Papier und Kontemplation

Ich lese unglaublich gerne. Und zwar richtige, echte Bücher.

Auch wenn ich einen eReader ab und zu benutze, weil er nicht blendet, wenn man neben schlafenden Kindern oder Ehepartnern liest, bevorzuge ich nach wie vor echte platzraubende, schwere, nach Papier duftende Bücher.

Und das nicht nur, weil man bei eReadern, die Bücher ja auch nicht so richtig kauft, sondern eher in Dauerleihe hat, nicht nur weil man Bücher auch einfach mal verleihen oder weiterschenken kann sondern vor allem weil man sich darin richtig versenken kann. Ich neige leider dazu mehrere Dinge zeitlich parallel anzugehen.

Ich sage bewusst nicht gleichzeitig, denn echtes Multitasking ist, denke ich eine glatte Lüge. Multitasking bedeutet nur, dass man sehr sehr schnell hin und her schalten kann. Das wirkt dann vielleicht wie Multitasking aber die volle Aufmerksamkeit hat nichts von den Dingen die man gerade erledigt. Deswegen funktioniert das mit mehr oder weniger automatisierten Abläufen ganz gut. Ich kann vor dem Fernseher stricken, da meine Hände ohnehin wissen was zu tun ist. Muss ich doch einmal einen Blick auf das Werkstück werfen, folgen immerhin meine Ohren noch halb der Handlung.
Ich kann auch mit einem leichten eReader in der Hand noch mit der anderen Hand teig kneten oder Saucen umrühren oder sonst irgendetwas sinnvolles tun. All das fordert nur einen kleinen Teil meiner Aufmerksamkeit und sorgt daher kaum für Ablenkung. Dennoch ist ein Teil meiner Aufmerksamkeit abgezogen. Kein schädlich großer Teil, aber immerhin.

Bei einem Buch ist das anders. Das muss ich mit zwei Händen festhalten damit es mir nicht zufällt. Ich kann schon technisch nichts nebenbei erledigen. Das führt dazu, dass ich mit meiner Aufmerksamkeit ganz da bin. Im Moment. Ich kann mich in ein Buch viel mehr vertiefen. Klar, kann ich auch da nebenbei Geräusche wahrnehmen und trotzdem fesselt mich das Buch mehr, allein durch die unfreien Hände. Man sollte vielleicht öfters seine Hände ruhen lassen und ganz im Moment verweilen.

Fragor praecox

Ich glaube ja, dass man am Umgang mit Feuerwerkskörpern und Böllern, speziell über Männer viel erfahren kann.

Da sind die ganz jungen Kerle, die es kaum erwarten können. Sie zündeln schon, sobald die ersten Böller in den Läden zu kaufen sind.
Die jungen Kerle, die sich kaum zurückhalten können. Eine falsche Bewegung und sie explodieren schon. Manchmal zündeln sie auch mehr oder weniger heimlich aus einem Gebüsch heraus und rennen weg sobald sie gesehen werden.

Ich kann über die ganzen Kerle die viel zu früh mit dem Feuerwerk anfangen nur den Kopf schütteln.

Dann gibt es diejenigen, die ganz vorschriftsgemäß nachts um 12 ein Feuerwerk anzünden, dass dann mehr oder weniger groß ausfällt. Interessante Feuerwerke sind ja nicht unbedingt groß, sondern entzücken, wenn sie besonders raffiniert sind.

Dann gibt es die, die an Silvester schon zu vollgefressen oder zu betrunken sind. Die liegen im besten Fall dann faul auf der Couch und es ist mit ihnen nicht mehr viel anzufangen.

Dann gibt es die jungen Väter, die sich zeitlich mehr nach dem Wachzustand der Kinder richten.

Und dann gibt es noch die Genießer. Sie müssen nicht selbst zündeln. Sie können gemeinsam mit ihrem Lieblingsmenschen ein Feuerwerk einfach genießen. Eng umschlungen. Im Gleichklang. Nicht zu früh und nicht zu spät, sondern einfach wenn es eben soweit ist.

