Ponyhof und Streichelzoo

Sogenannte soziale Netzwerke machen das Leben irgendwie eigenartig.
Darüber habe ich mir hier ja schon das eine oder andere Mal den Kopf
zerbrochen. z.B. was das Revierverhalten betrifft.

Heute denke ich also wieder darüber nach, wie sich unsere schöne neue Welt
verändert.

Man „befreundet“ sich mit Menschen, die man kennt, bleibt so leichter in Kontakt, hat einfach einen Kommunikationskanal mehr. Es fällt also noch ein wenig schwerer sich aus den Augen zu verlieren; und jemanden nicht mehr im Leben haben zu wollen, wird noch viel mehr zu einer aktiven Entscheidung und sobald man die getroffen
hat, zu einem klaren Signal für den anderen. Aber man „befreundet“ sich eben
häufig auch mit denen, die man nur irgendwann mal gekannt hat.

Vermutlich ist das für die nächste Generation schon ganz anders, weil man da
von Anfang an auch auf diesem Weg vernetzt ist.
Anders ist es in meiner Generation, wo man Leute z.B. aus der Grundschule, häufig nicht mehr unbedingt so auf dem Radar hat, dass man alle Veränderungen der letzten Jahre mitbekommen hat.
Ab und zu trifft man sich irgendwo. Es kann also sein, dass man Bekannten z.B. am Bahnsteig begegnet, die man Jahre nicht gesehen hat. Wenn es angenehme Zeitgenossen waren, als man noch mehr mit ihnen zu tun hatte, fängt man wahrscheinlich ein kleines Schwätzchen an.
Man fragt sich gegenseitig, wie es so geht, was es für Neuigkeiten gibt und entscheidet sehr genau, was man dem anderen erzählt.
Diejenigen, die man schon früher nicht ganz so mochte „übersieht“ man vielleicht oder grüßt nur kurz, bevor man sich wieder in sein Buch vertieft.
Völlig anders ist es bei sozialen Netzwerken. Da man dort von Zeit zu Zeit auch wirkliche Schätze wieder ausgräbt, oder auf einfachem Weg mit Leuten ins Gespräch kommt, mit denen man sich vielleicht früher gar nicht ganz so viel zu sagen hatte und dann eben plötzlich doch, oder einfach neugierig ist, ist man dort etwas offener. Sich dort mit jemandem „anzufreunden“ ist ein wenig wie das Grüßen am Bahnsteig. Man kennt sich oder kannte sich und grüßt eben. Die weniger angenehmen Zeitgenossen
„übersieht“ man mit den besonders angenehmen fängt man vielleicht sogar ein
angeregtes Gespräch an. Der Gesprächseinstieg funktioniert fast genauso, wenn
man keinen guten „Aufhänger“ hat sagt man eben nur: “Das ist aber nett, dass
ich Dich hier treffe.“
Allerdings ist die Situation in zwei Punkten hier ganz anders, als in der Realität.
Erstens denken leider nur sehr wenig Menschen darüber nach, was sie den einzelnen Menschen erzählen möchten.
Ich persönlich teile meine „Freunde“ von Anfang an in verschiedene Gruppen auf, um es eben zunächst mal bei einem kurzen Gruß zu belassen. Nur ausgewählte Personen (die ich nebenbei bemerkt an meinen Händen abzählen kann) erfahren wirklich alles, was ich über diesen Kanal teilen möchte (und auch das ist sicher nicht alles, was meine Freunde in einem persönlichen Gespräch erfahren oder was es zu erzählen gibt oder sogar was registrierte Leser hier erfahren).
Das fassen zwar sicher viele als unhöflich auf, ist aber in meiner Wahrnehmung nicht
unhöflicher als sich nach einem kurzen Smalltalk wieder seinem Alltag
zuzuwenden.
Andere sind da deutlich offener. So kann es z.B. sein, dass man bei diesen kurzen Begegnungen erfährt, dass der andere geheiratet hat, wo genau derjenige wohnt, wie der Nachwuchs auf dem Ultraschall aussieht, welches die Lieblingskneipen sind, wann die Wohnung leer steht, wie er seinen letzten Urlaub verbracht hat und den vorletzten und den vorvorletzten, wen er mag und wen er von seinen Freunden weniger mag und und und.
Und das ist der zweite Unterschied. Der Smalltalk, wie intim auch immer, hört nicht mehr auf. Man steigt nicht einfach aus der Bahn und geht wieder seines Weges.

