Sieg für den inneren Schweinehund

Ich nehme heute Abschied von einen treuen Begleiter. Mein Schrittzähler und ich werden getrennte Wege gehen. 2011 also vor nunmehr acht Jahren hat eine Freundin mir das erste Modell geschenkt. Das Ding hat mich Tag und Nacht begleitet, bis es den Weg alles irdischen gegangen ist und durch ein neues Modell ersetzt wurde.

So habe ich acht Jahre lang meinen Schlaf verfolgt, meine Schritte gezählt und was weiß ich was noch alles “getrackt”.

Das war für mich immer mit einem gewissen Grauen verbunden, weil so viele Daten über mich gesammelt wurden. Wenigstens wußte ich, dass es an kleinerer Stelle gesammelt wurde und nicht in einen der riesigen Datenpools gelaufen ist. Jetzt ist das Unternehmen von einem der drei Riesen gekauft worden. Und so sehr es mir zu einer lieben Gewohnheit geworden ist mich noch zu den letzten Schritten anzufeuern um wenigstens meine 10.000 voll zu kriegen, werde ich mich nur von dem Schrittzähler trennen. Keine “gemeinsamen Spaziergänge” mehr mit den Freunden aus anderen Ländern. Kein Nachweis, wie schlecht ich geschlafen habe. Mein Wort muss genügen, meine Selbstdisziplin muss wieder größer werden um mich selbst zu ein wenig Bewegung zu ermuntern.

Ob der innere Schweinehund nun endgültig siegt oder nur einen Zwischensieg erlangt, wird die Zeit zeigen. Das Netzt wird auf jeden Fall mal wieder enger.

Und ja, natürlich st auch dieses Blog aus Datensicht fragwürdig und viele andere Dinge die ich tue auch. Es wird ein ewiges Kosten-Nutzen-Abwägen bleiben, bei dem wir alle nur verlieren können.

Fünf Phasen der Überstunden

Überstunden sind manchmal etwas wie ein kleiner Tod. Meistens macht es mir gar nichts aus, wenn ich ein bisschen länger bleiben muss. Klar verbringe ich lieber Zeit mit meinem Mann und meinen Kindern, nichts desto trotz ist es auch befreidigend, wenn man etwas fertig stellen kann. Es gibt aber auch Tage an denen sind Überstunden das letzte was man braucht. Wenn man einen Termin hat, wenn man nicht fit ist, wenn man Geburtstag hat. Vor ein paar Tagen war mal wieder einer dieser Gründe da. Ich war mal wieder dumm genug an meinem Geburtstag nicht frei zu nehmen und bereits drei Tage vorher war klar, dass es ein laaaaanger Tag werden würde. Wärend ich da so saß, merkte ich, dass dieser kleine Tod genauso die Sterbephasen nach Kübler-Ross auslöst (ich habe darüber bereits an anderer Stelle geschrieben: http://www.meinetheorie.net/2009/11/30/sterbephasen/) wie andere einschneidende Ereignisse.

Man leugnet zunächst, dass das Unvermeidliche eintreten wird. “Ich schaffe das schon, so spät wird es kaum werden”.

Wenn einem dann klar wird, dass man eben doch laaange sitzen wird, fängt die Wut an. Auf einen selbst und den Rest der Welt. Man möchte fluchen und schreien.

Ist diese kurze Phase vorbei, träte bei Kübler-Ross das Verhandeln ein. Das äußert sich hier allerdings anders. Galgenhumor macht sich bemerkbar. Mir fallen selten so gute rabenschwarze Witze ein, wie in solchen Momenten. Irgendwann, schwappt das dann über in pure echte Verzweiflung “Ich werde NIE fertig”. Zum Glück hält diese Phase nicht lange an. Gerade wenn dann die Akzeptanz kommt, ist man meistens fertig.

Betrachtet man die längste Phase mit den Witzen, ist es dann eigentlich schon fast wieder gut – und man geht befreit heim.

Jahresgespräch mit dem Nikolaus

Neulich haben meine Kinder das erste Mal privat den Nikolaus getroffen, samt Krampus.

Eigentlich viel zu spät, da die Große schon vor zwei Jahren an Heilig Abend ein klärendes Gespräch unter vier Augen eingefordert hatte und die Kleine – nun ja – eben fast in diesem Alter ist, wo die Realität plötzlich ganz groß und stark wird. Tatsächlich hat an diesem Abend diese Realität wohl etwas früher als geplant übernommen, da es ein Knabe nicht lassen konnte sie auf die Tatsache hinzuweisen, dass der Nikolaus nicht echt und eben nur verkleidet sei.