Ankommen

Wir sind vor gut einem Jahr zurück in meine Stadt gezogen. Das heißt ich bin zurück gezogen, die drei anderen sind zum ersten Mal hergezogen.
Und während ich im Studium in der Kulturkomparatistik viel über den sogenannten Statusschock gelernt habe, hätte ich nicht damit gerechnet, dass es den auch gibt wenn man nur ein paar Jahre in einer anderen Stadt im gleichen Land lebt. Sicher ist ein Statusschock nach einem langen Auslandsaufenthalt in einer völlig fremden Kultur noch einmal etwas ganz anderes, aber trotzdem.
Mal ganz abgesehen, dass ich Frankfurt wirklich schmerzlich vermisse, genau wie meine drei auch, fühle ich mich hier in München inzwischen auch etwas verloren.
Die Orte, die ich früher kannte, gibt es nicht mehr. Und eine Stadt mit Kindern ist eine andere Stadt als eine als Single.
Viele Orte spielen einfach keine Rolle mehr, wohingegen ich andere Orte in die man, wenn man von Beginn an mit Kindern dort lebt, einfach hineinwächst hier nicht kenne.
Ich kenne hier nicht die Cafés die kinderfreundlich sind. Ich weiß nicht mehr wo man nett zum Brunchen hingehen kann. Ich weiß nicht bei fast jeder U-Bahn Station wo die Aufzüge sind, wenn man mit Kinder- oder Bollerwagen unterwegs ist.
All das muss ich mir hier erst (wieder) erarbeiten. Ich bin eine Fremde in der vertrauten Stadt. Und auch wenn noch einige Freunde da sind, so müssen wir alle doch auch neue Bekanntschaften schließen, Anschluss für die Kinder finden, Spezl für das Objekt der Begierde kennenlernen.

All das ist harte Arbeit die wir in der alten Stadt so nebenbei längst erledigt hatten. Wir müssen wieder herausfinden, wo die guten Futterstellen sind, wo man etwas unternehmen kann, welche Veranstaltungen sich für uns gemeinsam lohnen und welche nicht. Und manchmal fühlen wir uns einsam. Jeder für sich, alle zusammen.
In solchen Momenten muss ich mich auf die Dinge konzentrieren, die mir in Frankfurt abgegangen sind. Denn auch dort mussten wir ja ankommen. Wie hier.

Und jedes Mal mit dem Vorsatz endlich zu bleiben.

Vergessen

Als ich klein war, lief im Kino die unendliche Geschichte. Meine Wahlschwester war unglaublich vernarrt in Atréju. Beide haben wir geheult, als sein Pferd versank. Beide haben wir uns geärgert, dass der Film nicht an das Buch heranreicht. Beide haben wir uns nicht gewundert oder geärgert, dass die kindliche Kaiserin nur völlig passiv in ihrem Elfenbeinturm hockt, während der Junge Bastian die Welt rettet. Außer Fuchur ist sonst vom Film wenig bei mir hängen geblieben. Vielleicht noch die netten Steinbeißer. Bei Büchern hat man ja seinen eigenen Bilder im Kopf, das ist aktiver und bleibt daher besser hängen.

Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist die Darstellung des Nichts als alles fressender Nebel im Film. Sich das Nichts vorzustellen, fiel mir schwer im Buch. Im Film dagegen wird es vorstellbar, da nicht einfach nur das Nichts dargestellt wird sondern dem nichts vorangehend ist eben ein wabernder Nebel, der mal verdeckt und mal die Dinge wieder für kurz oder lang zum Vorschein kommen lässt, bevor das Nichts sie letztendlich ganz auffrisst und verschwinden lässt.

In den vergangenen Monaten habe ich mich etwas näher mit dem Vergessen in meiner Umgebung beschäftigt. Um genauer zu sein mit pathogenem Vergessen. Alzheimer.
Ich glaube, dass genau jenes Nichts aus dem Film ein gutes Bild für dieses Vergessen ist. Es schleicht sich verborgen in einer Nebelsuppe an die Erinnerungen heran. Manchmal sind die Dinge nur verdeckt vom Nebel aber nach und nach breitet sich das Nichts aus. Und je mehr Erinnerungen schon verschwunden sind, desto schneller breitet sich das Nichts aus. Und nach und nach verschwindet alles, nicht nur die Erinnerungen sondern auch die Persönlichkeit, die Fähigkeiten bis irgendwann eben nichts mehr da ist. Nur bleibt kein Sandkorn übrig aus dem alles neu erschaffen werden kann. Es kommt kein Bastian Balthasar Bux der die Erinnerungen rettet. Es bleiben irgendwann nur die Erinnerungen von anderen. Und der Mensch, der einem am Herzen liegt, geht Stück für Stück verloren.

