Spießer

Ich weiß es eigentlich schon lang. Vielleicht weiß ich es sogar schon immer. Ich bin ein Spießer. Ein richtiger, echter Spießer.
Also eigentlich eine Spießerin. Nicht im Sinne von Mitläufer. Ganz im Gegenteil: Spießer ist in meiner Generation und bereits mindestens in der davor ein solches Schimpfwort, dass es fast schon wieder rebellisch ist ein Spießer zu sein.
Viele sind allerdings verkappte Spießer. Sie tragen spießige Elemente in sich – viele – nur würden sie wohl kaum dazu stehen.

Erstmal eine Definition: Wikipedia schreibt „Als […] Spießer […] werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen.“

Was genau macht mich also zum bekennenden Spießer? Ich mag Regeln und ich halte mich an Regeln und ich ärgere mich unglaublich über Leute, die sich nicht an Regeln halten. Wenn eine Regel mich stört, nutze ich regelkonforme Wege, um mich dagegen aufzulehnen. Ich gehe zu Demonstrationen, ich wähle eine Partei, die ich persönlich für die geeignetste halte, ersetze alte sinnlose Regeln durch neue sinnvolle Regeln.
Was ich nicht mache ist Regeln, die ich für unsinnvoll halte, zu ignorieren. Genauso wenig fallen Regeln meiner Bequemlichkeit zum Opfer. Und spätestens da werde ich für unsere heutige Gesellschaft etwas absonderlich.

Und ich habe meine eigenen Regeln, die nicht in irgendeinem Gesetzestext festgeschrieben sind.
Ich fühle mich z.B. verpflichtet, was ich kann zum Erhalt unserer Erde beizutragen. Dazu gehört, dass ich in den vergangenen zehn Jahren nur viermal mit dem Flugzeug geflogen bin. Zweimal beruflich und zweimal mit der Familie einfach so zum Urlaub machen. Das ist erst einmal nicht die schlechteste Bilanz.
Ich hatte bis vor kurzem für ca. 15 Jahre kein eigenes Auto, auch mein Mann nicht; das, was ich jetzt habe, fahre ich vielleicht einmal im Monat und habe es eher, weil die Alternative wohl ein „frühes“ Verschrotten gewesen wäre.
Ich versuche Plastik zu vermeiden, kaufe regional und bio, stopfe Socken statt sie zu entsorgen und habe T-Shirts aus den frühen 80ern, die ich nach wie vor trage.
Was man eben so macht als Ökospießer.
Und auch wenn das alles heutzutage viel gepredigt wird, hört man doch öfters Gründe warum man das eine oder andere nicht beherzigt wird. (Genau wie meine fadenscheinige Autobegründung).

Ich mag kleine, alte VW Käfer oder Karman Gia lieber als neue SUVs. Ich habe tatsächlich neben Spott auch gewisse Aggressionen gegen SUVs. Diese breiten, riesigen Ungetüme, die – außer vielleicht einem Förster oder einem Bergbauern – kein normaler Mensch braucht. Wozu braucht man in der Großstadt einen Geländewagen? Nimmt doch nur Platz weg!

Ich mag Leute, die bei Rot stehen bleiben auch wenn nicht gerade ihre eigenen Kinder um sie herumstehen – einfach, weil das eine Regel ist, die in vielen Fällen sinnvoll ist und die man allen Kindern, nicht nur den eigenen vorleben sollte. Den Umkehrschluss kann man hier ruhig ziehen.

Ich mag Leute, die bereit sind ein paar Meter zu laufen und dafür korrekt zu parken. (Die Parkplatzsuche ist ja auch schwieriger durch die ganzen SUVs, die die Stadt verstopfen.) Leute hingegen, die auf Bürgersteigen parken oder fahren, bringen mich zur Weißglut und können mich zum Schimpfen und Toben bringen.

Ich mag Leute, die wenn sie das letzte Blatt einer Toilettenrolle aufbrauchen, einfach eine neue nachlegen.

Ich mag es, wenn man sich im Treppenhaus grüßt.

Und eigentlich werde ich mit vielem von dem was ich mag, eher rückwärtsgewandt als spießig.
Es entspricht schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen Norm in einer Großstadt IMMER legal zu parken. Wer wartet heute schon immer an roten Ampeln, wenn es doch zeitsparender ist einfach zu gehen, wenn eh gerade nichts kommt?

Ich fühle mich in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Norm eben nicht so ganz wohl und aufgehoben. Denn Regeln spielen nur dann eine Rolle, wenn sie dem eigenen Zweck dienen, wenn sie der eigenen Bequemlichkeit nicht im Wege stehen.

Nur wenn ich kein Spießer bin, was bin ich dann?

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