Trotzdem war es ein interessanter Abend. Wir waren zu dieser Nikolausfeier mit vielen Kindern eingeladen. Und eines ist mir dabei klar geworden: Der „Life-Nikolaus“ im privaten Rahmen ist letztendlich das erste Jahresgespräch, das Kinder haben.

Wir hatten im Vorfeld unsere Bewertung in Form von ein paar Stichpunkten abgegeben. Kein professioneller Bewertungsbogen aber die Aufforderung Stärken und Schwächen auf einer DIN A 4 Seite zusammen zu schreiben ging dem vorraus.

Der Nikolaus baute daraus mit den Kindern ein ziemlich qualifiziertes Jahresgespräch auf.

Zunächst kam ein wenig Lob, dann Kritik mit einem gehörigen Anteil Selbstreflektion, dann noch ein bisschen projektbezogenes Lob und dann ein Gesamturteil mit Zielsetzung für das kommende Jahr.

Ich frage mich, was das mit den Kindern macht, dieses frühe Training für ein Leben als Angestellte, die zumindest wichtig genug sind für Zielvereinbarungen aber nicht wichtig genug um einfach ihr Ding zu machen.

Unsere Kinder haben die Chance ja weitgehend verpasst, bei uns kam der Nikolaus einfach so über Nacht. Sie mussten für ihre Gratifikation kein Gespräch führen. Wäre ein früher Nikolaus, das Geheimnis zum Erfolg gewesen? Oder haben wir es doch genau richtig gemacht? Sie einfach so zu nehmen wie sie sind ohne Zielvereinbarungen?

Hätte ich womöglich Karriere gemacht, wenn meine Eltern nur öfters jemanden in ein Kostüm gesteckt hätten? Wer weiß?

Autos

Als ich frisch meinen Führerschein gemacht hatte, bin ich sehr gerne mit dem Auto gefahren. Mein erstes eigenes Auto bedeutete für mich ein Versprechen von Freiheit und Unabhängigkeit.

Ich hatte immer einen kleinen Beutel im Handschuhfach mit Zahnputzzeug, Deo und einer Ersatzunterhose für den Fall, dass ich ganz spontan in den Urlaub fahren würde. Ich bin NIE ganz spontan mit dem Auto in den Urlaub gefahren.

Irgendwann hing eine Kassette im Autokassettenrecorder fest, weshalb ich nur noch diese anhören konnte. Das Auto war geflickt und zusammengestöpselt. Am Ende waren sogar Kinderknete und eine leere Klopapierrolle verbaut. Und irgendwann ging das Auto den Weg alles Irdischen… in eine Schrottpresse.

Zum Glück konnte ich mir hier und da ein Auto leihen, wenn ich wirklich eines brauchte aber ich stellte recht bald fest, dass ich immer seltener ein Auto brauchte. Ich bin sehr gern zu Fuß unterwegs. Ich fahre gerne mit der Tram oder mit dem Bus. Und auch mit Kindern finde ich das wesentlich angenehmer.
Klar, viele Ausflüge, die andere mit dem Auto ganz selbstverständlich machen, machen wir nicht. Und wenn andere Familien ganz selbstverständlich davon erzählen, fehlte es mir oft ein Auto zu haben.

Nun haben wir seit einiger Zeit ein Auto übernommen. Es ist schon ziemlich klapprig. Den nächsten TÜV wird es vermutlich nicht überleben. Und es ist schön, von Zeit zu Zeit einen Ausflug zu machen. Aber die meiste Zeit steht es herum. Die meiste Zeit möchte ich nicht damit fahren. Schon gar keine kurzen Stecken. Die Parkplatzsuche danach lohnt sich selten. Und die ganz langen Strecken würde weder das Auto noch ich (weil untrainiert) schaffen.

Ich habe mich weg entwickelt vom Autofahrer zum Fußgänger. Und ich finde das eigentlich sogar ganz gut. Mein Radius ist kleiner, aber ich habe mehr Ruhe. Ich brauche länger um die Dinge zu erledigen, aber dafür verbringe ich diese Zeit gemeinsam mit meinen Kindern, statt sie quengelnd hinter mir sitzen zu haben.