Geschenke, Geschenke, Geschenkeeee

Es gibt ja ganz unterschiedliche Typen beim Öffnen von Geschenken. Da gibt es die Kinder oder Kind gebliebenen, die in überschwänglicher Gier und Ungeduld vor Freude alles sofort aufreißen.
Diejenigen, die zumindest einen kurzen Moment inne halten um sich das Geschenk als solches zu betrachten und zu rätseln was in der manchmal mehr manchmal weniger kunstvollen Verpackung versteckt sein könnte. Die Bänder werden pragmatisch mit einer Schere gelöst das Papier abgewickelt und gefaltet auf einem Stapel für das Altpapier gesammelt.
Und es gibt die Frickler. Das sind die, die ein Geschenk ausführlich vor dem öffnen prüfen und ertasten, selbst Spiralbänder noch mühevoll lösen. Jeden Streifen Klebeband ab piddeln um das Papier wieder verwenden zu können und dann gemächlich auspacken.

Ähnlich geht es weiter wenn das Geschenk ausgepackt ist. Die Aufreißer legen es schnell beiseite und wenden sich dem nächsten zu. Erst wenn alles Papier in Fetzen um sie herum verteilt ist, widmen sie sich dem Inhalt der Geschenke, sofern nicht etwas dazwischen kommt. Kuchen, Gäste, Plätzchenteller, je nach dem welcher Anlass zum beschenkt werden aktuell ist.
Die zweite Gruppe nimmt die Inhalte der Päckchen wahr und nimmt sich für das eine oder andere vielleicht ein bisschen Zeit.
Die Frickler widmen sich voll und ganz dem Geschenk, dass sie eben mühevoll mit großem Zeitaufwand befreit haben. Ist es ein Buch, blättern sie darin, lesen vielleicht die ersten Absätze unterhalten sich mit dem Schenker über den Hintergrund der Geschenkidee und lehnen sich dann entspannt zurück und genießen den Augenblick, bevor sie sich irgendwann dem nächsten Geschenk zuwenden.

Zu Weihnachten betrifft das ganze Procedere dann ja nicht nur einen Beschenkten sondern ganze Gruppen, zumeist Familien. In Familien von Aufreißern sind dann häufig alle gleichzeitig beschäftigt, während in Familien von Fricklern in der Regel nur einer an der Reihe ist und eine gewisse Reihenfolge eingehalten wird.

Ich bin aufgewachsen in einer Familie von Fricklern. Ich vermute, als Vertriebenenkinder, die auf der Flucht wirklich nichts hatten, legt man den Rest seines Lebens besonderen Wert darauf, das was man hat zu erhalten.
Wenn man heute sieht wie groß Recycling und Upcycling und Ressourcen bewahren geschrieben wird, ist diese Grundhaltung einfach nur richtig unabhängig davon woher sie kommt.
Bei uns lief das also wie folgt ab. Die Jüngste – ich – durfte beginnen. Meistens riss ich das Papier unter den tadelnden Blicken meiner Großmutter auf. Als nächstes kam der oder die nächst-jüngste. Da meine Geschwister deutlich älter und an Weihnachten meist schon anderweitig verplant waren, war das meist meine Mutter. Die erste Fricklerin des Abends. Immerhin nahm sie Rücksicht auf meine kindliche Ungeduld und blätterte in den Büchern nur kurz. Bei Tante, Onkel, Großmutter war das schon etwas anderes. Da hatte ich den Eindruck, sie hätten vor, die Bücher noch an diesem Abend komplett auswendig zu lernen. Es folgten lange Gespräche zwischen Schenker und Beschenkten über die Intention des Geschenks, die Hintergründe, die Entstehung, den Kaufprozess und ich wurde fast wahnsinnig dabei. Jede ungeduldige Regung von mir, wurde von den „jüngeren“ belächelt von meiner Großmutter extrem gerügt.
Ich mochte unsere Weihnachten die meiste Zeit an sich sehr, aber die Phase des Geschenkauspackens war eine Lektion in Geduld, die nur schwer zu ertragen war.
Im Lauf der Jahre bin ich selbst zur Fricklerin geworden. Für mich wurde das zur Selbstverständlichkeit. Und ich habe begriffen, dass es auch ein Zeichen von Wertschätzung ist sich einem Geschenk so zu widmen. Die Zeit und Gedanken des Schenkenden zu beachten.