Und auch wenn sich das alles vielleicht furchtbar kulturpessimistisch anhört, ist es das keineswegs. Ich wundere mich darüber. Ich mag es aber auch irgendwie. Und zwar mag ich es deshalb, weil man überwiegend schöne Veränderungen mitbekommt.

Soziale Netzwerke zeichnen die Welt in rosarot. Bei Trennungen z.B. werden
die Nutzer nämlich vorsichtig, wer was zu sehen bekommt. Schwere Krankheiten
postet man nicht bei Facebook und Co. Die Welt der sozialen Netzwerke besteht
aus Umzügen, Rotznasen, Verliebtheit, Hochzeiten, Nachwuchs, Urlauben, neuen
Jobs.
Wer nicht genau guckt, kriegt nicht einmal mit, wenn er nicht zurück gegrüßt wird oder wer einen nicht mehr kennen will.
Meine Theorie für heute also: Die Welt in sozialen Netzwerken ist ein Ponyhof
mit Streichelzoo und es gibt jeden Tag ein Wunschkonzert. Nur nicht zu genau
hingucken oder nachdenken, gell.

Wünsche

Die meisten Menschen gehen durchs Leben und können – sofern sie zu dieser
Offenheit bereit sind – auf Anhieb ein paar Wünsche nennen, die sie gerade zu
diesem Zeitpunkt mit sich herum tragen.
Bei manchen sind diese Wünsche vielleicht in Kombination etwas widersprüchlich oder sogar paradox.
Eines der alltäglichsten Beispiele ist vielleicht der Wunsch eines Menschen
auf Diät nach einem „unvernünftigen“ Essen. Auch wenn diese „Ausrutscher“
öfters durchaus zulässig sind und ihre Berechtigung haben, je nachdem welchen
(selbsternannten) Ernährungsberater man gerade fragt, zieht einen der Wunsch
nach einer großen Portion Pommes – in der Regel – nicht gerade in die
Richtung des Traumgewichtes.

Bei anderen scheinen die Wünsche vielleicht nicht auf den ersten Blick diametral entgegengesetzt, passen aber bei genauerer Betrachtung auch nicht ganz zusammen. Eine Freundin von mir hat sich zum Beispiel eine Weile aus tiefstem Herzen Kinder
gewünscht, aber als erste Antwort darauf, was sie gerade am liebsten hätte,
kam von ihr oft die Antwort: „Ruhe und Zeit für mich!“

Bei manchen sind die Wünsche emotional geprägt, bei anderen materialistisch, bei wieder anderen zukunftsorientiert und bei jedem abhängig vom eigenen Jetzt, den eigenen Erfahrungen und Prägungen.

Weisere Menschen als ich behaupten, Zufriedenheit würde bedeuten, im
Hier und Jetzt glücklich zu sein, ohne den Wunsch zu haben, etwas Wesentliches verändern zu müssen.

Für mich hört sich das etwas langweilig an. Meine Wünsche treiben mich an, lassen mich aktiv und interessiert bleiben.

Ich glaube, wichtig ist es, die Wünsche so zu sortieren, dass die jeweils aktuellen einen alle in die gleiche Richtung treiben.
Ich habe die Theorie, dass man trotz offener Wünsche Zufriedenheit spüren kann, sofern die Wünsche einen nicht spalten, sondern man durch den Weg zur Erfüllung eines Wunsches, nicht den Weg zur Erfüllung eines anderen blockiert oder verzögert. Wünsche sollten alle in die gleiche Richtung ziehen oder solange auf Eis liegen, bis die dran sind, die in die entsprechende Richtung ziehen.