Und ich weiß, dass ich einen winzigen Teil dazu beitrage, dass meine Kinder auch noch ein bisschen von dieser Welt haben. Was mir aber auch abhanden gekommen ist, ist das Verständnis für diejenigen, die meinen ohne Auto ginge es nicht. Denn ich kenne das Leben ohne Auto. Und ich weiß, das es geht. Die Entscheidung hierfür muss man selbst treffen aber es ist ein Gewinn.

Menscheln

In unserer ersten gemeinsamen Wohnung haben wir im Erdgeschoss gewohnt. Die Postbotin hat einfach ans Fenster geklopft, wenn sie etwas sperrigeres für uns hatte oder manchmal auch einfach nur so um einen kurzen Moment zu ratschen. Ich habe unsere Postbotin mit ihrem sonnigen Gemüt sehr gemocht. Unsere Müllmänner haben selbstverständlich zu Weihnachten eine Tüte mit Plätzchen in die Hand gedrückt bekommen.

In unserer nächsten Wohnung wohnten wir im zweiten Stock. Die Postbotin kannte ich trotzdem. Man traf sich auf dem Weg, blieb für zwei oder drei Sätze stehen. Diese trug fast immer Blumen im Haar und irgendwie hatte man den Eindruck auch oft in der Seele. Die Paketboten kannten wir nach einer Weile ebenfalls. Durch die Elternzeiten war bei uns meistens jemand da, der für das Haus die Pakete entgegen nahm und ab und zu fingen wir an, das eine oder andere zu bestellen statt in kleinen Geschäften einzukaufen. Die Müllmänner grüßten wir immerhin noch im Vorbeigehen.

In unserer nächsten Wohnung wohnten wir im vierten Stock ohne Aufzug. Und in einem Bundesland mit deutlich reglementierten Ladenöffnungszeiten. Bestellen war für uns quasi lebenswichtig um nicht jedes Buch, jedes Trum hinauf schleppen zu müssen. Und um trotz Vollzeitstellen noch das eine oder andere zu erwerben.  Und Wir bestellten alles Mögliche, besonders wenn wir krank waren und einfach vor lauter Erkältung oder sonst etwas die Kraft nicht hatten, die Stufen zu bewältigen. Die Rechnung ging nur nicht auf. Die Paketboten klingelten nicht bei uns. Selbst wenn wir den ganzen Tag zu Hause waren –weil krank- gab es gerne eine Paketbenachrichtigung im Briefkasten. Oft stiegen die Paketboten nicht einmal aus, sondern schickten die Paketbenachrichtigung gleich per Post.

Unseren Briefträger habe ich nie gesehen. Die Müllmänner nur gehört.

Aber einmal, als ich ein dringendes Paket erwartete, passte ich den Paketboten unten ab, um ihm den Weg zu sparen und sicher zu stellen, dass wir nicht wieder viel später eine Benachrichtigung per Post bekommen würden. Im Gespräch mit ihm erfuhr ich dann, was ich schon lange geahnt hatte. „Wissen sie, bei Ihrem Namen, da wissen wir schon, dass das im vierten Stock ist, da klingle ich gar nicht erst.“ Ich bin dankbar, für jeden Boten, der es auf sich nimmt bei uns zu klingeln! Und ich würde unseren Postboten gerne mal kennenlernen. Die Nähe zum Boden und damit zu den kleinen Läden, zum persönlichen Kontakt mit den Menschen, die uns das Leben leichter machen fehlt mir ungemein. Und ja, es steckt auch viel Faulheit dahinter aber vor allem das Bedürfnis die Menschen zu kennen, die wir alle brauchen und die Blumen auf ihren Seelen zu sehen.

Ausmisten

Wir haben unsere gemeinsamen Familienferien unter anderem dazu genutzt, das Kinderzimmer auszumisten, umzuräumen und umzugestalten.

Ich habe dabei versucht meine Finger aus dem ausmisten der Kinder zu lassen, da ich die Fähigkeit loszulassen – besonders von Dingen- für eine sehr wichtige und erstrebenswerte Fähigkeit halte, die ich selbst leider so gar nicht habe.

Ich habe ein Elefantengedächtnis. Deswegen weiß ich bei jeder Sache noch genau, wer sie geschenkt hat zu welchem Anlass usw. Das erschwert es etwas. Bei den Entscheidungen für den Müll bin ich nicht wehmütig geworden. Die fand ich richtig. Bei zwei Entscheidungen der Kinder für den Flohmarkt bin ich ins Straucheln gekommen. Beides betrifft Stofftiere, die deutlich älter sind als meine Kinder und schon viele Kindliche Ausmistaktionen überstanden haben, weil ein Kinderherz genug daran hing. Einmal einer meiner alten Teddys in den ich viele Tränen geweint habe und einmal Stofftiere, die ein Freund, den Kindern vererbt hat.