Selbstverständlich dürfen unsere Kinder Geschenke aufreißen, auch wenn ich zunehmend häufig beobachte, wie sie erste Frickleransätze zeigen. Dass das Frickeln aber nicht Normalität für alle und jeden ist, erlebte ich, als ich Weihnachten in einer Fremdfamilie verbrachte. Da wurde aufgerissen und weggelegt, dass es für mich frickelsozialisierte ein Grauen war. Vierzehn Menschen gleichzeitig, keine Ruhe um die Geschenke zu betrachten, zu genießen und sich zu freuen – aus meiner Sicht. Aber trotzdem gab es eine kindliche Freude über das zerstören der Verpackungen. Glänzende Augen ob der immer schneller wachsenden Geschenkeberge. Alle waren trotzdem glücklich und zufrieden.

Ich glaube es ist entscheidend wie man sozialisiert wird, wie man mit Geschenken umgeht.
Aber das Wichtigste ist, dass die Freude nicht zu kurz kommt.

Helden und der ganze Genderscheiß

In der Kindheit und Jugend hat wohl fast jeder seine persönlichen Helden und Vorbilder.
In den achtziger Jahren gab es in meinem Erfahrungshorizont leider nur wenige Frauen, die mir als Vorbild oder Heldin hätten dienen können aber dafür einige alte Männer.
Und warum sollte man sich als junges Mädchen nicht einfach diese alten Männer zum Vorbild nehmen? Ich wollte eine Kabarettistin sein wie Dieter Hildebrandt, scharfzüngig und gebildet, ich wollte eine Literatin sein wie Umberto Eco, reich an Wissen, Bildern und Worten. Ich wollte eine Schauspielerin sein, wandlungsfähig wie Alan Rickman.
Es hat für mich keine Rolle gespielt, dass diese Vorbilder Männer waren.

Trotzdem bin ich nichts davon geworden, habe nichts davon verfolgt und in Wahrheit habe ich mir nichts davon zugetraut. Wahrscheinlich durchaus zu recht.
Aber hätte ich als Junge diese Träume auch aufgegeben? So schnell, so ohne ernsthaften Versuch und ohne Kampf. An der Uni habe ich noch italienisch gelernt um Eco im Original lesen zu können. In meinen geheimen Träumen wollte ich nach Italien gehen und seine Vorlesungen hören. Stattdessen habe ich mein Italienisch irgendwann vergessen.
Bis zur Zwischenprüfung stand ich jedes Jahr mindestens einmal auf der Bühne, zum Teil sogar gegen eine gewisse Gage, danach waren andere Dinge wichtiger, für solche Hobbies war keine Zeit mehr. Es ging um ernsthafte Dinge. Studium schnell durchziehen, Geld verdienen.
In der Schule schrieb ich zusammen mit einem Freund ein komplettes Kabarettprogramm. Gemeinschaftlich und gemeinsam witzig. Es war ein voller Erfolg. Wenn ich später mit jemanden darüber sprach, waren die Leute, die es in Erinnerung hatten, erstaunt, dass ich überhaupt daran beteilig war, es waren seine Lorbeeren, auch wenn ich mit meiner Solokabarettnummer immerhin meine 15 Punkte im Rhetorikkurs halten konnte.

Heute sind die meisten meiner Helden von damals gestorben. Bei jedem einzelnen von ihnen war ich beim Lesen der Todesnachricht sehr traurig. Nicht nur weil die Helden meiner Kindheit und Jugend keine neuen wunderbaren Werke mehr abliefern können, sondern auch weil ich es nie geschafft hatte mich ihnen durch Talent und Ehrgeiz zu nähern. Statt ein nachahmenswertes Werk zu produzieren oder auch nur annähernd in meinem Fach zu arbeiten, bin ich letztendlich Edeltippse geworden.

Vielleicht, nur vielleicht, wäre es damals ein kleines bisschen anders gelaufen, wenn ich mit dem Buch [Achtung, jetzt kommt quasi sowas wie WERBUNG, einfach mal so, weil es gerade in den Text passt] Rebel Girls von Francesca Cavallo und Elena Favilli großgeworden wäre. Auf jeden Fall hoffe ich, dass meine Töchter den Mut haben, die Welt zu erobern, so wie sie das wollen.

Rituale oder das große Fressen

In meiner Jugend habe ich jedes Jahr beim ersten Schnee genau eine Zigarette geraucht. Davor und danach war das viele Jahre kein Thema, aber beim ersten richtigen Schneetreiben gehörte das für einige Jahre für mich dazu. Ein langer Spaziergang, eine einzige Zigarette und danach mit einem heißen Tee aufwärmen.

