Mit Essen spielt man nicht

Ich bin ein Mensch, der gerne mit Essen spielt.
Ich mag es in Wackelpudding Burgen mit Gräben zu bauen.
Ich sehe in den Bläschen auf meinem Kaffee die Augen eines Kaffeemonsters.
Ich finde es völlig normal, das gewickelte Croissant nach dem Backen, vor dem Verzehr wieder auseinander zu wickeln.
Ich esse gerne separiert.
Ich mag es kleine raffinierte Kanapees zusammen zu bauen.
Ich finde es befriedigend Kartoffelbrei mit Sauerkraut zu zermantschen.
Ich nage von rohen Karotten gerne erst einmal das Äußere ab…
Mein Mann ist anders sozialisiert. Leider. Ihm ist es wichtig, den Kindern ordentliche Tischmanieren vorzuleben. Und natürlich hat er damit durchaus recht.
Nur manchmal macht es mich traurig, dass ich meinen Kindern dieses spielerische nicht mitgeben kann.
Aber – zum Glück – hat er begriffen, dass ein ausgewickeltes Croissant besser schmeckt, – zum Glück – kochen die Kinder gern. Und im abgeschirmten Raum der Küche kann man viel probieren.
Und – zum Glück – hat er mit mir Geduld, wenn es mich überkommt und ich einfach nicht anders kann, als Kind zu sein.
Und dann dürfen das auch die Kinder.
Bis dahin lernen Sie dank ihm auch wie man anständig isst.

Der freie Wille

So ein Text ist etwas höchst organisches. Er hat seinen eigenen Willen und seine eigene Richtung. Manchmal habe ich ein komplettes Textkonzept im Kopf. Ein netter Beitrag, ein bisschen persönlich, ein bisschen witzig, aber wenn ich dann anfange den Beitrag zu schreiben, kommt auf einmal etwas völlig anderes auf den Bildschirm. Mein Konzept kann ich mir höchstens für ein anderes Mal aufheben, denn der Text will in dem Moment einfach sein, und zwar genauso wie er das will und nicht so wie ich mir das vorgestellt habe.

Vielleicht stimmt es ja, dass wir einfach Figuren in einem Roman Gottes sind. Nur wer bestimmt die Richtung? Pfuschen wir ihm mit unserem freien Willen ins Handwerk? Oder ist der Wille nur vermeintlich frei und wir leben genau so, wie wir im Textkonzept schon geplant waren? Oder hat womöglich auch da der Text seinen eigenen Willen und bringt das schöne Konzept durcheinander und unser Leben gleich mit?
Und wer ist dann der Text?

Rad fahren

Ich bin kein Radfahrertyp. Nach oben buckeln und nach unten treten war noch nie mein Ding.

Ich finde Radfahren hat per se etwas würdeloses. Egal wie schön das Fahrrad ist, der Radler oben drauf sieht nicht schön aus für mich. Noch bemitleidenswerter sehen dicke Menschen auf dem Fahrrad aus. Noch lächerlicher sehe ich auf einem Fahrrad aus. Untrainiert, fett und mit hochrotem Kopf, das monströse Hinterteil wabert in langsamen fast schon meditativen Wellenbewegungen schwerfällig von links nach rechts. An einem kalten Morgen streicht der Dampf meines Schnaufens einer alten Dampflok gleich um mein hochrotes Gesicht. Selbst schnelle Fußgänger überholen mich, ganz zu schweigen von den gefühlt drei Millionen Radfahrern die mich morgens auf dem Weg zur Arbeit (überwiegend rechts) überholen.

Ich habe sie ALLE von hinten gesehen und niemand sieht elegant aus. Egal wie trainiert und fit. Ihre Würde und Eleganz und Schönheit gewinnen sie in dem Moment zurück, in dem die Ampel auf Rot schaltet und sie absteigen.

Denn das muss man festhalten. Sobald Radfahrer ihr würdeloses Fortbewegungsmittel verlassen, geben sie sehr häufig einen sehr ästhetischen Anblick ab (nun gut, ich vermutlich nicht, ich habe wie gesagt einen hochroten Kopf und von Fitness kann bei mir keine Rede sein).