Von letzterem habe ich ein Foto gemacht und ihn gefragt ob er es wieder haben möchte. Die Entscheidung, was mit den Tieren passiert, die jemand anderem sehr wichtig waren, wollte ich weder den Kindern ganz überlassen, noch selbst treffen. Er wollte. Bei dem Teddy habe ich beschlossen, die Entscheidung meiner Kinder zu akzeptieren. Ich habe das Stofftier an sie weiter gegeben und sie haben ihn aussortiert. Und wenn ich meinen Kindern beibringen will loszulassen, dann muss ich das auch tun.

Das also meine heutige Theorie zum Thema Erziehung.

Nur brauche ich jetzt bald einen Flohmarkt, damit ich es mir nicht anders überlege.

Spießer

Ich weiß es eigentlich schon lang. Vielleicht weiß ich es sogar schon immer. Ich bin ein Spießer. Ein richtiger, echter Spießer.
Also eigentlich eine Spießerin. Nicht im Sinne von Mitläufer. Ganz im Gegenteil: Spießer ist in meiner Generation und bereits mindestens in der davor ein solches Schimpfwort, dass es fast schon wieder rebellisch ist ein Spießer zu sein.
Viele sind allerdings verkappte Spießer. Sie tragen spießige Elemente in sich – viele – nur würden sie wohl kaum dazu stehen.

Erstmal eine Definition: Wikipedia schreibt „Als […] Spießer […] werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen.“

Was genau macht mich also zum bekennenden Spießer? Ich mag Regeln und ich halte mich an Regeln und ich ärgere mich unglaublich über Leute, die sich nicht an Regeln halten. Wenn eine Regel mich stört, nutze ich regelkonforme Wege, um mich dagegen aufzulehnen. Ich gehe zu Demonstrationen, ich wähle eine Partei, die ich persönlich für die geeignetste halte, ersetze alte sinnlose Regeln durch neue sinnvolle Regeln.
Was ich nicht mache ist Regeln, die ich für unsinnvoll halte, zu ignorieren. Genauso wenig fallen Regeln meiner Bequemlichkeit zum Opfer. Und spätestens da werde ich für unsere heutige Gesellschaft etwas absonderlich.

Und ich habe meine eigenen Regeln, die nicht in irgendeinem Gesetzestext festgeschrieben sind.
Ich fühle mich z.B. verpflichtet, was ich kann zum Erhalt unserer Erde beizutragen. Dazu gehört, dass ich in den vergangenen zehn Jahren nur viermal mit dem Flugzeug geflogen bin. Zweimal beruflich und zweimal mit der Familie einfach so zum Urlaub machen. Das ist erst einmal nicht die schlechteste Bilanz.
Ich hatte bis vor kurzem für ca. 15 Jahre kein eigenes Auto, auch mein Mann nicht; das, was ich jetzt habe, fahre ich vielleicht einmal im Monat und habe es eher, weil die Alternative wohl ein “frühes” Verschrotten gewesen wäre.
Ich versuche Plastik zu vermeiden, kaufe regional und bio, stopfe Socken statt sie zu entsorgen und habe T-Shirts aus den frühen 80ern, die ich nach wie vor trage.
Was man eben so macht als Ökospießer.
Und auch wenn das alles heutzutage viel gepredigt wird, hört man doch öfters Gründe warum man das eine oder andere nicht beherzigt wird. (Genau wie meine fadenscheinige Autobegründung).

Ich mag kleine, alte VW Käfer oder Karman Gia lieber als neue SUVs. Ich habe tatsächlich neben Spott auch gewisse Aggressionen gegen SUVs. Diese breiten, riesigen Ungetüme, die – außer vielleicht einem Förster oder einem Bergbauern – kein normaler Mensch braucht. Wozu braucht man in der Großstadt einen Geländewagen? Nimmt doch nur Platz weg!

Ich mag Leute, die bei Rot stehen bleiben auch wenn nicht gerade ihre eigenen Kinder um sie herumstehen – einfach, weil das eine Regel ist, die in vielen Fällen sinnvoll ist und die man allen Kindern, nicht nur den eigenen vorleben sollte. Den Umkehrschluss kann man hier ruhig ziehen.