Es ist verrückt welche Rituale man für sich entwickelt. Meistens finden sich solche Rituale oder selbstgestrickten Traditionen ja besonders um Feiertage herum.

Vielleicht mag ich gerade deswegen die Vorweihnachtszeit so sehr. Nicht nur weil im Dezember doch meist wenigstens an einem Tag mein heiß geliebter Schnee sich die Ehre gibt, sondern weil diese Zeit vollgestopft ist mit Ritualen, Traditionen und damit übersichtlichen Rahmenbedingungen.

Gerade zu Weihnachten hat jede Familie und oft sogar jeder selbst ziemlich konkrete Vorstellungen was zu beachten ist. Manche dieser Dinge sind kulturell bedingt. Es wird zum Beispiel in Deutschland nur wenige Kinder geben, denen das Konzept eines Adventskalenders völlig fremd ist. Das bekannte und vorfreudige Türchen öffnen wird inzwischen von vielen Firmen als Marketingwerkzeug verwendet, von karitativen Einrichtungen als Adventskalender verkehrt genutzt und von vielen Eltern in liebevoller Eigenarbeit selbst vorbereitet.

Aber schon bei der Verköstigung an Heilig Abend gehen die Meinungen kilometerweit auseinander. Ist die Gegend sehr katholisch geprägt, gibt es möglicherweise an diesem Fastentag noch Fisch, wie das bei der (schon seit Jahrzehnten konvertierten) Familie meiner Mutter war. Karpfen in Aspik mit selbstgemachter Mayonnaise. Was für ein fürchterlicher Alptraum, der sich in unserer Familie zum Glück nie durchgesetzt hat. Trotzdem gab es für meine Mutter bis vor ein paar Jahren immer zu Weihnachten eine Portion dieses Essens von ihrer Schwester für sie um den Heiligen Abend für sie „rund“ zu machen. Ich war nur scharf auf eine Karpfenschuppe für den Geldbeutel. Ein bisschen Aberglauben muss schließlich sein.

In anderen Familien geht es, sagen wir mal moderner zu. Dort wird am Heiligen Abend geschlemmt. Mit mehreren Gängen, Wein und anderen Spirituosen und zum Schluss noch ein Dessert. Ist ja schließlich ein Fest. Happy Birthday Jesus! (Auch wenn der dann doch eher im Frühjahr geboren wurde, aber wer nimmt das schon so genau, wenn es der Kirche hilft). Wieder andere haben für sich erkannt, dass es schwierig ist, alle Geschmäcker unter einen Hut zu bringen, je größer die Familie desto wahrscheinlicher. Da wird dann oft auf die Kompromisslösungen der Familienfestverpflegung zurück gegriffen. Fondue oder Raclette. Da kommt da schließlich jeder auf seine Kosten, keiner muss ewig in der Küche stehen (außer dem, der schnippelt, Soßen bereitet, vorbereitet und anrichtet, aber wer nimmt das schon so genau). Wieder andere sehen das etwas pragmatischer und greifen auf die Klassiker zurück. Kartoffelsalat mir Würstchen oder Linseneintopf.
In meiner Familie ging es meist abwechslungsreich zu. Je nachdem wer mitfeierte gab es mal das eine oder mal das andere. Irgendwann wuchs die Familie. Meine Geschwister verpartnerten sich und bekamen Kinder. Und Schwiegerfamilien. Es wurde also naturgemäß komplizierter. Dazu kam, dass ich als Vegetarier und meine Schwester als Karnivore mit unseren Essensvorstellungen diametral entgegengesetzt lebten. Der eine vertrug dies nicht, der anderes sollte oder wollte das nicht essen. Irgendwann beschloss ich, zumindest den Vegetarier aus der Gleichung zu nehmen und allein zu feiern. Nicht aus Antipathie sondern aus Pragmatismus.
Allein war ich eigentlich trotzdem nie. Meist feierte ich mit meiner Wahlschwester und im Laufe des Abends wurden wir immer mehr. Wir gestalteten uns den Abend so, wie wir das wollten. Als ich dann den ersten Heiligen Abend mit dem Objekt meiner Begierde verbrachte, hielten wir uns nicht an Traditionen, meinten wir. Aber ganz völlig ohne Baum hielten wir es doch nicht aus.

