis sie wieder rennt.
Dabei ist doch gerade die Zeit mit ihnen so kostbar. Diese Zeit sollte langsam laufen, diese Zeit sollte nicht aufhören. Das Kuscheln, die Fragen, die Ideen, die Gedanken, die Kreativität.
Ich frage mich, wie den beiden die Zeit vorkommt. Ich haben den Eindruck, sie begegnen ihr voller Ungeduld. Es geht ihnen nicht schnell genug groß zu werden, den nächsten Geburtstag zu haben.
Nur morgens, da geht es ihnen auch zu schnell, das Aufstehen-müssen, das Fertig-machen.

Was ist die Zeit doch für ein eigenartiger, wandelbarer Begleiter.

Der freie Wille

So ein Text ist etwas höchst organisches. Er hat seinen eigenen Willen und seine eigene Richtung. Manchmal habe ich ein komplettes Textkonzept im Kopf. Ein netter Beitrag, ein bisschen persönlich, ein bisschen witzig, aber wenn ich dann anfange den Beitrag zu schreiben, kommt auf einmal etwas völlig anderes auf den Bildschirm. Mein Konzept kann ich mir höchstens für ein anderes Mal aufheben, denn der Text will in dem Moment einfach sein, und zwar genauso wie er das will und nicht so wie ich mir das vorgestellt habe.

Vielleicht stimmt es ja, dass wir einfach Figuren in einem Roman Gottes sind. Nur wer bestimmt die Richtung? Pfuschen wir ihm mit unserem freien Willen ins Handwerk? Oder ist der Wille nur vermeintlich frei und wir leben genau so, wie wir im Textkonzept schon geplant waren? Oder hat womöglich auch da der Text seinen eigenen Willen und bringt das schöne Konzept durcheinander und unser Leben gleich mit?
Und wer ist dann der Text?

Rad fahren

Ich bin kein Radfahrertyp. Nach oben buckeln und nach unten treten war noch nie mein Ding.

Ich finde Radfahren hat per se etwas würdeloses. Egal wie schön das Fahrrad ist, der Radler oben drauf sieht nicht schön aus für mich. Noch bemitleidenswerter sehen dicke Menschen auf dem Fahrrad aus. Noch lächerlicher sehe ich auf einem Fahrrad aus. Untrainiert, fett und mit hochrotem Kopf, das monströse Hinterteil wabert in langsamen fast schon meditativen Wellenbewegungen schwerfällig von links nach rechts. An einem kalten Morgen streicht der Dampf meines Schnaufens einer alten Dampflok gleich um mein hochrotes Gesicht. Selbst schnelle Fußgänger überholen mich, ganz zu schweigen von den gefühlt drei Millionen Radfahrern die mich morgens auf dem Weg zur Arbeit (überwiegend rechts) überholen.

Ich habe sie ALLE von hinten gesehen und niemand sieht elegant aus. Egal wie trainiert und fit. Ihre Würde und Eleganz und Schönheit gewinnen sie in dem Moment zurück, in dem die Ampel auf Rot schaltet und sie absteigen.

Denn das muss man festhalten. Sobald Radfahrer ihr würdeloses Fortbewegungsmittel verlassen, geben sie sehr häufig einen sehr ästhetischen Anblick ab (nun gut, ich vermutlich nicht, ich habe wie gesagt einen hochroten Kopf und von Fitness kann bei mir keine Rede sein).

Warum ich trotzdem auf einmal mit dem Rad fahre? Weil ich Bewegung brauche. Ich habe keine Zeit für Sport bzw. ich nehme sie mir nicht, weil ich meine wenige freie Zeit lieber mit meinen Kindern verbringe. Um aber noch genug Lebenszeit zu haben, die ich mit den Kindern verbringen kann, ist es an der Zeit mehr Bewegung in mein Leben zu bringen.

Meine Mutter fährt so ziemlich alles mit dem Rad. Sie ist immer mit dem Fahrrad unterwegs. Und neben meiner Schwester, ist sie einer der körperlich fittesten Menschen, die ich kenne. Sie fährt aber auch sehr gerne Rad.

Ich habe großen Respekt für Menschen, die sich auf diesen zwei Rädern durch das Leben bewegen. Nicht aus ästhetischer Sicht, aber was die Dressur des inneren Schweinehundes, die körperliche Fitness und die Zähigkeit betrifft, auf jeden Fall.

Trotzdem gibt es einige Dinge, die ich nicht ganz verstehe. Warum nur überholen Radfahrer in München grundsätzlich rechts? Ich bin langsam und habe jedes Verständnis für andere Radfahrer, Jogger, Hunde, Marienkäfer und Schnecken, die mich überholen wollen. Während die Schnecken einfach Gas geben müssen, können Radfahrer aber auch einfach klingeln. Um Platz zu machen reicht selbst meine Geschwindigkeit. Und warum bin ich das einzige Mal, wo ich überholt habe (es ging bergab, da habe ich mehr Schwung als andere) angespuckt worden? Vielleicht weil ich links überholt habe? Und warum begreifen so viele den Radweg (wie auch den Gehweg) in der angeblichen Radlstadt München als Parkstreifen? Und warum kratzt das außer mir niemanden? Die Fragen werden jeden Tag mit jeder Fahrt mehr. Da sehne ich mich doch allein deswegen zurück zu den Tramfahrten, bei denen ich einfach meinen Gedanken nachhängen konnte, ohne dauernd von meinen Fragen unterbrochen zu werden.

Mal sehen, wie lange ich den Schweinehund im Griff behalte….