Warum ich trotzdem auf einmal mit dem Rad fahre? Weil ich Bewegung brauche. Ich habe keine Zeit für Sport bzw. ich nehme sie mir nicht, weil ich meine wenige freie Zeit lieber mit meinen Kindern verbringe. Um aber noch genug Lebenszeit zu haben, die ich mit den Kindern verbringen kann, ist es an der Zeit mehr Bewegung in mein Leben zu bringen.

Meine Mutter fährt so ziemlich alles mit dem Rad. Sie ist immer mit dem Fahrrad unterwegs. Und neben meiner Schwester, ist sie einer der körperlich fittesten Menschen, die ich kenne. Sie fährt aber auch sehr gerne Rad.

Ich habe großen Respekt für Menschen, die sich auf diesen zwei Rädern durch das Leben bewegen. Nicht aus ästhetischer Sicht, aber was die Dressur des inneren Schweinehundes, die körperliche Fitness und die Zähigkeit betrifft, auf jeden Fall.

Trotzdem gibt es einige Dinge, die ich nicht ganz verstehe. Warum nur überholen Radfahrer in München grundsätzlich rechts? Ich bin langsam und habe jedes Verständnis für andere Radfahrer, Jogger, Hunde, Marienkäfer und Schnecken, die mich überholen wollen. Während die Schnecken einfach Gas geben müssen, können Radfahrer aber auch einfach klingeln. Um Platz zu machen reicht selbst meine Geschwindigkeit. Und warum bin ich das einzige Mal, wo ich überholt habe (es ging bergab, da habe ich mehr Schwung als andere) angespuckt worden? Vielleicht weil ich links überholt habe? Und warum begreifen so viele den Radweg (wie auch den Gehweg) in der angeblichen Radlstadt München als Parkstreifen? Und warum kratzt das außer mir niemanden? Die Fragen werden jeden Tag mit jeder Fahrt mehr. Da sehne ich mich doch allein deswegen zurück zu den Tramfahrten, bei denen ich einfach meinen Gedanken nachhängen konnte, ohne dauernd von meinen Fragen unterbrochen zu werden.

Mal sehen, wie lange ich den Schweinehund im Griff behalte….

Experiment (Teil III)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Was bisher geschah: Ich habe auf Facebook gepostet, dass ich das Netzwerk verlassen würde. Einige fragten nach, wie ich weiter erreichbar sein würde, andere warum und wieder andere beglückwünschten mich. Die, die nach der Erreichbarkeit fragten, waren überwiegend die, mit denen ich ohnehin auch außerhalb Kontakt habe. Interessant war für mich, dass ich mit quasi neuen Leuten auf einmal eine Verbindung hatte. Ein ehemaliger Mitschüler beglückwünschte mich. Und das erste Mal tauschten wir uns ein wenig aus. Das hatten wir weder in der Schule noch über Facebook vorher wirklich gemacht. Nicht viel, aber mehr.
Mit anderen fing allein durch das Testen der jeweiligen E-Mailadressen, die ja plötzlich wieder wichtig war, ein neuer Dialog an. Eine liebe Freundin z.B. aus Griechenland-Zeiten meldete sich auf einmal wieder und wir hatten uns etwas zu sagen, als wäre keine Zeit verstrichen. Auch wenn der Kontakt davor – dank Facebook – auf die jährliche Weihnachtskarte beschränkt war.

Ich fühle mich gerade endlich wieder wirklich vernetzt. Mit deutlich weniger Menschen und vermutlich weniger exotisch. Und ja, der eine oder andere Kontakt wird wieder einschlafen und womöglich ohne Facebook endgültig und trotzdem kommt es mir vor, als sei ich aus einem Dornröschenschlaf erwacht.

Eine weitere Maßnahme war es, dass ich diverse Newsletter abonierte (das gibt es wirklich noch), denn die Nachrichtenseiten wie die Süddeutsche, pinkstinks, usw. interessieren mich ja nach wie vor. Und siehe da, die Newsletter zeigen mir nicht nur hinweise auf die gleichen Artikel sondern bieten bisher allesamt ein gewisses mehr an Information.