Es gab Lasagne und Feldsalat mit Austernpilzen. Und natürlich sollte daraus keine Tradition werden. Heute, nach vielen Jahren mit diesem Weihnachtsessen fällt es mir schwer, mir etwas anderes zu Heilig Abend vorzustellen.
In diesem Jahr werden wir das erste Mal seit langem in Großfamilie feiern. Ohne unsere eigenen Traditionen. Unser Weihnachten wird mir fehlen. Nicht wegen der Lasagne sondern wegen der Vertrautheit und der Geborgenheit, die Traditionen mit sich bringen.

Abenteuer

Als wir noch in Frankfurt wohnten, gab es ganz nah, so nah dass man mit zwei Mal umfallen da war, eine Thai Massage.
Von außen betrachtet, wirkte der Laden wenig vertrauenserweckend. Ein verblichener Aufsteller auf dem Bürgersteig und ein Stahltor, dass wirkte als würde man mit weniger Organen herauskommen, als man beim Eintritt in seinen verspannten Muskeln eingeschlossen hatte. Unsere damaligen Nachbarn allerdings schwärmten in den höchsten Tönen davon. Den ersten Tag danach täte einem der Körper etwas weh, das gäbe sich aber und danach schwebte man nur noch auf Wolken für mindestens eine Woche.

Bei einem sagenhaften Preis von 25 Euro für eine Stunde Ganzkörpermassage, war ich durchaus gewillt dem Ganzen eine Chance zu geben. Besonders wenn man bedenkt, dass ich quasi eine wandelnde Verspannung bin.

Und schließlich waren unsere Nachbarn ja auch beide noch im Besitz aller ihrer Organe.

Ich vereinbarte also an einem der letzten sonnigen Herbsttage einen Termin und machte mich auf ins Abenteuer.

Als ich durch das große eiserne Tor Schritt, wurde ich überrascht. Ich betrat eine kleine ruhige Oase. Ein Brunnen plätscherte. Pflanzen blühten nochmal mit aller Kraft, sich aufbäumend gegen den Herbst. Bequeme Stühle luden zum Warten ein.
Die eigentliche Massage fand in umgebauten Garagenräumen statt. Ich hatte vorher kaum eine klare Vorstellung von Thai Massagen. Ich war überrascht, dass auf meinem Rücken rumgelaufen wurde. Aber ich merkte wie sich alles löste. Zweimal umfallen war nicht der geeignete Heimweg. Eher butterweich nach Hause gleiten.

Selbstverständlich schwärmte ich auch unseren diversen Besuchern vor und schickte den einen oder anderen direkt dorthin. Ein Freund von uns, ließ sich vor jedem Besuch eigens einen Termin vereinbaren.

Selbst nach unserem Frankfurt internen Umzug war ich noch öfters da. Heute fehlt mir diese Massage.

Meine Theorie ist, dass man manchmal einfach neue „spannende“ Dinge probieren muss, um sich wirklich entspannen zu können.

Weichenstellungen

Vergangenen Sommer kam ich in den wunderbaren Genuss einer Mutter-Kind-Kur.
Einen Kurplatz zu bekommen, relativ kurzfristig noch vor Schulbeginn, stellte eine gewisse Herausforderung dar. Organisiert war das für meine Verhältnisse gar nicht. Zu lange hatte ich gezögert, zu lange ausgehalten. Aber es sollte sein: während ich noch am Telefon hing, um herauszufinden bei welchem Kurhaus ich mich wenigstens auf die Warteliste setzen lassen könnte, sagte just in dem Moment die richtige Familie ab und ich griff zu.
Bei weiterer Recherche stellte sich heraus, dass die Ausrichtung für uns speziell gut passen würde. Ich wurde zuversichtlich auch wenn ich mit einem Teil meiner Selbst nicht der Meinung war eine Kur wirklich verdient und nötig zu haben.
Zudem las ich vorweg einen Artikel in der TAZ wie schrecklich und furchtbar Mutter-Kind-Kuren doch seien. Und trotzdem!

„Dringend nötig!“ sagten meine Freunde, „Total verdient!!“ sagte mein Mann, „Sicher sinnvoll.“ sagte mein Hausarzt, „Wenn es sein muss…“ sagte mein Chef.

