Die Welt soll Kopf stehen

Ich war generell nie sehr erfolgreich im Sport.
Sei es, weil mir immer eingeredet wurde(auch von mir selbst), ich sei eben unsportlich; sei es, weil ich tatsächlich ziemlich unsportlich bin.
An Bewegung an sich hatte ich eigentlich immer Spaß (auch, wenn meine Mutter das nie unterschreiben würde).
Ich war halt nur nie so gut darin wie andere. Und das verdirbt einem schnell den Spaß. Mit zwei deutlich älteren Geschwistern, die immer alles besser konnten erst recht.

In mir drin ist aber immer noch ein Teil, der von bestimmten Bewegungen träumt. Die Zeit in meinem Leben, in der ich einen Handstand konnte, war bisher sehr, sehr kurz. Irgendwann Ende zwanzig, Anfang dreißig war das. Und auch zu dieser Zeit war das alles sehr wackelig und sehr kurz.
Aber manchmal habe ich Lust, einfach so einen Handstand zu machen.
Ich stelle mir das dann vor. In meiner Vorstellung ist es ganz leicht.
Es drückt nicht an den Händen.
Ist fast so, als würde ich schweben nur eben Kopfüber.
Das können die absurdesten Momente sein, in denen diese Handstandgedanken kommen.
Wenn sie vorbei sind, und ich natürlich keinen Handstand gemacht habe, weil ich es gerade eben gar nicht kann und es außerdem sehr peinlich wäre, dann denke ich: „Eigentlich müsste ich den Handstand wieder üben – einfach so, um für den nächsten solchen Moment gewappnet zu sein.
Aber auch das geht vorbei und ich lande wieder im Alltag, mit den Aufgaben und den Terminen und den Kilos und der Schwerkraft und der Realität.
Und das Schweben ist wieder vorbei und die Welt steht nicht Kopf.
Wie schade eigentlich.

Schrumpfen

Als Kind meint man, man würde größer, je älter man wird. Man meint, man hätte mehr Möglichkeiten. In Wirklichkeit sieht es nur so aus, als würde man größer. In Wirklichkeit wird man immer kleiner und unbedeutender. Zumindest die meisten von uns.

Unlängst hatte ich ein interessantes Gespräch mit meiner Großen.
Kind: „Erwachsene müssen ganz schön viel“
Ich: „Naja eigentlich meinen wir nur, dass wir viel müssen, manches müssen wir gar nicht“
Kind: „Doch klar musst Du. Du musst z.B. in die Arbeit, damit wir unsere Miete bezahlen können und etwas zum Essen kaufen.“
Irgendwie war ich ganz froh, dass wir an diesem Punkt unser Ziel erreicht hatten und das Gespräch unterbrochen wurde.

Erstens, weil man ja durchaus erklären könnte, dass es noch einige andere Möglichkeiten gäbe, dann aber in die Verlegenheit käme zu erklären warum man sich eben genau für dieses Müssen und nicht für anderes Müssen entschieden hat.
Zweitens, weil es traurig ist, wie sehr das eigene Kind die Begrenztheit der Mutter bereits wahrnimmt.
Als Kind hat man noch so viele Abzweigungen vor sich. Man hat noch die Chance, der Welt etwas Positives zu hinterlassen.
Als Erwachsener hat man immer weniger Abzweigungen vor sich, immer mehr „Müssen“.

Und ich persönlich hinterlasse der Welt nicht so wahnsinnig viel.
Ich arbeite als Edeltippse, da macht man die Welt nicht zu einem besseren Ort. Und außer ein paar ordentlich sortierten, abgehefteten Papierbergen bleibt nicht viel.
Ich habe keinen Garten, in den ich wenigstens einen Baum pflanzen könnte. Für ein Buch fehlt mir der Atem, die Schreibe, die Ideen.

Das Beste, was ich der Welt gegeben habe, sind diese beiden wunderbaren Kinder.

Und wenn ich als Mutter keinen Mist baue, bleiben sie womöglich so wunderbar wie sie sind.