Was die Rituale betrifft: Nun ja, das war tatsächlich die größte Umstellung. Die Langeweile wird einem sehr bewusst, wenn sie da ist. Aber man nutzt sie anders. Schon am ersten morgen habe ich mir mehrere interessante TED Vorträge angesehen, statt auf Facebook im Newsstream herumzuscrollen. Ich habe mich also weiter gebildet. Ich habe die Zeit genutzt um Nachrichten zu schreiben, um zu stricken um mich zu unterhalten um mich zu bewegen. Trotzdem ist der Reflex zu gucken noch da. Das Fenster ist geschlossen überall und ich finde Alternativen. Ich langweile mich weniger, denn Facebook hat für mich die Langeweile nicht wirklich bekämpft sondern eher überdeckt, da war sie noch immer.

Jetzt kommt der Frühling. Ein neuer Aufbruch, neues Wachsen. Ich bin gespannt, was das altmodische Facebook-lose Leben für mich bereit hält. Und ich freue mich auf die echten Menschen, mit denen ich mein Leben verbringe und teile. Einiges werde ich verpassen, manches und mancher wird mir fehlen und trotzdem glaube ich fest, dass es für mich persönlich die richtige Entscheidung war. Ein Gewinn.

Experiment (Teil II)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Ich hatte also den Plan gefasst mich von Facebook abzumelden. Aber warum?

In letzter Zeit beschlich mich zunehmend ein gewisses Unwohlsein, ein Widerwillen. Zunächst war das gar nicht so richtig greifbar für mich. Aber allmählich kam ich dem ganzen auf die Spur. Facebook machte mich nicht glücklich. Und ich merkte erste Anzeichen einer gewissen Sucht insofern, als dass ich die Seite auf meinen diversen Endgeräten immer offen hatte und automatisch meist als erstes wenn ich danach griff auch prüfte ob es etwas neues gäbe. Mir war langweilig, facebook. Dadurch war mir zwar, wenn ich ehrlich bin nicht weniger langweilig aber ich hatte das GEFÜHL etwas zu tun. Wie viel Zeit ich dafür letztendlich aufwendete konnte ich zwar an meinem wöchentlichen Bildschirmzeitbericht ablesen, aber so richtig spürbar, greifbar, war es erst hinterher. Und dann war da noch ein gewisser Widerwillen gegen die Unehrlichkeit, die Facebook verkörpert. Die Welt ist anders, aber Facebook gaukelt uns eine bestimmte unseren Denkmustern genehme Welt vor. Das kann angenehm sein, wenn man gerade keine Lust hat es zu hinterfragen macht ab er die Welt an sich auch kleiner und ärmer. Facebook präsentiert nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Der Rest wird unter den Teppich gekehrt. Man kann die Wahrheit meisterhaft verschleiern, wenn man einige Fakten weg lässt. Ist das dann schon eine Lüge? Ich weiß es nicht, vermutlich eher nicht. Es ist legitim und nachvollziehbar. Wer möchte schon die langweiligen, peinlichen oder unangenehmen Erlebnisse seines Lebens teilen? Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich mit meiner Lieblingscousine Briefe austauschte. Ich wusste nicht so sehr viel von ihrem Leben. Auch da nur die Dinge, die sie mit mir teilen wollte. Wofür sie brannte und ihre Macken und Schrullen kannte ich kaum. Und sie wusste von mir womöglich noch weniger, weil ich eine furchtbare Sauklaue habe und daher meine Briefe wohl kaum leserlich waren. Trotzdem war da eine Verbundenheit. Wir teilten ganz bewusst bestimmte Bereiche aus unserem Leben miteinander und manches davon vermutlich nicht unbedingt mit jedem anderen. Heute weiß ich dank Facebook, dass sie einen echten Minions-Tick hat, nicht nur auf gutes Essen steht und toll kochen kann (das wusste ich vorher auch schon) sonder auch, dass sie ein Talent hat in allen möglichen Teilen des Erdballs gute Futterstellen zu finden. Ich hatte mitbekommen, dass sie mit ihrem Jahr 2018 nicht glücklich war. Die Hintergründe verschwieg mir Facebook aber.