Kurz nach dem wir die Geburtstagsfeier meines Gatten hinter uns gebracht hatten (vgl. I survived the Kindergeburtstag, und ja es gab Tränen), machte ich mich Sack und Pack, mit Säckchen und Päckchen und vor allem mit meinen beiden wunderbaren Mädchen auf den Weg nach Franken, wo die Kur stattfand.
Ich war endlich der Meinung, dass eine Kur mir gut tun würde.
Wer vor dem Packen und der Anreise zur Kur noch nicht völlig kurreif ist, ist es sicher danach.

Ich hatte vor an mir zu arbeiten. Mich zu optimieren und alltagstauglicher zu werden. Geduldiger mit den Kindern, dickfelliger gegenüber meinem Chef und zuversichtlicher im allgemeinen.

Und endlich, endlich wieder voller Energie sein für alle Herausforderungen des Lebens, denen man ja ohnehin nicht aus dem Weg gehen kann. Ich wollte fleißig sein und endlich die perfekte Mama. Nebenbei wollte ich endlich wieder schreiben (abends), mit den Kindern basteln und vorlesen.

Ich selbst sah mich zwar etwas erschöpft, klar, hatte das eine oder andere Zipperlein, der Schlaf war etwas rar.
Aber letztendlich hat doch jeder sein Päckchen zu tragen und meines erscheint mir meist nicht ungewöhnlich groß.
Nun ja. Immerhin würde es bedeuten, dass ich ENDLICH mehr Zeit für meine zauberhaften, wissbegierigen Kinder hätte.

Allein das ist mir so manches wert.

Voller Tatendrang kam ich also an: 
Und dann… …passierte erst einmal gar nichts!
Wir warteten darauf anzukommen. Wir hatten ein Aufnahmegespräch. Wir bezogen unser Zimmer. Wir gingen auf den Spielplatz. Die Kinder knüpften Kontakte. Ich ließ mein Hirn baumeln. Am Abend nach dem Abendessen, fielen wir alle drei ins Bett.

In der Eröffnungsrunde war ich die erste die greinte. Aber definitiv nicht die letzte. Ich hatte meinen Stundenplan und der war voll. Gut so, ich wollte fleißig sein und an mir arbeiten. Ich hatte Zeit mit den Kindern, aber weniger als gedacht.

Ich fing an neben meinen geplanten Gesprächen und Massagen und Gruppen und Sportangeboten und was weiß ich, auch mit anderen Müttern ins Gespräch zu kommen.

In der zweiten Woche hatte ich zwei einschneidende Erlebnisse.
Ich begriff, dass ich doch etwas mehr am Limit war als ich dachte und dass es sehr wohl noch eine mächtige Stellschraube gab an der ich mit etwas Mut drehen konnte. Ich war die ganze Zeit der Meinung, den Job zu wechseln käme nicht in Frage. Eine Probezeit zu riskieren in meiner Gesamtsituation wäre außer Diskussion. Aber ich erkannte, dass ein Chefwechsel die einzige verbliebene Stellschraube war. Und dass nichts zu ändern und einfach so weiter zu machen wie zuvor das größere Risiko darstellte.

Außerdem unterhielt ich mich mit einer der anderen Mütter und stellte fest, dass sie in einer ähnlichen Konstellation eben nicht einfach gekämpft hatte, sondern aufgegeben und anders weiter gemacht hat.
Das erste Mal, nahm ich mich und mein Durchbeißen nicht für selbstverständlich, sondern sprach mir selbst Anerkennung zu.

Beide Erkenntnisse haben mein Leben bereichert. Ich habe viel Kraft getankt, habe einiges gelernt und über mich erfahren, fühlte mich gut aufgehoben.

In der dritten Woche verletze ich mir den Fuß. Tagelang konnte ich nicht auftreten ohne, dass mir schwarz vor Augen wurde. Ich musste mein Programm auf das Notwendigste herunter streichen. Ich musste mich mit dem Nichtstun beschäftigen. Mit mir selbst. Ich hatte vergessen wie das war. Und auch hier gewann ich neue alte Einsichten. Und ich merkte, wie sehr ich einem beständigen Grundrauschen ausgesetzt war. Die ganze Zeit.