Ich mag Leute, die bereit sind ein paar Meter zu laufen und dafür korrekt zu parken. (Die Parkplatzsuche ist ja auch schwieriger durch die ganzen SUVs, die die Stadt verstopfen.) Leute hingegen, die auf Bürgersteigen parken oder fahren, bringen mich zur Weißglut und können mich zum Schimpfen und Toben bringen.

Ich mag Leute, die wenn sie das letzte Blatt einer Toilettenrolle aufbrauchen, einfach eine neue nachlegen.

Ich mag es, wenn man sich im Treppenhaus grüßt.

Und eigentlich werde ich mit vielem von dem was ich mag, eher rückwärtsgewandt als spießig.
Es entspricht schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen Norm in einer Großstadt IMMER legal zu parken. Wer wartet heute schon immer an roten Ampeln, wenn es doch zeitsparender ist einfach zu gehen, wenn eh gerade nichts kommt?

Ich fühle mich in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Norm eben nicht so ganz wohl und aufgehoben. Denn Regeln spielen nur dann eine Rolle, wenn sie dem eigenen Zweck dienen, wenn sie der eigenen Bequemlichkeit nicht im Wege stehen.

Nur wenn ich kein Spießer bin, was bin ich dann?

“normal”

Als ich ein Kind war, war meine Mutter voll berufstätig. Das war aber nicht unbedingt die Norm. Es war meine Normalität aber oft war ich neidisch auf die Kinder deren Mütter Zuhause waren, die nicht in den Hort mussten oder früher noch im Kindergarten nicht gezwungen waren Mittagsschlaf zu machen oder Widerlichkeiten wie Milchreis zu essen sondern Zuhause ein liebevoll gekochtes Essen bekamen.

Im Vergleich zu meinen eigenen Kindern war ich sehr gut dran. Nicht nur, dass die beiden bereits mit einem Jahr in die Krippe kamen, so müssen sie in diversen Betreuungseinrichtungen bis fünf Uhr nachmittags ausharren und kommen dann heim in ein Zuhause wo der gesamte Haushalt noch nicht erledigt ist, so dass sie oft noch mit einkaufen müssen, geduldig auf das Abendessen warten müssen und sich am Wochenende selbst beschäftigen müssen bis der Hausputz der Woche erledigt ist. Sie beschweren sich darüber nicht. Für die beiden ist das die Normalität und sie wissen genau, dass es vielen ihrer Freunde ähnlich geht.

Jetzt hatte ich zwischen zwei Kitaschließtagen einen extra Tag frei. Es hätte sich nicht gelohnt bei fünf freien Tagen einen zwischendurch in die Arbeit zu gehen. Die Kinder waren also in Schule und Kindergarten. Ich habe eingekauft, mich um den Balkon und ein bisserl um den Haushalt gekümmert. Ich habe mit den Kindern Einladungen für einen Kindergeburtstag gebastelt und überhaupt eine Menge geschafft. Ich hatte sogar ein wenig Zeit für mich selbst. Und dann ist das seltsame passiert. Da war er der Gedanke in meinem Kopf: “Schön, endlich auch mal einen Tag eine “normale” Mama zu sein.” Ja es war ein schöner Tag. Aber warum meine ich, dass es “normal” ist? Weder in meiner Kindheit noch jetzt ist das auch nur irgendwie die Norm. In meiner Kindheit war das die Norm der anderen. Warum habe ich und vermutlich haben wir immer noch dieses Bild im Kopf, dass eine Mama zuhause sein muss?

Ich glaube, das liegt daran, weil wir dies bereits als Kinder als Norm vermittelt bekommen haben. Weil das auch jetzt von so vielen noch als die bessere Norm vermittelt wird. Eine “gute” Mutter ist daheim und kümmert sich um alles zu einer Zeit, dass es die Familie weder mitbekommt noch mithelfen muss.

Ich bin sicher niemand, der dieses Bild propagiert oder lebt. Und trotzdem ist es immer noch in meinem eigenen Kopf. Und vermutlich auch in den Köpfen der meisten anderen. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen eingepflanzt und es ist ganz einfach, weil wir die falschen Normen in unseren Köpfen haben. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Die goldene Frage ist: Wie verändert man die Norm in den Köpfen. Kann das bei einem selbst gelingen oder vielleicht erst bei der nächsten Generation? Sind wir verdammt unglücklich in unserer Normalität zu leben, weil sie nicht zu den Normen in unseren Köpfen passen?