Und das war nicht bei ihr so. Nur hat der Alltag einen so im Griff, dass es nicht möglich ist bei allen 200 „Freunden“ regelmäßig nachzuhaken.

Man gibt sich der bequemen Täuschung hin, dass man schon alles wichtige über Facebook mitbekommt.

Aber was teilt man selbst denn wirklich?

Hinzu kommt das permanente Vergleichen mit den anderen. Man will es nicht, man weiß rational, dass das auch totaler Quatsch ist, weil man ja weiß, dass Facebook maximal die halbe Wahrheit ist, aber man macht es trotzdem. Geniert sich, eine schlechte Mutter zu sein, wenn man die Hochglanzbilder der anderen Mütter sieht, die mit ihren Kindern andauernd tolle Ausflüge machen, interessante Reisen, fördernde Kurse während man selbst tot von der Arbeit und dem Leben an sich auf der Couch liegt und mal wieder dem Lieferdienst das Kochen überlässt. Man vergisst, dass man selbst ja auch Ausflüge macht und bastelt. Ist es nicht fotografiert und auf Facebook dokumentiert, existiert es nicht.

Dieses Phänomen ist inzwischen bekannt und erforscht. Artikel dazu findet man z.B. in Psychology Today https://www.psychologytoday.com/intl/blog/the-defining-decade/201203/just-say-no-facebook-social-comparisons .Es geht sogar noch über das Unwohlsein, dass ich verspürte hinaus. Facebook fördert Depressionen (wohlgemerkt, Facebook macht nicht depressiv per se, aber es hilft dabei depressiv zu werden): https://www.eurekalert.org/pub_releases/2015-04/uoh-usl040615.php

Abgesehen von der ganzen ungewollten Vergleicherei fehlte mir auch einfach die Verbundenheit. Klar hat man sich vor Facebook leichter aus den Augen verloren. Und das war oft mit echtem Verlust verbunden. Aber auch mit echten Überraschungen, wenn man sich dann doch auf dem einen oder anderen Weg wieder gefunden hat. UND die Verbindungen, die bestehen blieben, waren irgendwie realer.

Also habe ich einen letzten Post geschrieben, dass ich in nächster Zeit nicht auf Facebook zu finden sei, mich aber freuen würde, wenn der eine oder andere auf altmodische Art Kontakt halten würde. Es gab ein paar Reaktionen, einige persönliche Nachrichten und dann … löschte ich mein Profil. Was danach geschah, kommt dann im dritten Teil.

Experiment (Teil I)

Liebe*r Leser*in im folgenden werde die Dinge beim Namen nennen. Das soll weder Werbung für bestimmte soziale Netzwerke noch für Zeitungen, Organisationen oder sonstiges sein. Trotzdem kann der eine oder andere etwas im folgenden Text für Werbung halten daher:
– Achtung hier kommt Werbung –

Seit über zehn Jahren treibe ich mich in diversen sozialen und beruflich-sozialen Netzwerken herum. Als „man“ noch in StudiVZ, bei den Lokalisten oder in MySpace umherwanderte, fing es auch in Deutschlnad an, dass man sich bei Facebook anmeldete. Während das am Anfang noch exotisch war, verwandelte das sich schnell zur erstaunten Frage: „Was?! Du bist nicht bei Facebook?“
Facebook hat mittlerweile übernommen. Facebook ist der Ort an dem „alle“ zu finden sind. Dazu kann man sich dort seine Nachrichten zusammenstellen. In meiner „Timeline“ erscheinen Meldungen von der Süddeutschen, der Zeit, von pinkstinks, den Rebel Girls, der girls on web society, einem Volksbegehren, zwei Fernsehserien, netzpolitik.org, mimikama und verschiednenen anderen Seiten, die für mich so selbstverständlich sind, dass sie mir gar nicht mehr einfallen. Ich habe mir also längst meine persönliche Filterblase gestrickt.