Vor allem aber habe ich neue Freunde gewonnen. Denn wenn man sich unter Müttern zuhört und Verständnis für einander aufbringt, wenn man sich, wie in einer Kur, bewusst macht, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat und aufhört sich blenden zu lassen von den perfekten Müttern.
(Die Mütter, die man überall zu sehen scheint, die alles spielend hinbekommen, die immer geduldig sind, die immer Zeit haben für Arbeit und Kinder und Haushalt und Hobbies und Freunde und Familie und Basteln und Backen für irgendwelche Anlässe und und und)
Dann merkt man, dass man nicht allein ist. Dass da eine unglaubliche Wertschätzung sein kann. Dass man sich GEGENSEITIG gut tun kann. Genauso wie es eigentlich immer sein sollte.

Heute sitze ich hier und es geht mir gut. Ich habe inzwischen in einer neuen Firma angefangen.
Ich schreibe wieder. Ich liebe meine Familie und meistens habe ich auch Geduld.

Ich bin immer noch genauso weit entfernt von der Mutter, die ich gerne sein würde, aber ich habe gelernt, dass es den meisten Müttern nicht so viel anders geht. Ich weiß mich selbst wieder mehr wertzuschätzen. Ich bin gelassener, habe nettere Chefs und mehr Zeit.

Meine Theorie: Jeder kann von einer Kur profitieren. Wer die Chance hat, sollte sie nutzen. Es ist kein Zeichen von Schwäche diese Möglichkeit zu nutzen, es ist ein Zeichen davon, dass man sich selbst gut behandelt und die richtigen Weichen zu setzen bereit ist.

Gute Wünsche

Früher, als ich ein Kind war, habe ich meine Großmutter immer ein wenig belächelt, wenn sie mit viel Brimbamborium Wert darauf legte, dass sie einem vor allem Gesundheit wünschen wollte, egal zu welchem Anlass.
Später musste ich immer noch ein wenig schmunzeln als meine Tante und irgendwann auch meine Mutter dem Wunsch Gesundheit, der immer schon bei ihnen auf den diversen Geburtstagskarten zu finden war, immer mehr Gewicht gaben.
Mei, dachte ich, die werden halt allmählich alt. Wirklich verstanden, habe ich den Wunsch erst später. Und ich glaube, der Wunsch hat mehrere Bestandteile.

Für den ersten Teil muss ich etwas ausholen:

Als meine Eltern schon eine Weile geschieden waren und mir längst klar war, dass mein Erzeuger nicht unbedingt den Hafen bot, in dem man Schutz und Geborgenheit finden kann, fing in mir irgendwann die Angst an zu wachsen, meiner Mutter, der einzigen, die für mich da war, meinem Hafen, könnte etwas zustoßen.
Besondere Angst hatte ich irgendwie davor, dass sie morgens einfach nicht mehr aufwachen würde. Vielleicht weil sie mir das mal als eine erstrebenswerte Art zu sterben genannt hatte, wie auch immer.
Ich fing daher an, jeden Abend meinem „Gute Nacht“ ein „Bis morgen früh“ anzufügen. Wie eine Zauberformel, eine Bitte. Sobald ein bestätigendes „Ja, bis morgen früh“ zurück kam, konnte ich ruhig schlafen.

Das zwanghafte ist mit der Zeit etwas verloren gegangen, aber die Angst, dass einem meiner Lieben etwas zustoßen könne, ist geblieben. Und dies ist, denke ich, in dem Wunsch nach Gesundheit tief verankert. Ganz egoistisch, weil ich es selbst kaum ertragen könnte, wenn irgendjemandem der mir halbwegs oder sogar richtig am Herzen liegt etwas zustoßen könnte.

Der zweite Bestandteil ist wohl tatsächlich eine Alterserscheinung.
Der gesunde junge Kinderkörper verwandelt sich nach und nach in einen Bürogeherkörper, mit wenig Zeit zum Dehnen und Strecken. Die ersten Sehnenverkürzungen machen sich bemerkbar, die ersten Verschleißerscheinungen und man fängt an zu ahnen, wie wichtig Gesundheit für jeden von uns ist.

Der dritte Bestandteil beruht dann auf Erfahrung. Wenn man das erste Mal wirklich um jemanden gebangt hat, um das Leben eines kranken Menschen gebetet hat, noch mal Zeit zusammen geschenkt bekommen hat, Gott allein weiß wieviel oder wie wenig, dann ist man an dem Punkt, wo man begreift: „ Die Großmutter hatte recht, die ‚Alten‘ hatten alle recht.“ Das einzige was wirklich, tatsächlich richtig wichtig ist, ist die Gesundheit.
Gesund bleiben. Gesund werden. Nahe dran sein am gesund sein, solange es geht.