Von Affen und Menschen

Bei der kleinen Feier zur Habilitation der Frau (damals Mitte vierzig) meines Cousins (ebenso Mitte vierzig) waren unter den geladenen Gästen ihre und seine Eltern (damals jeweils Ende siebzig), seine Tante (damals Endes echzig) eine Freundin der Familie mit Partner (Ende fünfzig) und die Tochter der frischaufgestiegenen Wissenschaftlerin (damals vielleicht vier).

Um die Tochter entsprechend beaufsichtigt zu wissen, und das Gespräch unter den „Alten“ nicht abreißen zu lassen, verlegte sich diese illustere Runde nach dem Schmausen alsbald auf einen Spielplatz. Dort auf aufgerichteten unterschiedlich hohen Holzstämmen sitzend, in kleineren Grüppchen von zwei oder drei saßen „die Silberrücken“ in einem weiten Kreis die Anverwandten und Freunde um das einzelne im Sand spielende Kind.

Ich musste dabei tatsächlich an eine Affenherde denken, die sich friedlich laust. Abgesehen davon, dass diese Gruppe sicher nicht der schlechteste Spiegel der Gesellschaft ist, bringt mich das Bild zu einer meiner liebsten Fremdtheorien. Das Lausen der Affen ist nicht nur in meinem Bild sondern in besagter Lieblingstheorie durch Kommunikation ersetzt. Eigentlich ist die Theorie um die es geht zwei Theorien, denn die Form der Kommunikation, die das Lausen ersetzt, wird nicht einheitlich gesehen. Einerseits wird eine Parallele zum Small Talk gezogen: „Small Talk entspricht eher dem, was wir bei unseren engsten genetischen Verwandten, den Affen, als Fellpflege beobachten […] DieseFellpflege […] erfüllt nur zum Teil eine reinigende Aufgabe. Sie dient vielmehr der Pflege der gegenseitigen Beziehung. Sowohl derjenige, der den anderen an sein Fell lässt, als auch derjenige, der die pflegerische Tätigkeit ausführt, signalisiert damit so etwas wie eine geduldete Nähe. Die Fellpflege dient also eigentlich der Pflege sozialer Bindungen.“ (vgl. http://www.news.de/gesundheit/855042844/machen-wir-s-den-affen-nach/1/)

Andererseits gibt es Parallelen zum Lästern: “Das Lausen garantiert den Gruppenfrieden, weil dadurch Freundschaften gefördert werden und Feindschaften beendet werden können, wobei auch Stress abgebaut [wird]. Je größer die Gruppe ist, desto mehr Zeit wird in Lausen investiert. In einer menschlichen Gesellschaft ist Lausen ineffizient. Die Sprache ist effektiver als der Physische Kontakt. […] Durch das Lästern haben die Menschen die Fähigkeit entwickelt Informationen über dritte auszutauschen. Außerdem findet in den Gesprächen Austausch von sozialen Erfahrungen und Normen, die die Bildung von Allianzen und Kooperationen fördern könnten. […] Wer aus der Kommunikationsgemeinschaft ausgeschlossen ist, hat Probleme Kooperations- und Sexualpartner zu finden.  (Aus Pancheva, Bistra: Die „social brainhypothesis“.)

Meine Theorie geht allerding noch weiter. Ich glaube so weit von den Affen sind wir noch nicht entfernt. Ich hatte schon damals bei der obenerwähnten Feier den Eindruck, dass Menschengruppen Affengruppen sehr ähnlich sind.

Vor kurzem, war ich dann wieder einmal erinnert an eine Affengruppe. Dieses Mal war es der Pavianfelsen im Hellabrunner Zoo.

Die Alten waren dieses Mal in der Minderheit. Vier Weibchen und nur eines davon über sechzig, ein Männchen, dass zwischendurch mit gelaust wurde aber meist den Weibchen beim Lausen zusah (vermutlich weil des Männchens Position in dieser Gruppe klarer definiert war als die der Weibchen untereinander) oder die Jungtiere, fünf an der Zahl, die um die ausgewachsenen Äffchen herumtollten, lauste. Ab und zu gesellte sich das eine oder andere Jungtier zu den ausgewachsenen Tieren, um kurz im Klammergriff Nähe zu suchen und gleich darauf wieder zu verschwinden. Ab und zu streckte eines der Weibchen einen Arm aus und griff sich eines der Jungtiere um in irgendeiner Form erzieherische Maßnahmen einzuleiten oder zu lausen. Alles in allem eine sehr entspannte und friedliche Szene. Genau so wie ich sie gerne auf den besagten Pavianfelsen beobachte.

Auch wenn sich die Alterspyramide eher zu der ersten Szene verschiebt, ist der Rest noch ganz „natürlich“.

Also lasst und Lausen, sei es durch Worte oder physische Nähe und genießen wir einfach ab und zu unser Affendasein.  


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