Dadurch, dass am Anfang nur so wenige bekannte Gesichter bei Facebook zu finden waren, kam hinzu, dass ich zunächst jedes bekannte Gesicht als „Freund“ akzeptierte, ob das nun jemand war den ich auch im echten Leben als Freund bezeichnen würde oder nicht.
Sind wir mal ehrlich: Es hat ja auch ein bisschen was von Sammelbildchen – man will sein Album voll bekommen. Die Freunde aus der Schulzeit, bei denen ich besonders gerne wüßte, was aus ihnen geworden ist, habe ich übrigens zum Teil bis heute nicht gefunden.
Aber es gibt ja auch Sammelbildchen, die man irgendwie NIE kriegt.

Da ich sehr selten etwas poste, Bilder hochlade oder meinen Status ändere, tauche ich vermutlich in den Filterblasen sehr weniger „Freunde“ auf. Diejenigen, die bei mir zu sehen sind, sind auch nicht unbedingt die, mit denen ich im echten Leben einen besonders engen Kontakt habe. Bei denen, die mir in der Vergangenheit etwas näher standen, war sogar einer dabei, der so wenig in meiner timeline auftauchte, dass ich monatelang nicht bemerkte, dass er sich längst abgemeldet hatte.

Es gibt aber auch einige Entdeckungen: Der Schulkamerad mit dem ich nie besonders viel gesprochen hatte als wir in einem Jahrgang waren, dessen Posts ich aber neugierig verfolge, weil der Ausschnitt seines Lebens, den er teilt, wirklich interessant ist. Der schräge Exfreund einer Freundin, der immer noch irgendwie schräg ist, aber sein Ding macht: dezidierte, gut formulierte Meinungen teilt und interessante Veranstaltungen entdeckt. Die sympathische Aktivistin, die mir im echten Leben sehr nah ist, weshalb wir eher persönliche Gespräche führen als darüber zu sprechen, was ihr politisch am Herzen liegt. Der ehemalige Theaterkumpel, der die witzigsten Entdeckungen im Intenet macht und sie dankenswerterweise teilt.
Und dann gibt es noch die, die man irgendwann sehr mochte, aber aus den Augen verloren hat. Man hat das trügerische Gefühl trotzdem noch mitzukriegen was bei ihnen im Leben passiert, weil sie Reisefotos, Hochzeitsfotos oder Kinderbilder posten. Trifft man sich dann allerdings mal zufällig auf der Straße, merkt man schnell, dass man einige wesentliche Dinge, Erlebnisse oder sogar einschneidende Veränderungen verpasst hat.
Und nicht zu vergessen mein Lieblingscousinchen, die mir immer sehr am Herzen liegt, deren Leben ich mittlerweile aber tatsächlich überwiegend über Facebook und FB-Nachrichten verfolge.

Vor einigen Jahren war dann ein Punkt erreicht, an dem ich mich so über mich selbst geärgert habe, dass ich lauter Leute in meiner „Freundesliste“ hatte, mit denen ich mich im echten Leben gar nicht so recht verstanden habe, dass ich radikal „ausgemistet“ habe.
Meine Liste ist damals von gut 400 auf etwa 200 geschrumpft ist.

Trotzdem hat sich wenig verändert. Nur Facebook hat sich verändert. Die Algorythmen haben sich immer mal wieder verändert. Es sind ein paar neue Freunde dazu gekommen, die Skandale häuften sich und die Nachrichtenfunktion wurde für alle Nicht-Messenger-Nutzer abgeschafft.

Ich habe mich verändert.

Dies alles ist die Ausgangsbasis für mein Experiment:
Ich habe mir vorgenommen, mein Facebookprofil zu löschen.

Warum, wie und was danach passiert, gibt es im zweiten Teil.