Wir entscheiden uns selbst dazu glücklich zu sein! Und sich der eigenen Normen bewusst zu werden ist vielleicht der erste Schritt um sie in den Köpfen zu verändern und aufzulösen.

Ich werde mich noch gezielter auf die Suche nach meinen falschen Normen und Leitsätzen machen und hoffentlich gute Wege finden sie gerade zu rücken oder sogar zu bekämpfen.

Die Welt soll Kopf stehen

Ich war generell nie sehr erfolgreich im Sport.
Sei es, weil mir immer eingeredet wurde(auch von mir selbst), ich sei eben unsportlich; sei es, weil ich tatsächlich ziemlich unsportlich bin.
An Bewegung an sich hatte ich eigentlich immer Spaß (auch, wenn meine Mutter das nie unterschreiben würde).
Ich war halt nur nie so gut darin wie andere. Und das verdirbt einem schnell den Spaß. Mit zwei deutlich älteren Geschwistern, die immer alles besser konnten erst recht.

In mir drin ist aber immer noch ein Teil, der von bestimmten Bewegungen träumt. Die Zeit in meinem Leben, in der ich einen Handstand konnte, war bisher sehr, sehr kurz. Irgendwann Ende zwanzig, Anfang dreißig war das. Und auch zu dieser Zeit war das alles sehr wackelig und sehr kurz.
Aber manchmal habe ich Lust, einfach so einen Handstand zu machen.
Ich stelle mir das dann vor. In meiner Vorstellung ist es ganz leicht.
Es drückt nicht an den Händen.
Ist fast so, als würde ich schweben nur eben Kopfüber.
Das können die absurdesten Momente sein, in denen diese Handstandgedanken kommen.
Wenn sie vorbei sind, und ich natürlich keinen Handstand gemacht habe, weil ich es gerade eben gar nicht kann und es außerdem sehr peinlich wäre, dann denke ich: „Eigentlich müsste ich den Handstand wieder üben – einfach so, um für den nächsten solchen Moment gewappnet zu sein.
Aber auch das geht vorbei und ich lande wieder im Alltag, mit den Aufgaben und den Terminen und den Kilos und der Schwerkraft und der Realität.
Und das Schweben ist wieder vorbei und die Welt steht nicht Kopf.
Wie schade eigentlich.

Schrumpfen

Als Kind meint man, man würde größer, je älter man wird. Man meint, man hätte mehr Möglichkeiten. In Wirklichkeit sieht es nur so aus, als würde man größer. In Wirklichkeit wird man immer kleiner und unbedeutender. Zumindest die meisten von uns.

Unlängst hatte ich ein interessantes Gespräch mit meiner Großen.
Kind: „Erwachsene müssen ganz schön viel“
Ich: „Naja eigentlich meinen wir nur, dass wir viel müssen, manches müssen wir gar nicht“
Kind: „Doch klar musst Du. Du musst z.B. in die Arbeit, damit wir unsere Miete bezahlen können und etwas zum Essen kaufen.“
Irgendwie war ich ganz froh, dass wir an diesem Punkt unser Ziel erreicht hatten und das Gespräch unterbrochen wurde.

Erstens, weil man ja durchaus erklären könnte, dass es noch einige andere Möglichkeiten gäbe, dann aber in die Verlegenheit käme zu erklären warum man sich eben genau für dieses Müssen und nicht für anderes Müssen entschieden hat.
Zweitens, weil es traurig ist, wie sehr das eigene Kind die Begrenztheit der Mutter bereits wahrnimmt.
Als Kind hat man noch so viele Abzweigungen vor sich. Man hat noch die Chance, der Welt etwas Positives zu hinterlassen.
Als Erwachsener hat man immer weniger Abzweigungen vor sich, immer mehr „Müssen“.

Und ich persönlich hinterlasse der Welt nicht so wahnsinnig viel.
Ich arbeite als Edeltippse, da macht man die Welt nicht zu einem besseren Ort. Und außer ein paar ordentlich sortierten, abgehefteten Papierbergen bleibt nicht viel.
Ich habe keinen Garten, in den ich wenigstens einen Baum pflanzen könnte. Für ein Buch fehlt mir der Atem, die Schreibe, die Ideen.

Das Beste, was ich der Welt gegeben habe, sind diese beiden wunderbaren Kinder.

Und wenn ich als Mutter keinen Mist baue, bleiben sie womöglich so wunderbar wie sie sind.