Sterbephasen

Bei Wikipedia findet man zum Thema Sterben unter anderem den folgenden (hier gekürzten) Eintrag:
Kübler-Ross definierte die heute anerkannten fünf Phasen des Sterbens. […] Sie bezog diese Phasen ursprünglich auf jede Art von persönlichem Verlust. […] Es handelt sich um unbewusste Strategien zur Bewältigung extrem schwieriger Situationen, welche nebeneinander vorhanden sein und verschieden lang andauern können. Es gibt auch keine festgelegte Reihenfolge und keinen Ausschluss der Wiederholung einzelner Phasen nach deren erstmaliger Bewältigung. Es können auch einzelne Phasen ganz ausbleiben.

• Nichtwahrhabenwollen und Isolierung (Denial)
• Zorn (Anger)
• Verhandeln (Bargaining)
• Depression
• Akzeptanz (Acceptance)

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass alle Phasen gemeinsam sich auch mit „Hoffnung“ beschäftigen und dass es ein Fehler wäre, dem Sterbenden Hoffnung zu nehmen.
Bei mir persönlich fehlen bei einschneidenden Verlusten (das eigenen Sterben ist bei mir bisher zum Glück kein Thema) meist Zorn und Verhandeln. Vielleicht gelingt es mir deswegen so schlecht, in solchen Fällen loszulassen.

Allerdings gibt es durchaus eine Situation (unabhängig vom zu erwartenden Ausgang) in der wirklich ganz genau die beschriebenen Phasen bei mir ablaufen. Ich bin dann ein Kübler-Ross Musterbeispiel. Nur würde diese Phasen in diesem Zusammenhang keiner erwarten.

Meine Theorie ist: Sich verlieben ist ein kleines Sterben.

Wenn ich dabei bin mich zu verlieben, unabhängig davon, ob das Objekt der Begierde dies zu erwidern scheint oder nicht, so erfolgt das in den fünf Sterbephasen. Lustigerweise laufen diese Phase sogar mehrfach ab. Meinen Freunden gegenüber, mir selbst gegenüber und evtl. noch dem Objekt der Begierde gegenüber. Und zwar in genau der Reihenfolge. So paradox es klingt, ich habe unter Umständen meinen Freunden gegenüber längst zugegeben, das es mich richtig erwischt hat und bin da schon ein paar Phasen weiter, während ich mir selbst das noch nicht annähernd eingestanden habe.
Oder ich habe die ersten apokalyptischen Reiter bemerkt (z.B. Eifersucht, erhöhte Nachsicht, übertriebene Vorfreude, überzogenes Vertrauen…), es fällt mir also schwerer mich selbst zu bescheißen (bei mir dann die Wut gegen mich selbst) und bin meinen Freunden gegenüber vielleicht längst in der tiefsten Depression. (Natürlich hat das Objekt der Begierde in der Regel immer noch keine Ahnung oder höchstens einen zulässigen ersten Verdacht wir verhalten uns schließlich wie es sich für einen Teenager Anfang dreißig gehört).

Konkret ist das dann in der Regel so:

Denial:

  • „Ne, ich bin nicht verliebt in den Kerl!“ “ Ich bin total Cool!“
  • „Naja, kann schon sein, dass ich ein wenig verliebt bin wenn Du meinst“ (in Wirklichkeit haben die guten Freunde natürlich keine Ahnung wovon sie faseln, ich bin schließlich total cool).
  • „Ne, Du bist echt nicht mein Typ. Ich finde es gut was wir haben, etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen.“ (Und unser erstes Kind soll ein Junge sein und wenn Du an unserem Jahrestag heimkommst koche ich Dir Dein Lieblingsessen, aber das würde ich Dir alles NIE sagen)

Anger:
Oje, ganz schlimm da kriegen es alle ab, inklusive mir selbst und natürlich dem Objekt der Begierde. Der arme Kerl weiß dann gar nicht wie ihm geschieht. Wenn er das durchhält, stehen dafür die Chancen extrem gut dass es auch ihn erwischt haben könnte.

Verhandeln:
Mit den Freunden, mit sich selbst (nur noch einmal treffen, sprechen, nicht mehr treffen, Kontakt abbrechen, genießen was ist, ohne nach der Zukunft zu fragen, andere suchen, nicht verliebt sein, verliebt sein) mit dem Objekt der Begierde (was will man wie wozu warum wann wie lang unter welchen Bedingungen und könnte es sein, dass es mich vielleicht erwischt haben könnte?)

Depression:
„Er will ja eh nichts“, „Keiner will“, „ Ich würde auch nichts wollen“, „Ich will gar nicht verliebt sein!“

,Akzeptanz:
Ok, ich bin tatsächlich verliebt und muss damit leben. Idealerweise erwidert das bis dahin ordentlich geschundene, Objekt der Begierde trotzdem die Gefühle. Wenn nicht bleiben zwei Optionen: Still leiden oder Flucht und dann bei den Freunden laut leiden.

Und da soll noch mal jemand sagen, ich hätte unrecht und verlieben sei nicht wie ein kleines Sterben, wie ein Abschied vom Selbst, der Selbstachtung, vom Verstand, von Vernunft und allem was sonst noch so dazu gehört.

Das schöne ist, weder ehemalige Objekte der Begierde noch zukünftige werden wohl diesen Beitrag je lesen. Manchmal ist es gut wenn ein Blog wenig gelesen wird ;-).