Supermom

Als Kind wollte ich (jetzt mal nur in groben Zügen), dass meine Mutter mich lieb hat, Zeit für mich hat, mich nicht zwingt saure Leber, Kalbsbries, Rosenkohl  und ähnliche Schmankerl „wenigstens zu probieren“ und mich so nimmt wie ich bin. Das Komplettpaket hat mal mehr und mal weniger funktioniert (Ein kleiner Tipp, wo es zum Beispiel chronisch weniger funktioniert hat: Ich bin nicht ohne Grund relativ früh Vegetarierin geworden, die Summe der grässlichen  Dinge die man „wenigstens probieren“ muss reduziert sich dadurch enorm).

Das Anforderungsprofil an Mütter von heute ist dagegen in meiner Wahrnehmung ein bisschen spezieller.

Mütter sollen nach wie vor Zeit haben, daher maximal Teilzeit besser gar nicht Arbeiten. Gleichzeitig sollen sie aber ein gutes Rollenvorbild sein und daher Vollzeit arbeiten, denn das sollen die braven Kinderchen ja später auch wollen. Sie sollen selbstverständlich alles selbst kochen, gesund, frisch und Bio am besten aus dem eigenen gepflegten Garten. Gekaufte Haferflocken? Pfui, da ist ja nichts mehr an gesunden Inhaltsstoffen drin!

Mütter sollen die Kinder nicht nur lieb haben sondern Freiraum lassen und gleichzeitig Grenzen setzen, keine Egoisten erziehen aber das Kind als Königskind behandeln, Fördern mit Kinderturnen, Sprach- und Musikkursen, Werk- und Bastelkursen, Ballett, Kinderyoga, Meditation und MINT-Workshops aber ja dem Kind genug Zeit zum Langweilen und selbst spielen und entdecken lassen.

Mütter sollen Geld verdienen, putzen, aufräumen, kochen, einkaufen, Faschingskostüme, Schlafanzüge, Hosen, Kleidchen selbst nähen, stricken, basteln, heimwerken, bloggen, Pflanzen ziehen,….

Und natürlich ganz wichtig, bei alle dem: Mütter dürfen sich selbst nicht vergessen, sie sollen sich genug Zeit für sich selbst nehmen. Einem oder besser mehreren schönen Hobbies nachgehen.
Hach, wie schön. Nur, tja, wann?!?

Vielleicht sollte man in manchen Dingen doch einen Schritt zurück machen, und einfach mal herausfinden, was die eigenen Kinder von einem wollen. Liebgehabt werden, angenommen werden, wie sie sind, Zeit für sie, egal in welcher Form und manchmal (wenn es überraschender Weise doch schmeckt) vielleicht sogar gezwungen werden, etwas neues oder bekanntes zum Essen zu probieren.
Ich verspreche: Leber kommt mir nicht in die Pfanne.

Netze

Ich halte nichts von Intrigen. Und ich mag es, wenn die Dinge offen ausgesprochen werden. Ich mag diese Spielchen, die überall gespielt werden, gar nicht. Und ja sie werden überall gespielt.

Das heißt nicht, dass ich sie nicht erkenne, diese feinen Gespinste aus wer kann mit wem, wer lästert über wen. Und ja ein wenig Lästern gehört dazu. (vgl. hierzu: http://www.meinetheorie.net/2010/11/13/von-affen-und-menschen/) Aber die größeren Machtspielchen und Manipulationen oder auch die größeren Bündnisse gefallen mir nicht.

Ich habe meisterhafte Manipulationen beobachtet. Die geschicktesten davon verlangen mir sogar Respekt ab auch wenn sie meist in irgendeiner Form grausam und hässlich sind. In der Regel kann ich solches Ränke schmieden relativ leicht und schnell erkennen. Ich kann mich selbst davor schützen. Was ich nicht sehr gut kann, ist meinen Lieben auf sanfte Weise vermitteln, wie sie sich schützen können und wann sie manipuliert werden. Denn entweder ich müsste sie selbst manipulieren oder eben offen und ehrlich sein. Das ist dann aber nicht mehr sanft. Manchmal sieht man also seine Lieben wie kleine Schmetterlinge auf ein Spinnennetz zu flattern und weiß einfach nicht was man tun soll. Man möchte am liebsten das Netz zerreißen und ihnen einen sicheren Flug durch die Welt ermöglichen. Aber oft kann man nur zusehen und hoffen, dass sie selbst die Kraft haben sich zu befreien.
Genauso sieht man selbst oft ein Netz, das einen sicher nicht verschlingt aber zu großen Umwegen und Anstrengungen zwingt und einen geradlinigen Weg unmöglich macht.

