Sinnlich

Man weiß ja mittlerweile, dass es die unterschiedlichsten Typen gibt.

Und der getreue Leser wird mittlerweile Wissen, dass ich ein absolutes Faible für Typisierungen und Kategorien habe (auch wenn ich selber natürlich nicht einfach in eine Schachtel gesteckt werden will mit einem großen Wapperl „Typ soundso, handle with care“).

Genauso wie es, laut einer Freundin, unterschiedliche Typen bei dem Ausdruck von Zuneigung (Schenker, Kümmerer, Mensch der Worte, Haptiker, Da-Seier) gibt, gibt es auch unterschiedliche Wahrnehmungstypen.

Interessanterweise kann man schon in der Verwendung von Sprache einen Eindruck kriegen, in welche Richtung ein Mensch tendiert.
Visuelle Typen (Augentierchen) tendieren dazu auch beim sprechen
Verben zu bevorzugen, die eher in den visuellen Bereich zielen „Ich
sehe da eine Verbindung“.
Akustische Typen (Summer) werden eher in diese Richtung sprechen „Nachtigall ick hör Dir trapsen“.
Haptische Menschen (Andatscher) werden einen Sachverhalt vermutlich „begreifen“ statt „einsehen“ oder „hören“.

Dies ist alles nicht meine Theorie sondern vermutlich den meisten bereits bekannt.
Meine Theorie ist, dass auch wichtige Ereignisse im Leben nur dann an Substanz
gewinnen, sich einbrennen, Gehör finden, wenn dabei die richtigen Reize angesprochen werden.

Für einen mag z.B. eine neue Wohnung erst dann real werden, wenn er ein paar Mal die Türen geöffnet und geschlossen hat, die Stufen gegangen ist, den Boden unter den Füßen gespürt haben mag…
Für einen Anderen wird ein neuer Job dann real, wenn er die Stimmen der Kollegen und die Bürogeräusche gehört hat…

Und für einen Dritten ist ein Nachwuchs dann real, wenn das erste
verschwommene Ultraschallbild zu sehen ist.

Und zum Glück gibt es ganz viele Mischtypen, die vielleicht eine Tendenz haben eine
Hochzeit erst abzuspeichern, wenn sie Glocken läuten hören, aber trotzdem in der Lage sind auch das Brautpaar zu sehen und zu drücken und dadurch das Erlebnis speichern.

Stilles Beschäftigen

In der Grundschule fängt das eigentlich an: ein paar sind schnell, weil sie
schlampig, besonders begabt, besonders zügig oder halb arbeiten, während
andere die gründlicher, langsamer, weniger begabt oder unkonzentrierter
arbeiten einfach ein bisschen länger brauchen. Damit die, die länger brauchen
trotzdem noch konzentriert arbeiten können oder durch ihre eigene Langsamkeit
total frustriert werden oder Aggressionen gegen Schlamper entwickeln, erfolgt
sobald der Lehrer oder die Lehrerin eine gewisse Unruhe bemerkt, die
Anweisung für die, die bereits fertig mit der Aufgabe sind, sich „still zu
beschäftigen“.

Natürlich merken die Langsamen sehr wohl, wer schneller war, wenn auch zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt, warum dies der Fall ist und kommen sich einfach nur langsam klein und dumm vor.
Man kann fast sicher sein, dass die meisten der Langsameren früher oder später auch zu den schnellen gehören (wollen). Allerdings sind die schnellen Langsamen in der Regel die schlimmsten Schlamper.

Bei einigen, seien es von Natur aus schnelle Arbeiter oder eben gewachsene schnelle Arbeiter, die mit dem Trauma des ewig zu langsamen behaftet sind, schleift sich das „still beschäftigen“ so sehr ein, dass sie es auch lange nach der Schule, lange nach der
Ausbildung bis ins hohe Alter für den Notfall oder, bei den ganz harten Fällen, für den Alltag bereit haben.
Die Technik, des fertigseinsverschleierns ist bei Erwachsenen häufig wesentlich verfeinert.
Manchmal habe ich sogar den Eindruck, je länger die Schulbildung gedauert hat, desto unauffälliger können diese Menschen ihr „stilles Beschäftigen“ als produktives Tun tarnen, um sich nicht den Ärger der gründlichen, langsameren zuzuziehen.

Die Wut derer, die die „stillen Beschäftiger“ erwischen, ist dafür umso heißer. Dies trifft besonders zu, wenn das „stille Beschäftigen“ vielleicht durch jemanden praktiziert wird auf dessen Freigabe, Zuarbeit oder sonst wie wartet, wenn es sich um jemanden handelt den man bezahlt, oder wenn es jemand ist, mit dem man sich direkt die Arbeit teilt. Besonders lässt es einen auch dann die Augenbrauen hochziehen, wenn man denjenigen am lautesten über die viele Arbeit jammern hört (auch ein Teil der Taktik).

Was diese Leute, die ertappen, vergessen, ist, dass auch im Erwachsenenalter ein
„stilles Beschäftigen“ meist einer Not entspringt. Niemand würde es nicht bevorzugen bei Sonne am See herum zu tollen oder sich dort ganz freiwillig still mit einem Buch zu beschäftigen oder im Winter mit einer heißen Tasse Tee liegengebliebenes zu beseitigen. Jeder würde vermutlich lieber etwas neues Lernen, ein neues spannendes Projekt angehen oder einfach die Einsicht bekommen, dass die Arbeit die gemacht wird nicht ein reiner Kampf gegen Windmühlen ist, bei dem sich Gründlichkeit kaum lohnt.

Meine Theorie ist es, dass die schlimmste Strafe für einen Menschen, schlimmer noch als dies als Beobachter mitzubekommen, es ist sich „still beschäftigen“ zu müssen.