Ach ihr Giftspinnen da draußen, könnt ihr Euch nicht auf die Stechmücken stürzen und meine Schmetterlinge fliegen lassen?

Ernährung

Als ziemlich übergewichtiger Mensch und Vegetarierin bin ich im Lauf meines Lebens in den Genuss zahlreicher Informationen zum Thema Ernährung gekommen. Das eine oder andere habe ich in der einen oder anderen Lebensphase manchmal mehr und manchmal weniger erfolgreich ausprobiert.
Manchmal ging es ums abnehmen, manchmal ums entschlacken und manchmal einfach darum meine Neugier zu befriedigen.

Und irgendwann habe ich mich mit mir selbst angefreundet. Das einzige, was dann noch blieb, war die Neugier. Ich weiß in der Regel ganz gut, welche Nährstoffe ich brauche und wie ich sie bekomme. Solange ich mich also ausreichend bewege, überwiegend gesund ernähre und mich gut fühle, bin ich zufrieden.

Weniger selbstbewusst bin ich bei der Ernährung meiner Kinder. Hier habe ich andauernd Sorge, dass sie nicht bekommen, was sie brauchen. Der Entschluss der Großen ebenfalls Vegetarierin zu sein, an dem sie mit erstaunlicher Beharrlichkeit festhält, und die standhafte Verweigerung der kleinen 90% des Obst und Gemüses, dass auf unseren Tisch bzw. ihre Brotzeitbox kommt, auch wirklich (zeitnah) zu essen, macht es nicht gerade leichter.
Es gilt also, sich – dieses Mal kindgerecht – erneut damit auseinanderzusetzen, was der Körper braucht, warum man was kombinieren sollte und wo zum Teufel man bloß alles herkriegen soll, was man so braucht.
Denn überzeugen kann man meine Kinder nur mit handfesten, verständlichen Argumenten. Es genügt also nicht, zu sagen, dein Körper braucht Eisen, das kriegst du zum Beispiel wenn du Hülsenfrüchte isst und die musst du mit Kohlenhydraten kombinieren, damit dein Körper das Eisen aufnehmen kann. Sondern man muss weiter ausholen und erklären, dass der Körper damit Blut herstellen kann und dass durch das Eisen der Sauerstoff besser durch den Körper transportiert werden kann. Und dass das wichtig ist, weil man dann hupfen und rennen und spielen kann. Zumindest die Große hat man damit dann überzeugt und sie erfindet dann die Argumente, die auch bei der Kleinen ziehen. Wir hören manchmal einfach weg und waschen unsere Hände in Unschuld, wenn es heißt, dass das Eisen maßgeblich wichtig für schnelles Haarwachstum sein soll.

Zum Glück muss ich mich aber für meine beiden nicht auch noch mit diversen Diätvarianten auseinandersetzen. Die Ideen und Modelle sind zahlreich und letztendlich funktioniert ja doch irgendwie bei jedem wieder etwas anderes (oder auch nicht).  
Interessant hierbei finde ich den Trend, das Essen in irgendwelchen Apps zu erfassen. Das ist sicher der Alptraum jedes datenschutzbewussten Menschen, aus verhaltenstherapeutischer Sicht entbehrt es aber durchaus nicht seiner Berechtigung.
Sich bewusst zu machen, was man eigentlich isst, fällt dadurch ziemlich leicht und irgendwann einfach eine „Bremse reinzuhauen“ ist ebenso leichter, wenn man eine sofortige Visualisierung vor sich hat.
Allerdings haben viele dieser Apps einen eingebauten Barcodescanner.
Und hier ist möglicherweise auch aus verhaltenstherapeutischer Sicht ein kleines Problem zu erkennen. Denn es ist sicher allgemeiner Konsens, dass wenig verarbeitetes Essen deutlich gesünder ist, als stark verarbeitetes Essen. Mein selbstgemachter Salat hat allerdings keinen Barcode mit dem ich, mit nur einem Klick erfassen kann, was ich da eigentlich esse. Den muss ich in virtuelle Einzelteile zerlegt, grammweise eingeben. Die Tiefkühlpizza hat den Barcode schon….

Krummes Gemüse

Als wir noch in Höchst lebten, war es unser persönliches Wochenendvergnügen, alle zusammen, Samstags auf den Wochenmarkt zu gehen. Manchmal haben wir uns dort mit Freunden auf einen Kaffee getroffen, manchmal haben wir zufällig Bekannte oder Freunde getroffen und immer haben wir unsere Lieblingsstände besucht.
Ein kurzer Schwatz mit der „Kräuterhexe“; Einer älteren Frau, die wirklich als eine der weisen Kräuterkundigen durchgehen konnte, die früher für Hexen gehalten wurden, die aber vor allem einfach starke Frauen mit großem Wissen waren. Durch und durch sympathisch und ihr Stand der Ort, wo die Kinder schnell gelernt haben wie unterschiedlich Salbei oder Thymian aussehen kann und doch klar zu identifizieren ist.

Inzwischen ist das Kräuterwissen meiner Kinder wahrscheinlich wieder etwas verschüttet, damals konnten beide die gängigsten Kräuter bestimmen. Das war eben eines unserer Spiele und mit einem großen Balkon auch zuhause fortsetzbar.

Die nächste Station war dann meist „der“ Gemüsestand. Dort gab es „lustige“ Erdbeeren, die nicht irgendwelchen Wuchsnormen entsprachen, eine große Auswahl an regionalem frischen Gemüse und die „Suppentüte“ – Eine riesen Tüte, vollgepackt mit dem passenden Gemüse für eine Gemüsesuppe, die unsere Familie für mehrere Tage satt und zufrieden machen konnte.
Oft gab es dann noch einen Schlenker zu Käse oder Backwaren und auf dem Rückweg einen Einkehrschwung im Supermarkt und beim Bäcker um Simit zu kaufen.
Danach waren wir gerüstet für den Rest des Wochenendes, hatten einen schönen Spaziergang hinter uns und waren oft ziemlich gut gelaunt.

Was uns davon für die Wochenenden geblieben ist, außer einem Großeinkauf, ist die Liebe zu „krummen“ Gemüse. Lustige Erdbeeren schmecken einfach besser.

 In unserem neuen Viertel gibt es Samstags keinen Wochenmarkt. Gäbe es einen, würden wir kaum jemanden treffen den wir kennen, denn wir kennen nur wenige Menschen aus dem Viertel.

Die Freunde und Bekannten von damals waren Errungenschaften aus den Elternzeiten, waren wunderbare Nachbarn, mit denen man regelmäßig feierte oder etwas unternahm. Die Elternzeit um in Ruhe Eltern mit Kindern genau im gleichen Alter kennenzulernen, haben wir hier verpasst. Der Alltag hat, in dem Alter in dem unsere Kinder sind, die Familien voll im Griff.
Die Freunde, die man hat sind über die Stadt verstreut. Man hat ja auch einen etwas größeren Aktionsradius. Die Gemeinschaft im Haus besteht maximal aus Smalltalk im Treppenhaus und bei dem einen oder anderen ist man sogar froh darum.

Natürlich haben wir auch hier unsere Wochenendrituale. Auch hier haben wir unsere Anlaufstellen und sogar eine Quelle für lustige Erdbeeren. Auch hier treffen wir liebe Freunde zum Kaffee. Es ist eben nur anders. Auch irgendwie gut, nur eben anders. Und manchmal, nur manchmal, vermissen wir eben das eine oder andere Stückchen Vergangenheit, jeder sein eigenes.